8 Dinge, die ich über die Wissenschaft gelernt habe

Between the lines – Die ungeschriebenen Regeln der Wissenschaft verstehen lernen
(Foto: Guido Klumpe, Flickr)

Bei einer Weihnachtsfeier saßen wir – Doktoranden, Hilfskräfte und andere Beteiligte im Wissenschaftsbetrieb – beisammen und sprachen darüber, warum es eigentlich so viele Sammelbände in den Geisteswissenschaften gibt. Jedes Jahr werden unzählige neue Sammelbände herausgegeben, die, ganz ehrlich, häufig von minderer Qualität sind und niemanden sonderlich interessieren. Aber es wird fleißig weiter publiziert. Warum?

Und warum tragen eigentlich auf Konferenzen immer nur die selben Namen vor (und wollen am liebsten vorher wissen, wer noch so kommt)? Und stellen Fragen, die allenfalls peripher etwas mit dem Vortrag zu tun haben?

Hier legten wir kurz eine Pause ein.  Unsere junge Kollegin warf ein, dass sie gerade außerordentlich viel lerne. Tatsächlich: Das war nur der Anfang von lauter ungeschriebenen Regeln, die unser Wissenschaftsgebäude zusammen halten. Wir haben mal zusammengetragen, was uns so einfällt an Regeln, die man als Studentin nicht einmal erahnt hat, die aber als Doktorand höchst nützlich zu wissen sind. 

1. Sammelbände zählen nur so halb

Machen wir mal mit den Sammelbänden weiter. Dass es so viele Sammelbände gibt, liegt daran,  dass es so viele Konferenzen gibt. Aber eine Konferenz ist nur etwas wert, wenn sie einen Sammelband produziert. Und so viele Konferenzen gibt es nur, weil sie a) Sammelbände produzieren und b) sich sowohl Konferenz als auch Sammelband super auf dem Antrag für die nächsten externen Fördergelder machen. Denn beides ist sichtbarer Output – verständlich, denn Drittmittelgeber wollen sehen, dass der oder die Bewerberin in der Vergangenheit das Geld nicht einfach hat versickern lassen. Und das Einwerben von Drittmitteln ist natürlich dieWährung der Wissenschaft, das wissen wir. 

Weil Sammelbände quasi die Massenware des Wissenschaftsbetriebs sind – sie werden, je nach HerausgeberIn, besser oder schlechter betreut, der Anspruch an die Qualität variiert – ist es relativ einfach, in einem Sammelband zu publizieren. Man muss im Wesentlichen nur bei einer Konferenz angenommen werden und hat seinen Artikel garantiert (wenn der angekündigte Sammelband dann auch herausgegeben wird). Und da es relativ einfach ist, in einem Sammelband zu publizieren und die Qualität im Allgemeinen variiert, zählt eine Veröffentlichung in einem Sammelband auf der Publikationsliste auch nur so… halb. Für Nachwuchswissenschaftler haben Sammelbänder allerdings einen entscheidenden Vorteil: Du zeigst, dass du Teil eines bestimmten Netzwerks bist. Wer hätte nicht gerne die Koryphäe seines Fachgebiets als Herausgeberin über seinem Artikel stehen?

2. Warum tragen auf Konferenzen eigentlich nur Profs vor?

Wer einmal eine Konferenz organisiert hat, weiß: Wer kommt und wer nicht kommt, bedingt sich gegenseitig. Berühmte Leute ziehen berühmte Leute an. Kommen keine berühmten Leute, bleiben auch andere berühmte Leute fern. Konferenzen sind ein Sehen und Gesehenwerden (Hier schnappt man zum Beispiel die hot topics auf, die man in seinem nächsten Drittmittelantrag unterbringen muss!). Und da es ja wichtig ist, nach der Konferenz einen Sammelband zu publizieren (s.o.), willst du als Organisatorin der Konferenz natürlich, dass die berühmten Leute kommen. Die kommen aber nur, wenn sie vortragen dürfen. Denn dann können sie ja einen Artikel draus machen, womit sich die Arbeit, einen Konferenzvortrag zu schreiben, erst lohnt. Also siehst du zu, dass alles, was Rang und Namen hat, auch vortragen darf. 

3. Wieso werden nach wissenschaftlichen Vorträgen so viele blöde Fragen gestellt?

Wissenschaftliche Vorträge – sei es bei der Konferenz, sei es im Kolloquium – dienen in erster Linie der Profilierung von Vortragendem und Publikum. (Okay, es hat auch ein bisschen was damit zu tun, Wissen zu teilen, sich der Diskussion zu stellen etc.). Damit es sich lohnt, dass du dem Vortrag zugehört hast, musst du also nach dem Vortrag unbedingt eine Frage stellen. Sonst würde ja niemand merken, dass du da warst. Wenn du schlau bist, verknüpfst du diese Frage mit einem Kommentar, der deine eigene Forschung hervorhebt und bringst deine Frage nur so im Nebensatz unter. Es geht in allererste Linie darum, dass du etwas sagst, nicht, was du sagst.

Dass > Was

4. Gremienarbeit: Das Wer zählt, nicht das Was

Die Regel DassWas ist im Fall von Gremienarbeit noch zu ergänzen: 

Wer > Dass > Was

Der Wissenschaftsbetrieb ist ein äußerst hierarchisches Gebilde. Diese Hierarchien zu kennen, ist wichtig! (siehe unten). Du solltest also nicht überrascht sein, wenn etwas, was du als Nachwuchswissenschaftlerin vorgetragen hast, übergangen wird, nur um von einem Prof (oder PI!) wieder aufgegriffen zu werden und dann mit einem bejahenden Nicken von allen Seiten zu Protokoll gegeben wird. 

5. Kenne die Hierarchien und stelle sie nicht in Frage

Professorinnen und Professoren haben in der Regel einen Lebensweg hinter sich, der viel Risiko, viel Arbeit und wenig Privatleben enthält. Sie haben sich ihren Platz in der Wissenschaft erarbeitet und erkämpft. Sie haben häufig genau die Drittmittel eingeworben, die deine Stelle finanzieren. Das wollen sie respektiert sehen. Auch wenn man sich kollegial verhält, vielleicht sogar duzt – es gibt eine Hierarchie, und als Doktorandin steht es dir gut an, dich daran zu halten. Das heißt: Anfragen deiner Chefin oder deines Chefs sind (es sei denn, sie sind deutlich anders formuliert) keine Vorschläge, sondern Anweisungen. Das heißt auch: Wenn dein Prof öffentlich bestimmte Hypothesen vertritt oder für eine bestimmte Theorie steht, dann überlege, ob du dich damit identifizieren kannst. Du willst dich nicht öffentlich davon distanzieren und wirst ohnehin von anderen damit (und mit deiner Chef/in) in Verbindung gebracht werden.

Aber das Hierarchiegebäude umfasst natürlich nicht nur Profs und Promovenden – auch Profs stehen untereinander in Konkurrenz. Ich würde die gängigen Gruppen so hierarchisieren:

PIs > Profs > apl. Profs > PostDocs/Habilitanden = Nachwuchsgruppenleiter etc. > Doktoranden > Hilfskräfte

PIs sind „Principal Investigators,“ also Hauptantragsteller bei Drittmittelanträgen, denen wir alle unser Geld verdanken (falls du keine Planstelle am Lehrstuhl hast). Sie stehen an der Spitze der Nahrungskette. Danach folgen die ganz normalen Profs, dann die außerplanmäßigen Profs (die sind Profs, werden aber nicht dafür bezahlt), dann folgen die anderen Habilitierenden oder Habilitierten im Mittelbau, dann die Promovenden und dann (yay! Wir sind nicht die letzten!) die Hilfskräfte, denen wir – wenn wir uns mit dem Chef gut gestellt haben – auch schon mal einen Arbeitsauftrag erteilen dürfen. Das Sekretariat schwebt außen drum herum. Sie sind das wahre Zentrum der Macht, mit dem du es dir nicht verderben willst!

6. Es gibt eine Hierarchie der Fachbereiche

Alles, was für die Uni Geld bringt, zählt mehr. Was Geld bringt, ist unschwer zu erkennen: die Fachbereiche, deren Promotionspreise von infineon gesponsert werden und die Stiftungsprofessuren einrichten, die von Pharmakonzernen und anderen Unternehmen finanziert werden (das Modell ist im englischsprachigen Ausland sehr beliebt – meine Lieblingsprofessur: Der „LEGO Professor of Play“ in Cambridge). Weiterer Indikator: In der Bibliothek des Fachbereichs liegt das Handelsblattumsonst zum Mitnehmen aus. Gut zu wissen ist auch, dass jeder Fachbereich grundsätzlich über der seinem Fach zugeordneten Didaktik steht. Zum Beispiel: „Ich promoviere in Physik.“ Sehr beeindruckend! „Ich promoviere in Physik …. didaktik.“ Nicht mehr so beeindruckend. Sorry 🙂

7. Burnout gehört zum Berufsethos

Als Wissenschaftlerin definiere ich mich über meine Arbeit wie kaum ein anderer Berufsstand. Dazu gehört, dass ich (vermeintlich) alles gebe für die Arbeit. Hobbies oder Privatleben sind tabu! Denn um Ernst genommen zu werden, solltest du möglichst gestresst wirken. (Das scheint ein in den Naturwissenschaften besonders verbreitetes Symptom zu sein.) Aber, Trick: Du kannst trotzdem ein Privatleben haben. Rede einfach nicht zu viel darüber mit deinem Chef. Wenn du dann auch noch ab und zu samstags im Labor stehst, ist der Eindruck perfekt!

8. Publish or Perish, aber niemals in einer „vanity press“

Es kam letzte Woche schon zur Sprache: In der Wissenschaft zählt „publish or perish“. Wir forschen nicht (nur) um der Forschung willen, sondern immer mit einem Auge auf die nächste Publikation. Aber, Achtung: Halte dich fern von sogenannten vanity presses! Eine vanity press ist ein nicht ernst zu nehmender Verlag, der alles publiziert, was du ihm hin wirst. Neben einer Google-Recherche sind solche Verlage leicht daran zu erkennen, dass sie dir einmal im Semester einen Brief schicken, in dem sie dir anbieten, deine Diss. bei ihnen zu veröffentlichen. Wer so etwas macht, der hat es nötig – Finger weg!

Welche ungeschriebenen Regeln fallen euch ein? Habt ihr einmal ungewollt gegen eine Regel verstoßen? Wir freuen uns auf eure Geschichten! Schreibt uns gerne in den Kommentaren oder bei cafecumlaudeblog [at] gmail.com.

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