Der Schlussteil: Wie beende ich meine Dissertation (ohne Panik)?

Zirka zwei Monate vor Abgabe meiner Dissertation hatte ich einfach keine Lust mehr. Die Arbeit sollte einfach nur noch fertig werden – mir war relativ egal wie, Hauptsache weg, runter vom Schreibtisch, nie wieder sehen. Vielen meiner Freunde geht es ähnlich: Irgendwann ist die Luft einfach raus. Aber es muss weitergehen, Einleitung und Schluss müssen geschrieben werden, mit grolligem Magengrummeln, mit einer stetig wachsenden Portion Selbstmitleid, in der Jogginghose und abnehmender Körperhygiene, unter Einlegen von Nachtschichten, die einen um Sozialleben und Verstand bringen. An alle, denen es gerade ähnlich geht,  ein „hello from the other side“: Ihr schafft das. Ihr habt schon so viel geschafft. Eine ganze Dissertation habt ihr geschafft – Daten erhoben, Konferenzvorträge gehalten, Papers veröffentlicht, Seminare gehalten… ihr schafft auch den Schlussteil. Wirklich. Heute soll es darum gehen, wie (insbesondere für die Geistes- und Sozialwissenschaften).

Der Schlussteil macht vielleicht deswegen vielen so viel Angst, weil er die Krone deiner Dissertation ist. Hier führst du die Fäden zusammen, sagst, was du herausgefunden hast und wie und vor allem, warum das wichtig ist.

Was soll rein in den Schlussteil? 

Was also gehört in einen guten Schlussteil? Natürlich rekapitulierst du deine Forschungsfrage und deine Ergebnisse, doch das sollte der kürzere Teil deines Schlusskapitels sein. Wichtig ist vor allem, dass du dir Gedanken darüber machst, was deine Dissertation über deine konkrete Forschungsfrage hinaus zu sagen hat – warum ist sie interessant auch für Menschen, die sich vielleicht nicht so genau für die soziale und wirtschaftliche Stellung der japanischen Frauen im 17. Jahrhundert (oder sonst etwas) interessieren? Welche gesellschaftliche/politische/praktische Relevanz haben deine Erkenntnisse?

Das Schwierige ist, sich bewusst zu werden, wo meine eigenen Erkenntnisse anfangen und was genau meine Erkenntnisse überhaupt sind. Der Thesis Whisperer hat schön formuliert: “Knowledge claims are like dumplings in the thesis soup or chocolate chips in the PhD cookie. Without knowledge claims you don’t have a thesis at all, just a report of work that was done.“ Dazu gehört etwas „Philosophieren“: Du willst dich als interessante, ernstzunehmende Wissenschaftlerin und Kollegin zeigen, die einen eigenen Beitrag zur wissenschaftlichen Debatte liefert.

Zur einfachen Übersicht (und weil ich in diesem Stadium solche Artikel eh nur noch kursorisch gelesen habe) hier eine Checkliste (siehe dazu auch diesen Artikel). Rein in den Schlussteil sollte:

  • Eine Wiederholung der Forschungsfrage(n)
  • Deine Antworten auf die Forschungsfrage(n) unter Aufgreifen der Methode (was hast du herausgefunden und wie hast du es herausgefunden?), beides kurz gehalten!
  • Eine Einordnung in die Forschungsliteratur: Welche Forschungslücke hast du gefüllt, wie hast du die Forschung weitergebracht?
  • Welche weiterreichende Bedeutung ergibt sich aus deiner Forschung? Warum ist das interessant, was du gemacht hast? Hier kannst du die gesellschaftliche Relevanz deiner Forschung verdeutlichen. Wem hilft dein Wissen weiter in der Politik oder Praxis?
  • Ein Ausblick für weitere Forschung: Welche offenen Fragen ergeben sich für zukünftige Forschung?

Und was soll nicht rein?

  • Lange Zusammenfassungen: Klar, eine kurze Zusammenfassung deiner Erkenntnisse auf jeden Fall, aber kein langes Aufzählen deiner hundertzwanzig Schlussfolgerungen.
  • Neues Material: Hier keine neuen Fässer aufmachen – im Schlussteil hilfst du dem Leser, die Fäden wieder zusammenzuführen. Neue lose Fäden stören da.
  • Überzogene Schlussfolgerungen: Es ist wichtig, den richtigen Ton zu treffen zwischen mutigen Statements, die du untermauern kannst und die durchaus provozieren dürfen und Verallgemeinerungen, die du schlichtweg nicht belegen kannst. Wir haben alle etwas zu sagen, aber wir haben auch kein Geheimrezept für den Weltfrieden.

Wie schreibe ich den Schlussteil?

Ich persönlich fand es am hilfreichsten, mich mit einer Freundin im Café hinzusetzen und ihr zu erzählen, was ich in der Doktorarbeit gemacht habe, was ich herausgefunden habe, was ich spannend fand oder überraschend. Je mehr ich geredet habe, desto mehr kristallisierten sich für mich die großen Themen heraus und was eigentlich mein eigener Beitrag zur Wissenschaft war. Also, gib doch einfach mit einem Kollegen oder einer Freundin einen Kaffee aus, drücke ihm oder ihr Stift und Papier in die Hand und fange an zu reden!

Für mich hat sich alles weitere dann ergeben – ich habe diese Erkenntnisse in den Computer getippt, geordnet, mit Zitaten aus  meinen Quellen belegt und habe angefangen, zu schreiben. Inger Mewburn vom Thesis Whisperer schlägt noch eine ganze Reihe weiterer Schritte vor: Die Findings zu bewerten (was davon sind „original knowlege claims? Was an deinen findings ist neu? Was hast du  noch nirgendwo anders gelesen/wurde noch nicht gemacht/hat noch nie jemand gesagt?) und zu überlegen, ob du genug Daten/Quellen/Zitate hast, um deine einzelnen Erkenntnisse zu belegen. Danach kannst du Oberthemen finden, indem du dir immer wieder deinen Zettel anschaust, und diese dann im nächsten Schritt in einer Mind map veranschaulichen und Zusammenhänge erkennen (hier der sehr hilfreiche Artikel vom Thesis Whisperer).

Und jetzt gilt nur noch eins: Just do it! Mach den Computer auf und fange an, zu tippen. Ich schwöre auf meinen persönlichen Schreib-Soundtrack: Ich habe Musik, die ich immer dann anmache, wenn es beim Schreiben Ernst wird. Sie hilft mir, mich in den richtigen inneren Zustand zu versetzen, nämlich: Kein Prokrastinieren mehr! Du hast was zu sagen! Sag es! (Wer Interesse hat: Ich schwöre auf Gounod’s Messe Solenelle de Sainte Cécile . Ist Geschmackssache. Aber mir hilft’s!).

Und jetzt: Fröhliches Dissertieren!

 

 

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