Der erste Job nach der Doktorarbeit

Ulrike am Schreibtisch
Bei der Arbeit…

Während der Promotion war die Zukunft für mich ein großes, schwarzes Loch, an das ich am liebsten gar nicht gedacht habe. Als Geisteswissenschaftlerin ist man ja die schlechten Taxifahrerwitze gewohnt (was sagt ein Historiker zum anderen? Einmal Pommes rot-weiß, bitte!) und hat sie, zu einem gewissen Grad, auch internalisiert. Niemand wäre also erstaunter als mein Ich vor sagen wir, zwei Jahren oder sogar acht Monaten wenn sie wüsste: Es ist alles gut gegangen. Ich stehe in Lohn und Brot und habe sogar einen Job, der mir Spaß macht – und für den mir die Diss etwas gebracht hat. 

Weil dieser Blog so viel von meinen Erfahrungen als Promovendin dokumentiert hat, hielt ich es für angemessen, auch den Übergang in den Berufsalltag festzuhalten: Der Weg dahin, welche Erfahrungen aus der Promotionszeit mir im Job weiterhelfen und was ganz anders ist als vorher. Falls du also Geisteswissenschaftlerin bist und an deinen Jobchancen verzweifelst, lass dir gesagt sein: Wahrscheinlich wird alles gut. Es wird möglicherweise eine Weile dauern (wenn du etwas Geld übrig hast von deinem Einkommen, dann spare schon mal!). Nutz die Zeit um dir Skills zuzulegen. Aber verliere nicht die Hoffnung. Es ist möglich!

Warum nicht Wissenschaft? 

Zunächst steht ja für viele von uns die Frage an: Wollen wir weitermachen in der Wissenschaft oder wollen wir eher versuchen, den Absprung zu schaffen? Für mich war während der Promotion schon recht früh klar, dass ich nicht für den akademischen Betrieb gemacht bin. Trotzdem ist es mir schwerer gefallen als gedacht, mich von der Identität als Wissenschaftlerin zu lösen. So schwer sogar, dass ich noch einmal einen kurzen Ausflug in die akademische Welt unternommen habe und tatsächlich einen Post-Doc-Antrag geschrieben habe. In dieser Zeit hat sich dann aber die Erkenntnis zementiert, dass sich meine Vorstellungen von einem Privat- und Familienleben nur schwer mit meinen Idealen von einer wissenschaftlichen Karriere vereinbaren lassen (hier habe ich damals darüber geschrieben, wie ich den Spagat zwischen Wissenschaft und Elternschaft empfinde). Für mich war es letzten Endes eine Prioritätenfrage: Ich habe nicht gesehen, wie ich eine bindungs- und bedürfnisorientierte Erziehung (und die viele Zeit, die da reinfließt) mit einer wachsenden Publikationsliste vereinbaren kann, die ich gebraucht hätte, um es auf eine der wenigen begehrten Professuren in meinem Fachgebiet zu schaffen. Um es praktisch zu sagen: Ich bin nicht bereit, meinem Kind auf die harte Tour das Durchschlafen beizubringen und muss daher damit leben, dass ich häufig die Abende nicht am Schreibtisch, sondern im Bett neben dem Kind verbringe. Natürlich spielten auch langfristigere Überlegungen hinein: Als Akademikerin hätte ich es meiner Familie zumuten müssen, entweder regelmäßig den Wohnort zu wechseln oder eine abwesende Partnerin und Mutter hinzunehmen. Auch dazu war ich nicht bereit. Diese Erfahrung ist sicher nicht generalisierbar und hängt von den persönlichen Umständen (und jedem individuellen Kind) ab, aber bei meinem sehr bedürfnisstarken Kind stand ich vor dieser Wahl.

Der Weg zum ersten Job außerhalb der Uni

Wenn also nicht Wissenschaft, was dann? Und wie kommt man dahin? Ich bin wirklich weit davon entfernt, einen Ratgeber schreiben zu wollen, wie man nach der Promotion erfolgreich einen Job landet. Bei mir hat es nach der Disputation fast zwei Jahre gedauert bis zum ersten Job außerhalb der Uni (das mit dem Sparen oben war Ernst gemeint). Aber im Rückblick habe ich einige Faktoren festgestellt, die mir geholfen haben. Zum einen ist das, mir frühzeitig ein Profil aufzubauen, das über meine Diss hinausgeht. Während meiner Archivreisen verbrachte ich viel Zeit mit der Familie meiner Freundin Allie. Abends saß ich häufig mit ihren Eltern zusammen, die in unseren Gesprächen immer wieder deutlich machten, dass die Zukunft nicht morgen, sondern heute anfängt. (Sie haben wahrscheinlich bemerkt, dass ich diese Fragen lieber in ihrem schwarzen Loch belassen hätte). „What can you do now?“ fragten sie und wir überlegten zusammen: Welche Kurse könnte ich heute belegen/Zusatzzertifikate machen/welche Skills mir informell aneignen, die mir morgen helfen würden, eine überzeugende Bewerbung zu schreiben? Was für Jobs gibt es, welche interessieren mich, und welche Skills werden in den Ausschreibungen verlangt?

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich ihren Rat lange zur Seite geschoben habe. Und dann entstand die Idee mit diesem Blog. Obwohl wir den Blog nicht mit dem primären Ziel gestartet haben, unsere „employability“ zu stärken, habe ich letztendlich hierüber – und der Tatsache, dass ich mich durch den Blog ganz gut in WordPress auskenne – den Weg in den Beruf gefunden. Die Eltern meiner Freundin lagen also doch richtig (auch wenn sie ihre Gedanken mit wesentlich mehr Empathie formulierten, als es klingt!).

Zum anderen: In meinem Fall hat ein Ortswechsel enorm geholfen. Das ist vor allem bei Geisteswissenschaftlern, die nicht in den Metropolen wohnen (und nicht bereit sind, ihr Leben auf zwei Städte zu verteilen) leider fast unumgänglich. Aus verschiedenen Gründen war es für uns nicht möglich mit dem Umzug zu warten, bis ich einen neuen Job gefunden habe. Wir brachen also als Familie unsere Zelte in Münster ab und zogen nach Bonn-Bad Godesberg, in der Hoffnung, dass sich in der Wissenschaftslandschaft hier etwas für mich ergeben würde. Das war ein Pokerspiel, aber es ist – Gott sei Dank  – aufgegangen.

Welche Erfahrungen aus der Diss-Zeit helfen mir weiter?

Für meinen Job war die Promotion weder Voraussetzung noch würde ich sagen, dass man einen Doktortitel braucht, um diesen Job gut machen zu können. Trotzdem helfen mir die Erfahrungen, die mich während der Promotion geprägt haben, dort weiter. Klar hilft es, sich selbst organisieren zu können. Da ich in einem wissenschaftsnahen Umfeld arbeite ist es aber viel mehr das etwas Informellere, schwerer zu Fassende – sagen wir, ein Bewusstsein für den „Wind der Wissenschaft“ – der mir hilft, mich am richtigen Ort zu fühlen. Ich habe mich lange genug in der Wissenschaftswelt bewegt um mich einerseits nicht durch Titel abschrecken zu lassen. Andererseits merke ich aber auch, dass es wichtig ist, gewisse ungeschriebene Regeln zu kennen. Auch die Vortragserfahrung und der Small Talk rund um Konferenzen und Kolloquien zahlt sich aus, weil sich darin üben lässt, selbstbewusst zu wirken. Und es schadet auch nicht, auf Knopfdruck Text produzieren zu können. Insgesamt glaube ich aber vor allem, dass durch die vielen Herausforderungen und Erfahrungen im Promotionsalltag meine Persönlichkeit gewachsen ist und sich den Herausforderungen im Berufsalltag gewachsen fühlt.

Was ist anders im Job?

Trotzdem unterscheidet sich der Berufsalltag in gefühlt fast allem vom Promotionsalltag. Der größte Unterschied besteht für mich darin, dass ich nicht mehr für mich selbst arbeite und allein für ein Projekt verantwortlich bin, sondern im Team arbeite und auch direkt mit meinen Vorgesetzten zusammenarbeite. Das war während der Diss nur ausnahmsweise der Fall, auch wenn ich sowohl während der Promotion als auch im Job sehr hilfsbereite ChefInnen habe und hatte. Nicht mehr alleine für Entscheidungen verantwortlich zu sein war zunächst sehr ungewohnt für mich. Jetzt muss ich Zustimmungen einholen und kann nicht einfach so mal machen. Das stark eigenständige Arbeiten, das ich mir während der Diss angeeignet habe, ist zwar trotzdem nützlich – jeder im Team ist ja dankbar, wenn Entscheidungen gut vorbereitet werden -, aber ich kann nicht mehr alleine vorpreschen. Das empfinde ich insgesamt aber als positiv: Die Einsamkeit während der Promotion, die sich ja daraus nährt, dass man mit den großen und kleinen Entscheidungen immer ziemlich allein ist, fällt weg. Es ist tatsächlich sehr angenehm, kleine und große Dinge im Team zu besprechen, statt alleine die Gedanken hin- und herzuschieben.

Eine fast genauso große Veränderung ist für mich, dass ich mir meine Zeit nicht mehr frei einteilen kann. Christine hat vor einer Weile so richtig beschrieben, dass sie während der Promotion gelernt hat, wann und wie sie am besten arbeiten kann. Allein: Das interessiert jetzt niemanden! Ich habe fest geregelte Arbeitszeiten (innerhalb einer Kernarbeitszeit), logge mich ein- und aus, wenn ich komme und gehe, sammle Überstunden (und darf die auch abfeiern). Alles anders als während der Diss (auch wenn viel dafür spricht, die Diss ähnlich wie eine 40-Stunden-Woche zu sehen). Auch meine To-Do-Liste kann sich schnell verändern, wenn kurzfristig andere Prioritäten reinkommen – das war bei mir während der Diss quasi nie der Fall. Insgesamt ist die Arbeit auch viel enger getaktet: Während ich als Promovendin regelmäßig Mittags- und Kaffeepausen gemacht habe, tue ich das jetzt nicht mehr (vor allem, weil ich in Teilzeit arbeite). Die Pausen sind aber auch nicht mehr so nötig: Jetzt mache ich viel mehr Routineaufgaben, für die das Gehirn weniger Energie braucht.

Ein ganz neues Gefühl ist es auch, so etwas wie eine Dienstleisterin zu sein mit meiner Arbeit. Ich werde ja bezahlt, um – ganz grob gesagt – anderen Menschen weiterzuhelfen. Das tue ich auch sehr gerne, gleichzeitig dürfen diese Menschen berechtigterweise den Anspruch hegen, dass ich auf ihre Forderungen reagiere. Das ist nicht schlimm, aber eine neue Erfahrung (und einer der Gründe, warum ich keine Kaffeepausen mehr mache).

Und schließlich empfinde ich einen großen Kulturunterschied im Anspruch an die eigene Arbeit. Während der Promotion habe ich drei einhalb Jahre auf ein großes Produkt hingearbeitet, das dann aber auch wirklich perfekt sein sollte (oder zumindest so gut, wie ich es eben hinkriege). Jetzt geht es viel häufiger darum, Dinge abzuhaken und weiterzumachen, auch wenn sie noch nicht perfekt sind (die 80/20-Regel, die ich während der Promotion nie beherzigt habe)… 

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