10 Tipps für deine Forschungsreise

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Ich habe Anfang 2019 eine dreimonatige Forschungsreise in Bogotá, Kolumbien verbracht und vorher im Internet nach Tipps, Tricks und sogenannten „Lifehacks“ zur Vorbereitung gesucht. Ich bin nicht wirklich fündig geworden – was mich sehr gewundert hat, da ja alle Doktorandenprogramme immer von der Internationalisierung sprechen.

Für alle, die ebenfalls eine Forschungsreise planen, will ich diese „Informationslücke“ schließen und meine Erfahrungen teilen. Forschungsreisen können ganz unterschiedlichen Zwecken dienen: manche sichten Archivmaterial, andere interviewen Experten oder führen eine teilnehmende Beobachtung durch, wieder andere wollen sich an einem Projekt beteiligen oder den Supercomputer nutzen. Dementsprechend müssen die Aufenthalte ganz unterschiedlich vorbereitet werden. Trotzdem habe ich ein paar Tipps und Erfahrungen zusammengetragen, die für die Planung jeder Forschungsreise sinnvoll sein könnten.

1. Wähle den optimalen Zeitpunkt

Wenn klar ist, dass du einen Forschungsaufenthalt für deine Doktorarbeit brauchst, solltest du schleunigst überlegen, wann der beste Zeitpunkt dafür ist.

Im Idealfall hast du vielleicht die Möglichkeit, mehrere Forschungsreisen zu machen. Dann empfiehlt es sich, eine Reise an den Anfang des Projekts zu legen, um vor Ort zu recherchieren. Anschließend weißt du ungefähr, welche Daten du vor Ort bekommst und kannst entspannt deine theoretischen und konzeptionellen Teile entwickeln. Dann brichst du wieder auf, gleichst alles vor Ort noch einmal ab, recherchierst das, was dir noch fehlt und schreibst dann in Deutschland alles zusammen. Wenn die Ressourcen aber nur für eine einzige Reise ausreichen, ist es bedeutend schwieriger, den perfekten Zeitpunkt zu wählen:  Fährt man zu früh, weiß man vielleicht gar nicht, was man sucht. Fährt man zu spät, fallen zwei Jahre Forschung vielleicht in sich zusammen, weil du bestimmte Akten/Informationen/Daten doch nicht bekommst. Ich denke, dass es „den“ idealen Zeitpunkt nicht gibt – wann du fahren solltest, hängt stark vom Projekt ab und davon, was du während der Forschungsreise machen willst. Ich würde jedoch aus eigener Erfahrung empfehlen, den Zeitpunkt strategisch auszuwählen. Ich wollte bereits eine ungefähre Vorstellung vom Projekt haben, aber noch flexibel genug sein, auf die Ergebnisse aus dem Feld reagieren zu können – und gegebenenfalls noch einmal alles umzubauen. Weiterhin empfehle ich, Parameter wir Klima, Ferien und Feste im Gastland mit in die Planung einzubeziehen: wenn man nur 4 Wochen in Brasilien hat und davon 2 Wochen lang Karneval gefeiert wird, hat man bestimmt ordentlich Samba getanzt, aber vielleicht selten das Archiv von innen gesehen.

2. Aktiviere alle Kontakte

Wenn du das Glück hast, dass deine Uni eine Kooperation mit einer Uni im Gastland hat, ist eine Forschungsreise meist recht einfach organisiert, du bist institutionell angebunden und hast vor Ort direkt Ansprechpartner. Falls das aber nicht Fall sein sollte, wird der „Weg ins Feld“ etwas komplizierter. Für diesen Fall lautet mein Tipp, alle Kontakte zu aktivieren. Vielleicht hast du auf einer Konferenz mal jemanden von einer Uni im Gastland kennengelernt? Eventuell hat eine Schulfreundin dort mal einen Schüleraustausch gemacht? Unterstützt die lokale Kirchengemeinde ein Projekt vor Ort, gibt es eine Städtepartnerschaft? Organisiert das lokale Gymnasium (z.B. deiner Heimatstadt) einen Schüleraustausch? All diese Kontakte können potenzielle Türöffner sein. Auch diese Leute kennen vor Ort wieder Leute, und vielleicht ist ja jemand dabei, der dir entscheidende Insider-Infos über das Archiv gibt, dir Kontakt zu einem Interviewpartner herstellt oder ein Zimmer zu vermieten hat.

3. Suche dir eine strategische Unterkunft

Wohnen in der historischen Altstadt? Hat Vor- und Nachteile!

Wenn du länger bleibst, musst du irgendwo wohnen und die Wahl der Unterkunft ist meiner Meinung nach ziemlich wichtig. „Strategisch“ ist in diesem Fall wieder abhängig vom Ziel deiner Reise und deinen Vorlieben. Es kann z.B. empfehlenswert sein, in der Nähe des Ortes zu wohnen, an dem du arbeiten wirst (Uni, Archiv, Projekt). Diese Überlegungen ist bei südamerikanischen Metropolen nicht zu unterschätzen: wenn man täglich 4 Stunden Pendelstrecke zurücklegen muss, ist die Zeit für die Forschung tatsächlich stark begrenzt. Wenn man allerdings jeden Tag an anderen Orten Termine hat (z.B. Experteninterviews), empfehle ich eine gute Anbindung an den Nahverkehr und eine frühzeitige Auseinandersetzung mit dem lokalen Bus/U-Bahn/Sammeltaxi-System. Wenn es zu deinem Ziel vor Ort gehört, die Sprache zu üben, ist eine Familie vielleicht die bessere Wahl als eine Expat-WG. Wenn du allerdings untersuchen willst, ob Expats lokale Frühstückstraditionen übernehmen, kann die Expat-WG genau der richtige Ort für dich sein.

4. Hinterlege alle Dokumente „griffbereit“

Wenn man einmal vor Ort ist, kann es problematisch werden, auf Dokumente aus Deutschland zuzugreifen. Meistens bemerkt man erst, wenn man da ist, welche Dokumente man braucht. Deshalb empfehle ich, alle Dokumente, die potenziell vor Ort relevant sein könnten, griffbereit zu hinterlegen (Klassiker sind Geburtsurkunde, Unterlagen der Krankenversicherung, Immatrikulationsbescheinigung, alles was mit Bank und Konten zu tun hat, aber auch Literatur und deine Vorarbeiten).  Was „griffbereit“ bedeutet, hängt von deiner Forschungsreise ab. Vielleicht macht es Sinn, Dokumente wirklich auszudrucken, weil du zwischendurch keinen Strom hast? Reicht es, wenn die Dokumente online sind, oder wird der Internetzugang zwischendurch zum Problem? Manche sehr wichtige Dokumente sollten vielleicht auch in Deutschland liegen bleiben, aber vielleicht so, dass Mitbewohner/Partnerin/Eltern im Notfall darauf zugreifen können (soll heißen: die Geburtsurkunde nicht im WG-Keller lagern, dessen einziger Schlüssel ein Mitbewohner hat, der zum Verlieren von Schlüsseln neigt).

Ich kann empfehlen, ein Schreiben deiner Uni mitzubringen, in dem drinsteht, dass du promovierst und das von deiner Betreuerin unterschrieben ist. Idealweise sollte dieses Dokument auf der Sprache des Gastlandes verfasst sein, mindestens aber in Englisch. Ich habe die Erfahrung gemacht: je offizieller es aussieht, desto besser – also spar nicht an Siegeln, Emblemen und Briefköpfen. Solch ein Schreiben kann von Nöten sein, um z.B. an Konferenzen teilnehmen zu können oder die Unibibliothek benutzen zu dürfen.

5. Mach dir einen Plan

Meistens hat man eine grobe Idee, was man mit der Forschungsreise bezweckt, z.B. „Archivgut sichten“ oder „Experten interviewen“. Besonders denjenigen, die nur einen Forschungsaufenthalt haben, kann ich nur empfehlen, diese Ziele möglichst konkret herauszuarbeiten und festzuhalten. Dabei kann es helfen, sich ganz profane Fragen zu stellen:

Welche Infos sollen aus dem Archivgut entnommen werden? Eine Antwort könnte zum Beispiel sein: Herausfinden, welche Personen bei dem historischen Treffen XY anwesend waren.  

Warum suche ich Verordnungen zur Haferflockenproduktion? Antwort: Um festzustellen, ab wann es überhaupt Verordnungen gegeben hat.

Warum interviewe ich XY? Antwort: Um herauszufinden, was das Projekt gekostet hat.

Sich diese Fragen zu stellen macht ziemlich viel Arbeit und ist nur möglich, wenn man bereits eine ungefähre Idee vom Projekt hat. Dann ist es aber überaus sinnvoll, zu wissen, was man eigentlich sucht und warum – denn je konkreter du weißt, welche Infos zu brauchst, desto besser kannst du reagieren, wenn du sie nicht bekommst.

6. Bleib flexibel

Auch wenn es paradox klingt: Ein detaillierter Plan hilft dir, flexibel zu bleiben. Anhand deines Plans kannst du immer wieder überprüfen, ob du alles beisammen hast und die Forschungsreise dich zum Ziel führt. Spoiler Alert: vermutlich wird nicht alles so klappen, wie erhofft. Eventuell kann man Akten nicht sichten, Infos nicht finden, Interviews kommen nicht zu Stande, Interviewpartner wissen dies oder jenes selbst nicht (oder wollen es nicht verraten). Das ist vollkommen normal und kein Grund zur Panik. Idealerweise kann man aber immer wieder mit dem Plan abgleichen: ich muss immer noch die Info zu XY finden. Über diesen Weg hat es nicht geklappt – noch bin ich vor Ort und kann vielleicht einen anderen Weg einschlagen, an die Info zu kommen.

Manchmal lässt sich aber einfach nicht rekonstruieren, wann es eine Haferflockenverordnung gab. Dann ist der Plan hilfreich um sich zu fragen: Was passiert mit dem Projekt, wenn ich diese Info überhaupt nicht bekomme? Brauche ich dann eine andere Info? Oder muss ich das Projekt modifizieren – und was muss ich dann machen?

Natürlich solltest du dich vom Plan nicht einschränken lassen. Manchmal findet man Dinge, von denen man gar nicht wusste, dass man sie sucht. Ich würde aber immer dafür plädieren, nicht jede Info, die potenziell interessant werden könnte, zu horten – sonst sitzt du am Ende auf einem Berg von Daten, Quellen und Interviews, die du niemals bearbeiten kannst. Es gilt den Königsweg zu finden, flexibel zu bleiben, ohne dein Projekt aus den Augen zu verlieren. Und falls du während der Forschungsreise wirklich so bahnbrechende Dinge findest, dass du alles über den Haufen schmeißen willst, sprich das unbedingt mit deiner Betreuung ab.

7. Nutze vor Ort alle Angebote

Vieles lernt mich nicht an der Uni, sondern beispielsweise im Museum

Je nach Projekt können viele interessante Diskussionen und Informationen außerhalb des Archivs oder der Uni zu finden sein – das gilt vermutlich besonders, wenn dein Forschungsthema sehr aktuell ist oder deine Forschung ethnografisch angehaucht ist.  Deshalb würde ich empfehlen, vor Ort zu überprüfen, ob Bibliotheken, Stiftungen oder Think Tanks Veranstaltungen organisieren, die für dich relevant sein könnten. Oft gibt es Newsletter, die man abonnieren kann oder es reicht, diesen Institutionen auf Social Media zu folgen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Auch Sonderausstellungen in Museen, Nachbarschaftstreffen, Workshops, kritische Stadtrundgänge – all das bietet eventuell spannende Perspektiven auf dein Thema. Es lohnt sich, die Tageszeitung zu studieren und lokale Kolleginnen, Freunde oder Mitbewohnerinnen darauf aufmerksam zu machen, dass man auch solche außeruniversitären Events gern nutzen würde – ich wurde so zu einigen spannenden Veranstaltungen eingeladen, die mir mehr gebracht haben, als ein ganzer Tag in der Uni-Bib.

8. Vergrab dich nicht (nur) in Arbeit

Dieser Tipp gilt zum einen, wenn du – wie ich – in einer Kulturwissenschaft promovierst. Viele Dinge habe ich während meiner Feldforschung nicht an der Uni kapiert, sondern bei Gesprächen, die auf den ersten Blick nichts mit der Forschung zu tun hatten (vgl. auch den vorherigen Tipp). Meiner Meinung nach gehören für Kulturwissenschaftlerinnen auch kulinarische Streifzüge durch lokale Spezialitäten, Stadtführungen, der Besuch von Museen, Teilnahme an Feiern und dergleichen im weitesten Sinne zur „Forschung“ – und zwar ganz unabhängig vom konkreten Thema der Diss.

Weil man nicht den ganzen Tag arbeiten kann – Besuch auf der Kaffee-Finca

Zum Anderen halte ich es einfach niemals für sinnvoll, NUR zu arbeiten und sich vollkommen aufzureiben. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass das in der Feldforschung schnell passieren kann. Wenig Zeit, vielleicht wenig soziale Kontakte und wenig andere Verpflichtungen verleiten dazu, 24/7 an der Forschung sitzen zu wollen (davon wird die Arbeit aber nicht unbedingt besser, s. z.B: hier). Auch während der Forschungsreise sollte man sich Pausen einräumen und Feierabend und Wochenenden einhalten (das gilt natürlich vor allem für längere Aufenthalte). Außerdem ist es doch irgendwie schade, am Ende der Forschungsreise nicht anderes als den Schreibtisch gesehen zu haben. Natürlich ist der Aufenthalt im Ausland kein Urlaub, aber ich finde trotzdem, dass man sich zwischen anstrengenden Archivtagen oder Interviews auch mal eine Pause gönnen und ein wenig „Tourismus“ einschieben darf – sei es durch Tagesausflüge, Aktivitäten mit lokalen Freundinnen oder dem Besuch von Restaurants.

9. Don’t be a Gringo

Dieser Tipp gilt besonders – aber nicht nur – für Doktoranden, die ihre Forschungsreise im globalen Süden verbringen.

„Gringo“ ist in Lateinamerika ursprünglich ein abwertender Begriff für Nordamerikaner, wird aber inzwischen vor allem für Touristen verwendet, die sich „unmöglich“ aufführen. „Unmöglich“ heißt in diesem Fall meistens, dass diese Personen sich überlegen fühlen, lokale Gegebenheiten nicht respektieren und keinerlei Interesse daran zeigen, unbekanntes kennenzulernen.

Ich selber betrachte mich in diesem Feld – das „Gringo-Sein“ zu vermeiden – absolut nicht als Expertin und lerne jedes Mal dazu. Deshalb möchte ich hier keine konkreten Tipps geben (das können andere besser). Was es genau heißt, sich vor Ort nicht wie ein Gringo aufzuführen, ist natürlich stark vom Land und dem Kontext abhängig, in dem sich die Forschungsreise abspielt. Ich halte es jedoch für sinnvoll, sich bewusst zu machen, welche Privilegien Faktoren wie die eigene Hautfarbe, Staatsangehörigkeit, Religion oder das Geschlecht mit sich bringen. Von diesem Bewusstsein aus kann man sich Gedanken über das eigene Auftreten, bestimmte Sprechweisen und (Be-)Wertungen und vieles mehr machen.

Vieles wird vor Ort anders funktionieren, als man es in Deutschland gewohnt ist – sei es der Nahverkehr, die Uni-Bibliothek, das landestypische Frühstück oder die akademische Kultur. Ich plädiere stark dafür, diese Unterschiede als solche anzunehmen (eine andere Art, Alltagsprobleme zu lösen) und nicht zu werten.

10. Extra-Tipp für alle, die Interviews führen: transkribiere – wenn irgend möglich – vor Ort.

Dieser Tipp provoziert oft Stirnrunzeln – die kostbare, begrenzte Zeit auf der Forschungsreise fürs abtippen nutzen? Ja, genau das empfehle ich! Einerseits hat mir das Transkribieren sehr geholfen, meine Interviews zu verbessern. Beim Interview war ich oft so aufgeregt, dass ich gar nicht alles mitbekommen habe. Erst beim Transkribieren habe ich gemerkt, welche Fragen bei meinen Interviewten Verwirrung stifteten oder welche Fragen ich vielleicht besser ans Ende stellen sollte. Außerdem habe ich beim Tippen Widersprüche oder offene Fragen festgestellt, die ich dann beim nächsten Interview gezielt ansprechen konnte.

Zweitens hatte meine „Vor-Ort-Transkription“ psychologische Vorteile. Seien wir ehrlich: das Transkribieren von Interviews ist wohl einer der ätzendsten Arbeitsschritte einer Dissertation.  Ich habe Kollegen, denen der Berg von ungetippten Interviews geradezu Albträume bereitet und die das Thema monate- oder sogar jahrelang vor sich herschieben. Ich bin wahnsinnig froh, dass ich das ganze Thema „Interviews“ nach meiner Rückkehr zu den Akten legen konnte.

Mit Third-Wave-Coffee lässt sich sogar das Transkribieren aushalten

Vor Ort gab es immer Wartezeiten, die ich hervorragend zum Transkribieren nutzen konnte, z.B. Wartezeiten auf Flughäfen, verschobene Interviews und andere Verzögerungen im Betriebsablauf („Der Herr XY ist leider noch nicht da, Sie können gern hier warten“). Ich hatte den Laptop und die Kopfhörer immer dabei und habe diese Zeiten genutzt. Natürlich haben die Wartezeiten aber nicht gereicht, um alles zu tippen. Ich habe auch ganze Transkriptionstage eingelegt. Aber auch das war in Kolumbien weit weniger ätzend als in Köln: Ich habe mir für jeden Transkriptionstag ein anderes gemütlichen Café ausgesucht und das Tippen mit Kaffee-Verkostung verbunden. Dafür war Kolumbien natürlich der perfekte Ort – der Kaffee in Kolumbien ist großartig und das Preisgefüge so, dass ich mir derartigen Luxus leisten konnte.

Natürlich gibt es super-kurze und super-vollgepackte Forschungsreisen, auf denen das Transkribieren nicht möglich ist oder Orte, an denen man aus Sicherheitsgründen keinen Laptop durch die Gegend tragen sollte. Aber auch da empfehle ich, das Thema direkt nach der Rückkehr anzugehen.

Diese Liste ist bestimmt nicht vollständig – ich freue mich, wenn ihr eure persönlichen Tipps und Lifehacks in den Kommentaren mit uns teilt!

In diesem Sinne – gute (Forschungs-)Reise!

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