Die Liebe zur Forschung in Zeiten von Corona

Foto: Ethan Sexton via Unsplash

Angesichts der aktuellen Lage haben wir und entschieden, unseren Publikationsrythmus zu unterbrechen und ganz ungewohnt an einem Montag einen Blogpost zu schalten! Wie es in Zeiten von Corona mit Cafecumlaude weitergehen wird, lest ihr unten.

Es ist diese eine, quälende Frage, die sich vermutlich alle Promovierenden irgendwann einmal stellen: Ist meine Forschung überhaupt relevant? (Hier haben wir schon mal ein Gedanken zu dem Thema gesammelt). Angesichts der aktuellen Lage in Deutschland und Europa stellt sich diese Frage vielleicht sogar noch dringender. In Zeiten von Quarantäne, Hamsterkäufen und täglich steigenden Zahlen von Infektionen erscheint die eigene Beschäftigung mit einem Nischenthema, das bis vor einigen Wochen das gesamte Leben eingenommen hat, plötzlich profan und unwichtig (Es sei denn, man forscht zu Viruserkrankungen, den juristischen Implikationen unbestimmter Versammlungsverbote oder den Einfluss von Medienberichterstattung auf Hysterien).

Im Zusammenhang mit den Schulschließungen und Betreuungsmöglichkeiten für Kinder wird von „systemrelevanten“ Berufen gesprochen und damit ein Ranking erstellt, welche Jobs notfalls mal ein paar Wochen auf halber Kapazität fahren könnten. Klar, ohne medizinisches Personal, Polizei und Feuerwehr geht es nicht; ebenso wenig ohne die Menschen, die unsere Lebensmittel herstellen, von A nach B fahren und anbieten. Plötzlich bekommt man in dieser Krise vor Augen geführt, dass die eigene Forschung für die Aufrechterhaltung der Gesellschaft vermutlich nicht notwendig ist.

Angesichts der allgemeinen Weltuntergangsstimmung und ohne die üblichen Ablenkungen und Zerstreuung durch Verabredungen, Kino und Einkaufstouren konzentriert man sich auf sich selbst und nimmt das eigene Leben wie durch ein Vergrößerungsglas wahr. Bei Doktoranden bedeutet das, dass man auch die eigene Forschung plötzlich noch intensiver als sonst wahrnimmt (besonders angesichts der halbwitzigen Kommentare, durch die Einschränkungen des öffentlichen Lebens müsse man doch jetzt doppelt so schnell vorankommen). Da kann man sich leicht die ganz großen Sinnfragen stellen: Was mache ich hier eigentlich?

Auch wenn diese Zweifel nachvollziehbar sind, plädiere ich dafür, die Corona-Krise nicht zur Doktorarbeitskrise werden zu lassen. Stattdessen habe ich drei Argumente für die Relevanz jeder Diss und die Liebe zur Forschung in Zeiten von Corona.

Man weiß nicht, welche Themen irgendwann gesellschaftliche Relevanz haben

Die Corona-Krise lehrt uns, dass das Leben Dinge bereithält, die wir nicht erwarten. Bis vor Kurzem hat wohl niemand damit gerechnet, dass in Europa aus gesundheitlichen Gründen Ausgangssperren verhängt und Grenzen geschlossen werden.

Deshalb ist es eigentlich unmöglich, vorherzusagen, welche wissenschaftliche Forschung zu welchem Zeitpunkt plötzlich zum „hot topic“ wird. In denen letzten Tagen erlangten zum Beispiel zwei Studien von 2007 zu Interventionen US-amerikanischer Städte gegen die Ausbreitung der Spanischen Grippe eine ungeahnte Berühmtheit; sie wurden vergangene Woche in so gut wie jeder deutschen Tageszeitung zitiert. Ähnlich ergeht es dem Buch von Laura Spinney (1918. Die Welt im Fieber) von 2018, das plötzlich überall empfohlen wird. Ob die Autoren und Autorinnen damit gerechnet haben? Ich könnte mir vorstellen, dass sie sich auch zwischendurch die Frage nach der Relevanz ihrer Forschung gestellt haben!

Nicht nur das Lebensnotwendige ist relevant

Die aktuelle Situation stellt unseren Alltag auf den Kopf und verschiebt unsere Prioritäten. Eins merken wir während der Corona-Krise ganz besonders: ein Leben ohne direkte soziale Kontakte und kulturelle Ereignisse ist möglich – aber besonders toll ist es nicht. Wir werden das jetzt alle ein paar Wochen durchhalten, weil es nötig ist. Gleichzeitig freuen wir uns aber schon darauf, hoffentlich in ein paar Wochen wieder Freundinnen zu treffen, auf Konzerte zu gehen und auf dem Flohmarkt zu bummeln. Vielleicht kann man das Thema Relevanz in der Forschung ähnlich sehen: Auch da ist nicht nur das absolut Lebensnotwenige relevant. Natürlich würde unser aller Leben ohne bestimmte Doktorarbeiten funktionieren. Aber es wäre deutlich weniger spannend und bunt.

Wissenschaft definiert sich über ihre (Homeoffice) Methoden

Dieses Argument ist vielleicht weniger stringent hergeleitet, aber ich muss es zum Ende sagen: Uns stehen unter Umständen Wochen der Selbst-Isolation bevor und da sind Promovenden, unabhängig vom Thema, vielleicht die erfahrenste Berufsgruppe in Deutschland. Ab Montag sollen alle, die können, von Zuhause arbeiten, und dieses gesamtgesellschaftliche „Stille Kämmerlein“ wird für viele Menschen eine echte Herausforderung bedeuten. Für die meisten Promovenden dürfte die Situation jedoch mehr oder weniger bekannt sein. Viele von uns sind Homeoffice und Isolation gewohnt und haben jede Menge Routinen und Tricks entwickelt, um bei der Arbeit am heimischen Schreibtisch nicht durchzudrehen und sich selbst zu strukturieren. Vielleicht schlägt jetzt also die Stunde der Promovenden, die ihr methodisches Know-How, Tipps und Erfahrungen in Sachen Homeoffice und an Freunde und Verwandte weitergeben.

Ein Appell zum Schluss

Ich gehöre zu der sehr privilegierten Gruppe von Menschen, für die das Corona-Virus vermutlich keine akute Gefahr darstellt. Aktuell bedroht das Virus weder mein Leben, meine Existenz noch meinen Job. Für andere Leute stellt die aktuelle Situation eine viel größere Krise dar. Deshalb ist es jetzt an uns allen, solidarisch zu sein und das zu tun, was wir können: Hände waschen. Wenn möglich, zuhause bleiben. Desinfektionsmittel und Mundschutz denen überlassen, die sie benötigen – medizinischem Personal und geschwächten Personen. Das Brot beim lokalen Bäcker kaufen, statt beim Discounter zu hamstern. Nach Möglichkeit Verträge bei kleinen Fitness-Studios nicht kündigen oder auf die Rückzahlung für abgesagte Veranstaltungen verzichten, wenn es für euch keine finanzielle Belastung darstellt.

In diesen bewegten Zeiten fühlt es sich auch für uns komisch an, hier weiterzubloggen, als wäre die Welt die gleiche wie vorletzte Woche. Gleichzeitig finden wir es umso wichtiger, unsere Community hier zu pflegen, gerade weil viele von uns ja (mehr oder weniger) freiwillig ihre sozialen Kontakte heruntergefahren haben – und weil etwas Ablenkung uns allen gut tut. Vielleicht spürt ihr den Druck auch umso mehr, jetzt produktiv sein zu müssen. Deshalb werden wir vorerst weiter jeden zweiten Donnerstag Beiträge zum Leben in der Promotionsphase posten – die euch hoffentlich auch daran erinnern, dass irgendwann alles wieder normal sein wird. Hoffentlich.

In diesem Sinne: Bleibt zuhause und bleibt gesund!

P.S.: Der Titel dieses Artikels lehnt natürlich an Gabriel García Marquez‘ Meisterwerk „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ an – ein Buch, das sich in der Selbstisolation zu lesen anbietet!

Hier unsere Tipps und Tricks, die vielleicht in Home-Office und Selbst-Isolation (evtl mit Kinderbetreuung) hilfreich sein können:

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