Das Ende ist absehbar

Ein paar völlig subjektive und wenig zusammenhängende (eher negative) Gedanken zum letzten Jahr der Dissertation. Die Abschlussphasen-Thematik häuft sich gerade auf dem Blog, hier und hier hat Ulrike schon darüber geschrieben, wie man seine Diss gut zu Ende bringt.

Über das erste Jahr der Dissertation gibt es meistens weniger zu sagen (klagen). Im ersten Jahr meiner Doktorarbeit war ich total motiviert und begeistert. Man hätte mich gar nicht bezahlen müssen, ich hätte auch so gerne im Labor gearbeitet. Natürlich ist man mit Vielem überfordert aber man lernt eben auch sehr viel. Vor allem ist man hauptsächlich mit technischen Dingen und konkreten (Arbeits-)Abläufen überfordert, das sind alles Dinge von denen man weiß, dass man sie lernen kann. Falls ihr euch in dieser Phase der Doktorarbeit befindet, hört jetzt auf zu lesen!

Ich bin jetzt im vierten und hoffentlich letzten Jahr meiner Doktorarbeit. Die miesen Tage häufen sich. Man könnte meinen, die Endphase (ich nutze das Wort hier mal großzügig) würde für einen Motivationsschub sorgen. Es ist relativ klar, was bis zur Abgabe getan werden muss. Die Zwischenziele sind vielleicht einzelne Kapitel, ein Paper oder eine Konferenz. Man führt immer häufiger Gespräche in denen einem aufmunternd gesagt wird „dann ist das Ende ja absehbar!“. Trotzdem empfinde ich diese Zeit gerade als sehr anstrengend und überhaupt nicht belohnend. Ich habe ein bisschen darüber nachgedacht warum das so ist und wie man damit umgehen kann. In diesem Post findet ihr vier Punkte, die besonders die Endphase der Dissertation schwierig machen und zu jedem Punkt eine Idee, wie man diesen Aspekt anders betrachten oder konstruktiv damit umgehen kann.

An der Uni und im Wissenschaftsbetrieb läuft so einiges falsch

Eines der Hauptprobleme wird im englischen mit „publish or perish“ zusammengefasst. Das heißt, entweder du veröffentlichst Artikel, Konferenzeiträge oder Bücher oder du kannst eine wissenschaftliche Karriere direkt aufgeben. Als Masterstudentin und auch zu Beginn der Doktorarbeit war mir überhaupt nicht klar wie gravierend der Einfluss dieser Kultur auf den Wissenschaftsalltag ist. Ich dachte, man macht halt seine Forschung – getrieben davon welche Fragestellungen interessant sind, auf etwas Bestehendes aufbauen oder für den klinischen/politischen/erzieherischen Betrieb relevant sind – und wenn das Projekt abgeschlossen ist, veröffentlicht man es eben auch. Quasi als Nebenprodukt.

Tatsächlich werden die meisten Projekte aber nur danach geplant was man veröffentlichen kann. In Meetings in denen Forschunsgprojekte (vor allem mit Kooperationspartnern) geplant werden, ist „das können wir gut unterbringen“ ein Totschlagargument. „Gut unterbringen“ heißt in einem anerkannten Journal mit möglichst hohem Impakt-Faktor veröffentlichen (zur Erklärung des Impakt-Faktors habe ich hier schon etwas geschrieben).

Außerdem ist eine universitäre Arbeitsgruppe vermutlich das am strengsten hierarchische Konzept in dem man arbeiten kann. Der Ton ist zwar kollegial, oft duzt man sich sogar, aber trotzdem hat dein Professor oder deine Professorin alleinige Entscheidungsgewalt. Der Führungsstil der meisten Professoren ist chaotisch-explorativ. Mal wird das eine probiert, dann das andere. Das liegt wohl auch daran, dass man an der Uni wenig Gelegenheit hat Führung zu lernen. Man beschäftigt sich immer nur mit der konkreten Wissenschaft und soll dann plötzlich als Prof eine Gruppe leiten, ein wissenschaftliches Konzept für ein Team haben, Forschungsgelder einwerben und sich in der Unipolitik positionieren.

Dann wäre da noch das unsägliche hot topic. Für Doktoranden gibt es nicht schlimmeres, als wenn ihre Professoren auf Konferenzen fahren und dort neue In-Themen aufschnappen.

Wenn man diese Beschwerden jemand darlegt, der nicht an der Uni arbeitet, erntet man oft einen ungläubigen Blick und ein „das läuft doch überall so“. Hatte man denn ernsthaft gedacht man könne einfach nach Interesse forschen und Sachen ausprobieren? Das muss doch auch alles bezahlt werden! Leistung wird immer irgendwie quantifiziert! I know, I know. Aber ich dachte wirklich in der Wissenschaft wären alle ein bisschen idealistischer unterwegs.

Idee: Man muss sicherlich einsehen, dass der Elfenbeinturm der Wissenschaft kein Ponyhof ist. Ich bin da sicher zu naiv heran gegangen. Auch hier gibt es, wie überall, zwischenmenschliche Probleme, Konkurrenz, Sympathien und Antipathien und unfaire Behandlung. Das System nach dem Forschung bewertet wird (Peer-Review) ist in keiner Weise ideal und der Publikationsdruck treibt manchmal skurrile Blüten.

In der Position als Doktorand muss man das zunächst einfach mal akzeptieren. Dann kann man sich überlegen, ob man seine Kraft und Zeit darin investieren will dieses System zu verbessern oder ob man sich entscheidet, es so hinzunehmen und darin – dann aber ohne enttäuschten Gesichtsausdruck – zu arbeiten. Kündigen ist natürlich auch noch eine Möglichkeit.

Außerdem ist auch nicht alles schlecht. Die meisten Kollegen sind super nett und man hat im Allgemeinen wesentlich mehr Freiheit als in anderen Berufen.

Man kann nicht allen (eigenen) Erwartungen gerecht werden

Die meisten Doktoranden sind ehrgeizig und perfektionistisch. Oft zu ehrgeizig und zu perfektionistisch. Eine Doktorarbeit soll zeigen, dass man selbstständig forschen, analysieren und bewerten kann und dabei einen neuen Aspekt zum aktuellen Stand der Forschung hinzufügen. Nicht mehr. Die wenigsten Doktorarbeiten enthalten bahnbrechende Erkenntnisse oder bewirken einen Paradigmenwandel. Sie fügen nur ein winziges Detail zum Forschungsstand hinzu.

Die eigenen Maßstäbe sind oft viel höher. Dabei ist Wissenschaft eine Teamleistung, die über einen (sehr) langen Zeitraum erbracht wird. Gerade wenn man eine Promotion anfängt, hat man die Vorstellung großes Neues zu entdecken oder einen ganz anderen Blickwinkel mitzubringen. Dann stellt man fest, dass der Forschungsgegenstand unglaublich viel komplizierter ist als man dachte. Das ist ein zentraler Erfolg des Doktorandenlebens! Daraus folgt zwangsläufig eine bescheidenere Haltung gegenüber dem Thema und hoffentlich auch darüber hinaus.

Die zweite zentrale Einsicht des Doktorandenlebens: man liegt oft falsch mit seinen Hypothesen. Man kennt das System, das man untersucht, nie ganz (dann wäre es ja auch ein langweiliger Forschungsgegenstand). Man kennt nur einen Teil der Quellen oder hat eine bestimmte Menge Experimente gemacht. Dann schaut man auch noch durch die Brille der eigenen Zeit und der gängigen Methoden darauf.

Daraus ergibt sich auch, dass deine Forschung von äußeren Einflüssen abhängig ist. Eine neue Methode liefert Messergebnisse, die vorher nicht zugänglich waren – und die nicht in deine Theorie passen. Oder es taucht eine neue Quelle auf. Oder ein Begriff ist plötzlich furchtbar hip und muss unbedingt in Bezug auf dein Thema diskutiert werden.

Idee: Ich nehme an vom Nobelpreis haben sich die meisten von uns längst verabschiedet. Das Nature-Paper würde ich auch abhaken. Das Wichtigste ist aber, mit der Stimme im eigenen Kopf Frieden zu schließen. Du bist gut genug. Deine Arbeit ist gut genug.

Halte dir vor Augen, was du alles erreicht hast. Zum Ende der Diss ist die Lernkurve in der Regel viel flacher. Dafür ist man quasi schon Experte. Das muss man sich nur hin und wieder auch bewusst machen.

Vielleicht bist du gerade in einer Phase in der du dein Thema völlig hinterfragst und es für vollkommen sinnlos hältst. Mir helfen da zwei Gedanken. Zum einen bin ich vermutlich gerade nicht die richtige Person, um das zu beurteilen. Man sieht selbst all die Schwierigkeiten und verliert dabei den Blick dafür, was darauf noch aufbauen kann. Außerdem hat man selbst wenig Lust und neigt dann zu negativen Verallgemeinerungen. Versuch dich daran zu erinnern, warum du das Thema irgendwann mal anfangen wolltest. Zum anderen hilft es sich den Mehrwert seiner Arbeit abgesehen vom Thema bewusst zu machen. Man hat auf jeden Fall sehr viel gelernt, man hat vielleicht auch Studenten oder Kollegen etwas beigebracht, man hat vielleicht technische oder organisatorische Verbesserungen ins Team eingebracht. Außerdem ist es doch unwahrscheinlich, dass deine Arbeit vollkommen im Wust der Forschungsliteratur untergehen wird. Jedes Gespräch, dass du mit Kollegen hattest, jeder Konferenzbeitrag und jede Präsentation bringen deine Ergebnisse und Gedanken unters wissenschaftliche Volk.

Man weiß nicht, wie es nach der Diss weiter geht

Letzte Woche habe ich mal wieder eine der ersten Friends Folgen geschaut. Darin trifft Rachel ihre alten Freundinnen wieder von denen eine verlobt ist, eine schwanger ist und eine gerade befördert worden ist. Abends sitzt sie dann deprimiert mit Phoebe und Monica im Wohnzimmer und es gibt folgendes Gespräch: „Phoebe, do you have a plan?“ „I don’t even have a pla!“.

Für manche Leute ist es überhaupt kein Problem keinen Plan zu haben, es kann sogar total schön sein sich auf Inspiration und spontane Ideen einzulassen. Aber auch hier würde ich tippen, dass die meisten Doktoranden nicht zu diesen Leuten gehören.

Idee: Zunächst einmal muss man sich klar machen, dass man keinen zehn-Jahres-Plan braucht, um sich sicherer zu fühlen. Es ist aber doch wichtig einige grundlegenden Fragen für sich zu entscheiden und die ersten Schritte anzugehen. Die erste Frage für Doktoranden ist natürlich, willst du an der Uni bleiben oder willst du es nicht? Ich persönlich würde sagen, wenn die Antwort darauf kein klares „Ja!“ ist, dann ist sie „Nein“.

Wenn man gar keine Idee hat, finde ich es ganz hilfreich, so zu tun, als hätte man sich entschieden und die ersten Schritte anzugehen. Dann merkt man direkt wie man sich dabei fühlt. Also, wirf einfach eine Münze und fang dementsprechend an Post-Doc Stellen oder Industriejobs zu recherchieren. Wenn es geht, schick gleich eine Anfrage los, ob du dir ein Labor anschauen kannst oder bewirb dich einfach mal auf eine Stelle, die ganz gut klingt.

Man beschäftigt sich nur mit seiner Arbeit

Wenn man sich nur auf die Doktorarbeit fokussiert, nimmt man es besonders schwer, wenn etwas nicht so funktioniert wie gewünscht. Es ist aber auch so, dass die Arbeitsbelastung zum Ende der Promotion nochmal ansteigt (gefühlt vielleicht stärker als tatsächlich). Es müssen noch letzte Experimente gemacht werden, das Schreiben dauert erstaunlicherweise immer länger als man denkt, dazu kommen organisatorische Dinge und all die Projekte, die man neben seiner Diss bearbeitet, laufen auch weiter. Dazu kommt, dass man sich gedanklich stärker mit Arbeit beschäftigt auch wenn man gerade nicht davor sitzt.

Für einen kurzen Zeitraum kann man diesen Fokus auch durchaus aufrecht erhalten aber nicht für ein ganzes Jahr.

Idee: Es ist für mich unglaublich wichtig Ziele neben der Dissertation zu haben. Super sind kreative Hobbies bei denen man etwas Schönes herstellt wie zeichnen, stricken, Möbel bauen oder gärtnern. Oder vielleicht Sportarten, bei denen man schnell neue Tricks lernt wie Jonglieren, Tanzen oder Skateboard fahren.

Auch einen Blog kann ich total empfehlen.

Ich hoffe ein paar dieser Ideen, können euch helfen, wenn ihr euch durch die letzten Monate der Diss schlagt. Falls das mit dem positiv Denken nicht klappt, ein paar weitere Ideen zur Aufmunterung

  • Friends schauen
  • Ein Schaumbad nehmen
  • Sich beim Sport auspowern
  • Brownies backen
  • Etwas spenden (Kleidung, Möbel, Geld)
  • Einen Brief an einen lieben Menschen schreiben  
  • Noch ein Glas Wein trinken

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One thought on “Das Ende ist absehbar”

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