Abbrechen oder Durchhalten? Teil 1

Herzlich Willkommen zurück nach der Sommerpause! Ich hoffe ihr ertragt die Hitzewelle und verbringt eure Zeit im Wasser statt am Schreibtisch soweit möglich.

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Ich wage mal diese These: Jede Doktorandin und jeder Doktorand denkt während der Promotion ans Aufhören. Die Frage ob man eine Promotion durchziehen oder abbrechen sollte wird dementsprechend in Foren und auf Blogs viel diskutiert. Auch mir ist beim Schreiben aufgefallen, dass es eine Menge Argumente, Gefühle und Sorgen gibt, die dabei mitspielen. Daher wird dieser Artikel zwei Teile haben. In Teil 1 geht es um die häufigsten Probleme, die Doktoranden ans Aufhören denken lassen. In Teil 2 wird es um die guten oder schlechten Gründe gehen aus denen Doktoranden sich dann doch entscheiden weiter zu machen.

Für mich kam der „Abbrechen oder Weitermachen?“-Punkt nachdem ich ungefähr 2 ½ Jahre an der Diss gearbeitet hatte. Ich hatte gerade ein neues großes Projekt angefangen, dass ich abschließen musste und das nicht gut lief. Die Arbeit war zu dieser Zeit sehr anstrengend und ich war mir nicht sicher wann oder ob sie überhaupt fruchten würde. Ich schlief schlecht, war unzufrieden mit mir und den Ergebnissen und quälte mich so durch den Tag bis mir irgendwann ernsthaft der Gedanken kam, dass ich ja einfach kündigen könnte. Ich habe vielleicht ein halbes Jahr darüber nachgedacht, bis ich mir sicher war die Promotion durchzuziehen. Nicht, dass dann magically alles super war, aber zumindest hatte ich die Belastung des Grübelns nicht mehr.

Es gibt keine verlässlichen Zahlen dazu wie viele Doktoranden ihre Promotion abbrechen, auf der Seite der Stadt Berlin heißt es 17 %, bei der Süddeutschen 20 % und wenn ich in meine Arbeitsgruppe schaue sind es auch etwa 20 %. Die meisten Promotionen werden nach zwei bis drei Jahren abgebrochen.

Auf dem Doktorandenblog ThesisWhisperer gab es schon vor einigen Jahren einen spannenden Artikel zum Thema „Why do people quit the PhD?“. In dem analysiert Inger Mewburn die Kommentare unter einem anderen Artikel auf ihrem Blog in dem es um das Abbrechen der Promotion geht. Sie sucht Themen, die oft wiederkehren und damit vermutlich häufige Gründe für das Abbrechen der Diss sind und was sie über die Erfahrung als Doktorand*in erzählen.

Die häufigsten genannten Gründe, um über den Abbruch der Promotion nachzudenken, waren:

  • Probleme mit dem Betreuer
  • Verlorenes Interesse an der Forschung/ verlorene Motivation
  • Entscheidung gegen eine Universitätskarriere und die damit einhergehende Frage ob der Dr. Titel einem überhaupt etwas bringt oder eher schadet

Zu diesen Punkten habe ich mir ein paar Gedanken gemacht. Alle Artikel die sich mit Krisen während der Doktorarbeit beschäftigen haben wir übrigens hier für euch zusammen gefasst.

Probleme mit dem Betreuer (Doktormutter/Doktorvater/Team/Kollaboration)

Probleme mit dem Prof können sich wirklich dramatisch auf die Promotion auswirken. Vielleicht ist dein Betreuer einfach nicht zu erreichen, du wirst nicht unterstützt, du darfst nicht zu spannenden Konferenzen fahren oder bekommst nicht das Material, das du brauchst. Besonders bitter ist es, wenn deine Forschung dir eigentlich viel Spaß macht und nur deine Doktormutter oder dein Doktorvater dir Schwierigkeiten macht.

In diesem Fall sollte man so früh wie möglich externe Hilfe anfragen. An jeder Universität gibt es Doktorandenberatungen, die in solchen Situationen helfen können (hier haben wir ein Interview mit Julia Simoleit, die an der Uni Münster Doktoranden berät). Manchmal passt es zwischen Doktorand und Prof nicht im Bezug auf die Arbeits- und Kommunikationsweise, da kann man mit dem Blick von außen aber oft helfen. Es gibt aber auch einfach Professorinnen und Professoren, die nicht in der Lage sind gut mit anderen Menschen zusammen zu arbeiten. Wenn du an so jemanden geraten bist, ist es eine Option die Betreuung zu wechseln.

Verlorenes Interesse/ Verlorene Motivation

Es ist völlig normal mal nicht motiviert zu sein. Wenn man längerfristig nicht mehr an der Arbeit interessiert ist, lohnt es sich die Gründe dafür zu verstehen. Bist du in einer emotionalen Extremsituation wie einer Trennung, Krankheit oder Tod eines nahen Menschen? In solchen Situationen kann es sehr hilfreich sein sich Hilfe bei der Promotionsberatung, dem psychosozialen Dienst der Universität oder einem unabhängigen Coach/Therapeuten zu holen.

Oder passt die Art der Promotion für dich einfach nicht mehr? Manchmal setzt man sich selbst unter Druck, weil man sich einredet, dass man ein Ziel nur jetzt und nur so wie man es bisher macht erreichen kann. Manchmal stimmt das auch, aber längst nicht immer. Im Bezug auf die Promotion kann man sich überlegen ob es die Möglichkeit gibt eine Pause zu machen oder in Teilzeit zu promovieren. Vielleicht hat man sogar die Möglichkeit erst einmal ein paar Jahre in einem anderen Beruf zu arbeiten oder sich etwas anderem zu widmen und dann nach Jahren die Dissertation abzuschließen. Es gibt für die Abgabe der Dissertation keine prinzipielle Deadline. Man muss eine Diss nicht in maximal sechs Jahren abschließen. Selbst wenn man in einem Bereich promovieren möchte, in dem die Projekte normalerweise zeitsensitiv und ortsgebunden sind, kann man auch diese Promotionen mit 35 oder gar 45 anfangen.

Vielleicht bringt auch ein Aufenthalt in einem anderen Labor (eventuell in einem anderen Land) neue Impulse und neuen Spaß. Vielleicht lohnt es sich deine Doktormutter oder deinen Doktorvater mal auf solche Austauschmöglichkeiten anzusprechen.

Oder du nimmst erst mal deinen Jahresurlaub und suchst Abstand zur Diss, falls du über ein Stipendium bezahlt wirst solltest du trotzdem kein schlechtes Gewissen haben Urlaub zu machen. Ich finde die 30 Tage Urlaub, die man im öffentlichen Dienst bekommt sind eine gute Richtschnur. Mit 20 Tagen Urlaub kann man vier Wochen weg sein und vielleicht eine neue Perspektive gewinnen. Wenn du Freunde und Familie in Deutschland besuchst, ist es auch finanziell machbar.

Wenn du wirklich gar keine Freude mehr an deiner Promotion hast und dich nicht motivieren kannst, ist das vielleicht auch ein Zeichen, dass ein Dr.-Titel für dich und deine Pläne gar nicht nötig ist. In dem Fall ist es vielleicht genau richtig die Promotion abzubrechen.

Entscheidung gegen eine Universitätskarriere und die damit einhergehende Frage ob der Dr. Titel überhaupt etwas bringt oder eher schadet

Ich persönlich habe die Doktorarbeit durchaus mit dem Ziel begonnen an der Uni Karriere zu machen. Ein Postdoc an einer Elite Uni in den USA (da habe ich – vermutlich durch Rory Gilmore beeinflusst – immer an Yale gedacht), dann vielleicht noch an der ETH Zürich und dann würde das schon klappen. Nun, so ist es nicht gekommen. Wie vielen anderen wurde mir irgendwann klar, dass eine Unilaufbahn viel fordert: Natürlich Talent, Intelligenz, Fleiß aber auch Durchhaltevermögen, Resilienz gegenüber Stress und Ablehnung, extreme Flexibilität und zu allem Überfluss auch noch eine Dosis Glück.

Wenn einem dann klar wird, dass man nicht im Unikosmos bleiben möchte, stellt sich die Frage, ob die Dissertation einem dann überhaupt nützt. In einigen Fachbereichen, zum Beispiel Medizin, Chemie und Biologie, promovieren so viele der Absolventen, dass der Dr. Titel schon zum Standardabschluss wird und man tatsächlich ohne Nachteile hätte. In anderen Fächern, zum Beispiel Jura und Wirtschaftswissenschaften, schlägt sich der Titel eindeutig im Gehalt nieder (was für den desillusionierten Akademiker zu Recht ein wichtiges Kriterium ist).

In anderen Fachbereichen sind die Jobaussichten mit und ohne Dr. nicht so rosig, dazu gehören leider die meisten Geisteswissenschaften. Deutschland ist ein sehr Titel-verliebtes Land, daher ist eine Promotion selten ein Nachteil für die spätere Karriere. Aber natürlich hat man den geringen Verdienst und die Unsicherheit durch kurze Verträge während der Promotion.

Es ist aber völlig legitim sich aus der laufenden Promotion heraus zu bewerben und dann, wenn man ein spannendes Jobangebot hat, die Promotion abzubrechen. Ich glaube nicht, dass man da ein schlechtes Gewissen gegenüber der Betreuerin haben muss. Man muss aber damit leben, dass dann jemand anderes auf deine Ergebnisse aufbaut und sie unter seinem Namen veröffentlicht.

Letztendlich stellt sich, wenn einem der Titel für die zukünftige Karriere wenig bringt, die Frage ob einem die Promotion denn Spaß macht, ob man neues lernt und in einem netten Team arbeitet. Falls ja, auf jeden Fall weitermachen. Falls nein, und man die schlechten Bedingungen nur mit Blick auf die nächste Uniposition ertragen hat, ist vielleicht der Zeitpunkt etwas Neues zu machen.

Ich finde es wichtig das Abbrechen der Dissertation zu enttabuisieren. Wenn man merkt, dass die Promotion nicht das richtige für einen und die eigenen Lebensplanung ist, dann ist es doch gut sich etwas anderem zuzuwenden. Man geht mit Beginn der Dissertation keinen unbrechbaren Blutspakt ein (auch wenn die Worte Doktorvater und Doktormutter das vermitteln), sondern einen ganz normalen Vertrag, den man auch kündigen kann. Schwierige Phasen gehören zu jeder Diss dazu aber drei Jahre unter schlechten Bedingungen oder falschen Erwartungen zu leiden ist nicht nötig.

3 thoughts on “Abbrechen oder Durchhalten? Teil 1”

  1. Ein toller Beitrag, der zur Enttabuisierung beiträgt. Ich habe meine erste Dissertation aufgrund von zu großen Differenzen mit meiner Betreuerin abgebrochen (der Fachbereich war so klein, dass sie die einzige mögliche Betreuerin war – ohne neue Stelle in einem größeren Fachbereich ging da nix!). Mittlerweile habe ich ganz neu angefangen (neue Uni, neues Land, neues Thema) und bin so froh, es damals abgebrochen zu haben.

    1. Hi Lea,
      es freut mich sehr, dass du die richtige Promotionsstelle für dich gefunden hast! Danke für diesen ermutigenden Kommentar 🙂
      Franziska

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