Das Home Office meistern, oder: Wie ich lernte, von zu Hause aus zu arbeiten

Während meines Masterstudiums sah mein Tagesablauf meistens so aus: Ich wachte gegen halb 9 auf, frühstückte, machte mich auf den Weg zum Seminar und verbrachte den Rest des Tages abwechselnd im Seminar und in der Bibliothek, wo ich meine Texte las. Oder lesen sollte. Tatsächlich war ich häufig damit beschäftigt, königliche Hochzeiten oder amerikanische Wahlkampfreden live zu verfolgen, lang gedehnte Mittags- oder Kaffeepausen zu machen oder meinen Kaffee und meine Schokoriegel unbemerkt in die Bibliothek zu befördern (erfolgreich!).

Aber die Texte mussten ja trotzdem gelesen werden. Das tat ich abends und nachts. Die richtig produktive Phase begann meistens so gegen 20, 21 Uhr – ich setzte mich mit meinem Laptop oder Text ins Bett und las so lange oder arbeitete so lange an der Hausarbeit, bis mir die Augen zufielen. Das war meistens so zwischen 1 und halb 2 Uhr nachts. Dann klappte ich den Laptop zu und legte ihn direkt neben mein Bett, wo ich ihn morgens gleich griffbereit hatte, um meine Mails zu checken.

Komischerweise schlief ich unglaublich schlecht in dieser Zeit. Eine Freundin von mir, die damals Psychologie studierte, war nicht verwundert: Ich schlief mit Blick auf den Schreibtisch und direkt neben meinem Laptop ein. Das sei „schlechte Schlafhygiene“.

Bequem, aber nicht ideal: Im Bett arbeiten

Vier ein halb Jahre später schlafe ich – meistens – wesentlich besser. Dabei arbeite ich immer noch selbstbestimmt und viel von zu Hause aus. Ich bilde mir ein, mein besserer Schlaf hängt damit zusammen, dass ich „erwachsen“ geworden bin. Dabei hat mir sehr geholfen, dass ich lange Zeit ein eigenes Büro hatte. So konnte ich eine bewusstere Trennung zwischen Arbeit und Freizeit einführen, die ich auch jetzt, wo ich wieder mehr von zu Hause aus arbeite, beibehalten habe.

Ich habe aber auch festgestellt, dass mir einige bewusste Schritte dabei helfen, besser von zu Hause aus zu arbeiten. Mein Ziel dabei ist es, einerseits meine Arbeitszeit so produktiv wie möglich zu gestalten, andererseits aber auch einen ausgeglichenen Alltag zu schaffen, in dem Zeit für Familie, Freunde, Ehrenämter und Sport bleibt.

Letztes Jahr las ich (ja, beim Prokrastinieren…) in der New York Times einen sehr lesenswerten Artikel über das Arbeiten von zu Hause aus, der mich dazu inspiriert hat, einige neue Tipps zu beherzigen. Was folgt, ist eine nicht erschöpfende Liste von Gewohnheiten, die mir helfen, gut von zu Hause aus zu arbeiten. Manches davon beherzige ich konsequent, manches nur immer mal wieder. Aber alles davon fand ich zumindest von Zeit zu Zeit hilfreich!

Einen ordentlichen Arbeitsplatz einrichten

Der erste Schritt zum gelungenen Arbeitstag beginnt meiner Meinung nach schon am Abend: Ich räume meinen Schreibtisch so auf, dass ich mich am nächsten Tag sofort daran setzen kann. Mögliche Ablenkungen (wie Rechnungen, die bezahlt werden müssen) hefte ich ab oder lege sie auf meinen To-Do-Stapel (keiner hat gesagt, dass ein aufgeräumter Schreibtisch nicht links und rechts Papierstapel enthalten darf!). Aber die Hauptarbeitsfläche sollte schon frei sein.

Wenn ich mich morgens an den Schreibtisch setze, lege ich Smartphone und Tablet in einem anderen Zimmer ab. Ich kann ja zwischendurch Pause machen und drauf schauen – aber nicht während der Arbeitszeit!

In diese Kategorie fällt auch das oben schon erwähnte Thema „Schlafhygiene“: Idealerweise sollte der Schreibtisch nicht im Schlafzimmer stehen. Es ist wirklich schwer, abends abzuschalten, wenn das Gehirn immer wieder daran erinnert wird, was an Arbeitsschritten morgen auf mich wartet und welche Probleme noch ungelöst sind.

Wer zu Hause keinen Platz hat für einen eigenen Arbeitsplatz außerhalb des Schlafzimmers, für den ist vielleicht ein coworking space die richtige Lösung (vorausgesetzt, es gibt günstige in deiner Umgebung – hier haben Großstädter einen enormen Vorteil). Einfach mal coworking space + Name deiner Stadt googeln!

Besser: Ein aufgeräumter Arbeitsplatz lädt ein!

Den Tag bewusst beginnen – und zwar nicht mit Arbeit

Ich finde es wichtig, den Arbeitstag bewusst zu beginnen und auch zu beenden. Das heißt, ich rolle nicht aus meinem Bett an den Schreibtisch, sondern ich mache mich morgens in Ruhe fertig, dusche mich, ziehe mich an und nehme mir Zeit für einen ruhigen Start in den Tag. Dazu gehört übrigens auch, dass ich rechtzeitig aufstehe (also mindestens eine Stunde vor Arbeitsbeginn) – sonst jagt sofort das schlechte Gewissen. Wenn ich aber weiß, ich muss nicht sofort an den Schreibtisch, freue ich mich viel mehr auf den Morgen.

Übrigens finde ich auch, dass es durchaus eine Rolle spielt, wie ich mich anziehe – und zwar so, wie ich auch aus dem Haus gehen würde. Der Schlabberlook signalisiert meinem Gehirn, dass Entspannung angesagt ist. Zur mentalen Vorbereitung auf die Arbeit gehört also auch, dass ich mich anständig anziehe und so meinem Gehirn signalisiere, dass jetzt Arbeitszeit ist, die ich ernst nehme! (Ausnahmen bestätigen die Regel – aber es macht nur halb so viel Spaß, im Schlafanzug zu arbeiten, wenn ich das jeden Tag tue).

Wochenpläne und Tagespläne schreiben und einhalten

Ein Wochenplan, heruntergebrochen in fünf Tagespläne, hilft dabei, sich nicht ablenken zu lassen und die eigene Produktivität zu messen. Dabei ist es wichtig, darauf zu achten, dass die Ziele tatsächlich machbar sind. Ich finde es auch super, mir verschiedene „Blöcke“ aufzuschreiben, wie: 9-12 Uhr: Grobe Fassung des Unterkapitels 1.3.1 schreiben, 13-16 Uhr: Artikel xy lesen und exzerpieren, 16-18 Uhr: Mails von Studenten beantworten/Seminar vorbereiten oder so. So kann ich mir Abwechslung in den Tag einbauen und gleichzeitig berücksichtigen, welches meine produktiven Tageszeiten sind (da schreibe ich) und wann ich mich eher schlecht motivieren kann (da beantworte ich Mails).

Die Pomodoro-Methode

Ich LIEBE die Pomodoro-Methode. Sie bedient sowohl den Kontrollfreak in mir als auch meinen Wettbewerbsgeist. Wer sie nicht kennt, das Prinzip ist simpel: Ich arbeite 25 Minuten (der Timer dafür hat in der Methode eine Tomatenform, Tomate = Pomodoro auf Italienisch), in der keine Ablenkung erlaubt ist. Dann mache ich fünf Minuten Pause, in der ich meine Gedanken wandern lasse, mir einen Tee koche, die Waschmaschine anstelle… was auch immer. Und vor allem: Mir einen Strich auf meiner Pomodoro-Liste mache.

Ich stelle mir meistens einfach meinen Timer auf dem Handy, es gibt aber auch diese Website, die das für mich übernimmt.

Singletasken statt Multitasken

Vor einer Weile hat mich dieser Vorschlag zum „tabless Thursday“ sehr gepackt: Die Herausforderung, jeden Donnerstag in nur einem Fenster zu arbeiten! Wie selten ist es, dass ich tatsächlich nur ein Fenster auf meinem Computer geöffnet habe? Die Übung rührt aus der Erkenntnis, dass wir beim Multitasken tatsächlich weniger produktiv sind, weil unser Gehirn am besten arbeitet, wenn es sich auf eine Aufgabe konzentriert (deswegen ja auch die Pomodoro-Methode). Beim Multitasken verlieren wir also sowohl Zeit als auch Produktivität. Außerdem machen wir weniger Fehler, wenn wir uns auf nur eine Aufgabe konzentrieren – und sind dabei kreativer. Und das ist ja schließlich eine unserer wichtigsten Aufgaben bei der Doktorarbeit!

Mehr dazu erfahrt ihr hier von einem Neurowissenschaflter am MIT.

Ablenkungen aktiv ausschalten

Unser Smartphone haben wir ja schon weggelegt – aber der Computer, an dem wir arbeiten, hält mindestens ebenso viele Ablenkungen bereit. Um mich davon abzuhalten,, „zeitfressende“ Seiten zu besuchen, gibt es eine Reihe von Apps – zum Beispiel StayFocusd oder Selfcontrol – mit deren Hilfe ich solche Seiten für bestimmte Zeiträume sperren kann. Eine gute Übersicht gibt es hier. Ich muss ehrlich sagen, dass ich solche Apps nicht nutze – ich schalte eher das Wlan aus, wenn es die Arbeit erlaubt. Oder logge mich aus meinen E-Mail und Social Media-Konten aus: In dem Moment, wo ich das Passwort neu eingeben muss, schaltet sich mein Gewissen ein und ich schließe das Fenster wieder…

“Get up and get out”

Gönne deinem Gehirn Pausen! Durchflute es mit Sauerstoff – baue dir natürliche Pausen in den Tag ein, auf die du dich freuen kannst. Wie schon früher erwähnt hilft es mir ungemein, Sport zu machen. Die Endorphine wirken Wunder für meine Motivation! Aber auch gemeinsame Mittagspausen mit Freunden und Kollegen sind etwas, was meinem Tag Struktur gibt und mir hilft, neue Energie zu tanken. Auf jeden Fall vermeide ich, den ganzen Tag nur in der Wohnung zu verbringen!

Gnade mit dir selbst üben!

Messe deine Tagesleistung nicht an unerreichbaren Standards! Oft denke ich abends, diese Freundin oder jener Kollege hat heute bestimmt viel mehr geschafft. Aber das denkt sich Freundin oder der Kollege ja möglicherweise genauso über mich! Und selbst wenn ich nicht so viel geschafft habe, wie ich wollte: Nicht jeder Tag ist für Höchstleistungen bestimmt. Unter dem Strich gleicht es sich aus und ich verdiene meinen eigenen Respekt dafür, mich überhaupt zum Arbeiten motiviert zu haben.

Und schließlich: Feierabend machen.

Genauso bewusst, wie ich den Tag begonnen habe, beende ich ihn auch. Wenn es deine Situation erlaubt, dann lass um 18 Uhr den Griffel fallen. Der Abend ist auch wichtig, und der gehört dir, deiner Familie und deinen Freunden. Erinnere dich daran, dass die Arbeit weder dein Leben bestimmt noch deine Identität und mache etwas Schönes.

Übrigens ist ja heute Donnerstag… happy tabless Thursday! 🙂

 

 

 

 

Leave a Reply

Your email address will not be published.