Depression während der Doktorarbeit: Ein Erfahrungsbericht

Bild: Pixabay

Das Thema Depression während der Doktorarbeit eignet sich wenig für Smalltalk in der Kaffeepause oder den Doktorandenstammtisch. Und dennoch ist es eines, das viele von uns betrifft – so viele, dass viele von euch unseren Blog gefunden haben, weil sie diese Stichworte bei Google eingegeben haben. Wir konnten aus eigener Erfahrung bislang nur über Gefühle des Deprimiertseins während der Promotion sprechen. Heute teilen wir den Erfahrungsbericht einer Freundin, die während ihrer Promotion in England persönlich von einer Depression betroffen war. Aus verständlichen Gründen tun wir dies in anonymer Form. Wir sind sehr dankbar für diesen offenen und ehrlichen Bericht.

Falls du befürchtest, an einer Depression zu leiden: Unten sind Notfallnummern der Telefonseelsorge aufgeführt. Bitte speichere diese Nummern in dein Handy ein und rufe dort an.

Und wie steht’s mit der mentalen Gesundheit im Doktorstudium? Einstellung zählt?

Im Doktorstudium angekommen, kann man sich endlich den großen Fragen und Antworten, die einen schon lange beschäftigen, voll und ganz widmen – und seiner Leidenschaft, der Forschung, nachgehen. Dann ist doch alles super. 

Genau mit so einer Einstellung begann ich mein Promotionsstudium in England. Ich hatte schon vorab davon gehört und auch beobachtet, dass einige Doktoranden spätestens ab Mitte ihrer Promotionszeit so ein bisschen „psycho“ werden. Ich war aber davon überzeugt, dass ich mit der richtigen Einstellung glückliche und erfüllende Jahre durchleben würde. Denn wenn ich eins im Leben gelernt zu haben schien, dann: Die Einstellung zählt. Um mich auch stets an meine Einstellung zu erinnern, habe ich mir zu Beginn meiner Promotion eine 10-Punkte Liste erstellt.

  1. Wahre eine Haltung der Dankbarkeit
  2. Erinnere dich an deine Ausgangsidee, die Vorfreude und Anfangsmotivation
  3. Arbeite kontinuierlich
  4. Fokussiere dich auf das was ansteht und am wichtigsten ist
  5. Verbringe Zeit mit deinen Freunden und deiner Familie
  6. Gehe Deinen Hobbies nach
  7. Rückschläge sind Teil des Lernprozesses
  8. Der Promotions-Blues wird kommen – ‚tanz ihn raus‘
  9. Halte dich von Negativität und Drama fern
  10. Hab’ Spass

Und dann geschah das Leben. Meine Lebensanschauung wurde durch die Krankheit eines sehr engen Familienmitglieds auf den Kopf gestellt, fünf Menschen aus meinem Leben starben und das Team von Doktoreltern spielte aufgrund von externen Faktoren Bäumchen-wechsel-dich. Genau dann hätte man die Reißleine ziehen sollen – und pausieren sollen. Nachdem ich ein Pausieren gegenüber der Administration meines Lehrstuhls ansprach – auch um zu Beerdigungen zu gehen -, wurde mir geraten weiter zu machen um meine terminlichen Pflichten als Doktorandin zu erfüllen. Mit diesem Rat im Hinterkopf kamen die gut-und richtig-gemeinten Ratschläge guter Freunde, sofort eine Pause einzulegen, nicht mehr bei mir an. Ich habe einfach weiter gemacht. Nach und nach häuften sich Symptome wie innerliche Unruhe, ich fühlte mich ausgebrannt, bekam Haarausfall, mein Hörsinn verschlechterte sich, der Boden fing an zu schwanken. Ich nahm diese Symptome zur Kenntnis, aber ignorierte sie dann weitgehend. Wenig überraschend konnte ich dann die Meilensteine des Promotionsstudiums nicht mehr adäquat erreichen. Es ging also auch mit der Promotion bergab, und ich begann, administrative Schwierigkeiten mit der Universität zu haben. Zu allem Überfluss wurde ich in diesem Zeitraum von zwei Kollegen gemobbt. Alles zusammen löste die erste akute Suizidphase in meinem Leben aus.

Wie kommt man da wieder raus, lebt weiter und promoviert?

Als allererstes, habe Suizid-Notfallnummern (siehe unten) immer dabei, d.h. im Handy gespeichert, und rufe diese in akuten Momenten auch an. Umgebe dich mit Menschen, die dir ein Gefühl der Ruhe und Sicherheit geben und sag ihnen, in welcher gesundheitlichen Lage du dich befindest. Suche professionelle Hilfe auf und pausiere(!!). Der Körper muss sich von dem Langzeitstress erholen können.

Nach diesen Schritten (d.h. nachdem sich der Suizid-Tornado beruhigt hatte), begann ich mit meinem Doktorvater offener über mein Privatleben zu sprechen, sprach administrative Unstimmigkeiten gegenüber weiteren zuständigen und vertrauenswürdigen Akademikern im Lehrstuhl an und unterrichtete auch die zentrale Administration der Universität. Ab dann wurde ich auf allen Ebenen bestens im Vorankommen meiner Promotion unterstützt. 

Wie wird man erst gar nicht lebensmüde? Mehr als die Einstellung zählt.

Die Forschung über den Zusammenhang von Promotionsstudium und Entwicklung einer psychischen Störung, wie eine Depression, zeigt auf, wie allgegenwärtig die Depression und andere psychische Erkrankungen unter Doktoranden sind. Beispielsweise in dem 2014 UC Berkeley Report aus den Vereinigten Staaten von Amerika wird angegeben, dass 43-46% der ‚Graduate‘-Studierenden der Biologiewissenschaften eine Depression haben.[1]Eine Studie basierend auf einer Stichprobe von Doktoranden in Flandern, Belgien, ergab, dass jeder zweite Doktorand psychologischen Stress durchlebt, und jeder Dritte eine psychische Störung im Doktorstudium entwickeln kann.[2]Die Forschung zeigt auch auf, dass externe Faktoren wie eine gute Betreuung und positive Berufsaussichten, dass Risiko an einer Depression zu erkranken mindern.

Ich kann bestätigen, dass ich neuen Schwung für die eigentliche Arbeit bekam, sobald ich gegen Ende meiner Promotion von der Uni unterstützt wurde. Für mich war der Gedanke, dass ich ja nicht unbedingt einer klassischen akademischen Laufbahn folgen muss, sehr befreiend. 

Zusätzlich ist es bestimmt hilfreich sich präventiv um seine mentale Gesundheit zu kümmern indem man das Well-Being Angebot, wie Meditation und Co (kann ja auch Kick-Boxen sein), seiner Universität und/oder Stadt aufsucht und wahrnimmt. Es ist auch ratsam mit dem Therapieangebot vertraut zu sein. Ich war lange zu stolz, dieses in Anspruch zu nehmen. In meiner absoluten Verzweiflung habe ich es aufgesucht, und es hat mir entscheidend geholfen.

Dennoch: Jedes Leben und somit auch jede Promotions-Reise hat ihren ganz eigenen Verlauf. Und so gibt es bestimmt auch nicht das Rezept, wie man lebensfroh galoppiert oder zumindest nicht total lebensmüde durch die Promotion trabt. Ich kann daher auch nur basierend auf meinen Erfahrungen einige Tipps weitergeben. Würde ich nochmal am Anfang meiner Promotion stehen, dann würde ich mir (neben den oben genannten Einstellungs-Punkten) auch folgende Tipps nahe legen.

Tipps zum Umgang mit Depression in der Promotion

  1. Kenne deine Rechte als Doktorand/in: Lies deinen Vertrag oder deine Promotionsordnung schon zu Beginn der Promotion genau durch und mache dich vertraut mit den Möglichkeiten eine Pause einzulegen oder Verlängerungen zu beantragen. Bestehe darauf, Termine zu verschieben,bzw. eine Pause einzulegen, wenn du mit Schicksalsschlägen und dem Sterben geliebter Menschen konfrontiert wirst – selbst dann, wenn dir anders geraten wird.
  2. Bleib bei deinem Thema und deinen Ideen. Mach dir zu Beginn deiner Promotion bewusst, was du in deiner Forschung machen möchtest: an was du forschen willst und was du lernen willst. Du wirst im Laufe deiner Promotion viel akademischen Rat, oft auch widersprüchlichen Rat bekommen. Bei potentiellen Weggabelungen überlege dir: Will ich das machen? Stimmt das mit meinen Ideen überein? Mache nichts, nur weil es dir empfohlen wird. 
  3. Pass auf dich auf. Wenn du körperliche Symptome, die Langzeitstress aufzeigen, wahrnimmst, pausiere sofort – unbedingt! Dieses könnten Zeichen einer beginnenden Depression sein. Lass es so weit nicht kommen! 
  4. Umgib dich mit positivem Einfluss. An jeder Uni und in jeder Stadt gibt es tolle Leute. Finde sie und verbringe Zeit mit ihnen! 
  5. Toleriere von Anfang an keine sexistischen oder dir schadende Kommentare, sexuelle oder sonstige Belästigungen. Spiele sie nicht herunter mit Gedanken wie „das sind meine Kollegen, die kulturell konditioniert sind, ich möchte cool bleiben und mit denen auskommen“.  Falls es zu Vorkommnissen kommen sollte, schalte sofort unparteiische dritte Parteien – am besten zuständige Personen an deiner Universität – ein. Ein direktes Auseinandersetzen mit den Mobbern kann die Dynamik weiter zuspitzen. Halte dich fern von der Doktoranden-Gerüchteküche und von denen, die ständig Witze über andere und deren Schwächen machen. Du musst nicht mit allen gut stehen. 
  6. Rede über Schwierigkeiten: Trage Probleme, Schwierigkeiten oder Schicksalsschläge nicht zu lange mit dir alleine herum. Das Doktorstudium allein erfordert schon viel an mentaler Kapazität. Die Verarbeitung von Schicksalsschlägen auf eigener Faust kann überfordern. Rede von Anfang an mit Menschen deines Vertrauens. 
  7. Sei nicht zu stolz professionelle Hilfe aufzusuchen– und das möglichst früh. Mache dich vertraut mit dem ‚Well-being‘- und Therapieangebot an deiner Universität und/oder in deiner Stadt.Warte mit der Anmeldung nicht zu lange, denn es kann lange Wartezeiten geben – in Deutschland ca. 3-4 Monate.
  8. Kommuniziere mit deiner Uni. Wenn es hart auf hart kommt, teile die Essenz deinen Doktoreltern und deiner Uniadministration mit. Denn sonst können sie dir nicht helfen. Falls die Uni ihre Pflichten nicht erfüllt, mache von Anfang an darauf aufmerksam. Ein unglückliches Zusammenspiel mehrere Faktoren, an die keiner wirklich Schuld haben muss, kann den Prozess der Promotion nachhaltig beeinträchtigen. Wenn es zu einer Akkumulation an Faktoren kommen sollte, erstelle eine faktische Übersicht und teile diese den relevanten Stellen mit. 
  9. Priorisiere Rat von erfahrenen Akademikern, und vergewissere dich, dass nicht erfahrene Betreuer über den Promotionsprozess deines Lehrstuhls unterrichtet sind. Letztes gilt insbesondre für junge Doktorväter oder –mütter, die erst kürzlich die Stelle an deiner Uni begonnen haben, und vorab gar keine Erfahrung in der Betreuung von Promovenden hatten. 
  10. Es gibt Dinge, die wichtiger als deine Promotion sind.Überlege dir: Was ist dir wichtig im Leben? Was/wer sind deine Prioritäten? Wenn du in 10, 20, 30 Jahren auf deine Promotion zurückblickst: Woran willst du dich erinnern? Macht es einen Unterschied, ob du ein halbes Jahr schneller oder langsamer warst? Insbesondere: Nimm dir Zeit für deine Lieben. Verpasse wegen der Promotion keine großen Familienfeiern, Beerdigungen oder wichtige Events deiner Freunde.

Fall Du gerade in einer schwierigen Phase steckst, sei gewiss, dass du nicht alleine bist. Nachdem ich mich etwas öffentlicher bezüglich meiner Erfahrungen geöffnet habe, sind so einige an mich herangetreten und haben mir ihre im Kern sehr ähnlichen Erfahrungen erzählt. Langzeitstress ist Gift für den Körper. Dieser schadet. Das hat nichts mit Stärke oder Schwäche zu tun. 

Glaube mir, es geht weiter. Nimm dir die Pause – jetzt. Suche Hilfe. Regeneriere dich – und dann schaue weiter. Keine Promotion ist es wert, dass die Gesundheit oder gar das Leben draufgeht. 

Im Gegenteil, das Leben zählt und die Promotion ist, wenn, dann, nur ein ganz kleiner Teil dessen.

Notfallrufnummern:

Deutschland: Notfall-Seelsorge: 0800-111-0-111 (ev.), 0800-111-0-222 (rk.)

Psychiatrischer Bereitschaftsdienst: 116-117

Großbritannien: Samaritans: 116-123

[1]Siehe UC Berkeley Graduate Assembly (2014): Graduate Student Happiness and Well-Being Report, http://ga.berkeley.edu/wellbeingreport/.  Siehe auch Teresa M. Evans, Lindsay Bira, Jazmin Beltran Gastelum, L. Todd Weiss, und Nathan L. Vanderford (2018): Nature Biotechnology 36, 282-284, https://www.nature.com/articles/nbt.4089.

[2]Siehe Katia Levencque, Frederik Anseel, Alain De Beuckelaer, Johan Van der Heyden, und Lydia Gisle (2017): Work organization and mental health problems in PhD students, Research Policy 46(4), 868-879, https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0048733317300422.

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