Forschungsaufenthalt im Ausland mit Baby – (wie) geht das überhaupt?

Ein Erfahrungsbericht von Dana Dülcke
Ein Forschungsaufenthalt im Ausland ist immer spannend und herausfordern. Und dann noch mit Baby? Photo by Ken Yam on Unsplash

Wir schreiben den Sommer 2014. Ich habe endlich meine Finanzierung für meinen ersten großen Forschungsaufenthalt in Kanada mit meinem Stipendien-Geber organisiert, es stehen schon viele Interviewtermine fest und Übernachtungsmöglichkeiten sind gebucht. Das soll der erste große Meilenstein in meiner (Forschungs-)Arbeit an meiner Doktorarbeit werden. Ich freue mich riesig und mir ist manchmal auch schon etwas schlecht vor Aufregung – aber, wenn ich ehrlich bin, ist mir eigentlich meist auch etwas mulmig zumute, weil ich zu dieser Zeit bereits schwanger bin.

Aber der Plan steht. Ich werde mit dickem Babybauch nach Kanada fliegen und meine ethnografische Forschung vor Ort durchführen. Das heißt konkret: In Kanada hin und her reisen, geplante und ungeplante Interviews führen, an unterschiedlichen Veranstaltungen teilnehmen und alles für die Analyse dokumentieren. Das geht ja alles auch schwanger.

Dann kommt alles anders als gedacht. Ich kann nicht fliegen. Es gibt Komplikationen in der Schwangerschaft und meine Ärztin untersagt mir die Reise. Sie empfiehlt, dass ich im nächsten Jahr fliegen soll. Ich falle in ein emotionales Loch und bin für einige Tage total aus der Bahn geworfen. Denn wie soll ich nun meinen Promotionsprozess voranbringen, wenn ich nicht noch vor der Geburt in die Feldforschung gehen kann? Promovieren mit Kind ist ja schon so eine Herausforderung, wie es Ulrike schon mal hier beschrieben hat. Aber eine Feldforschung im Ausland mit Baby? Über mehrere Monate hinweg?

Meine Betreuerin ist da weniger aufgeregt als ich.

Nachdem ich mich nach ein paar Tagen wieder halbwegs gefangen habe, kontaktiere ich meine Betreuerin und schildere ihr meine Situation. Sie ist total empathisch und erklärt mir, dass die Gesundheit des ungeborenen Babys und meine Gesundheit immer an erster Stelle stehen. Dann sagt sie mir, dass die (Promotions-)Welt nicht untergehen wird und dass ich mich erst mal auf die aktuellen Gegebenheiten konzentrieren soll – und vor allem meinen Interviewpartner*innen in Kanada Bescheid geben soll. Ach ja, da war ja noch was.

Es stellt sich heraus, dass ich mit nur wenigen Sätzen meinen Interviewpartner*innen meine kurzfristige Absage erklären kann und dass sich sofort alle bereit erklären, auch zu einem späteren Zeitpunkt für ein erneutes Interview zur Verfügung zu stehen. Nach ein paar Wochen geht es mir und dem Baby wieder viel besser und ich fange an über die Umsetzung der Forschung mit Baby/Kind nachzudenken. Okay, also die Welt ist auch dieses Mal nicht untergegangen.

Fast foreward: Ein Jahr später.

Ich bin mittlerweile Mutter eines putzmunteren Babys und habe in den letzten Monaten meine (Promotions-)Zeit mit Theoriearbeit, Prokrastination und allerhand Organisation rund ums Eltern-Sein und Forschen verbracht. Außerdem habe ich in meiner Partnerschaft besprochen, was es für mich heißt eine empirische Doktorarbeit zu schreiben: Ich muss und ich will Feldforschung betreiben. Aber geht das überhaupt mit Kind? Meine Antwort und meine Erfahrungen hierzu sind eindeutig – ja, es geht! Aber mehr Aufwand ist es natürlich trotzdem.

Gemeinsam mit meinem Partner haben wir unsere Elternzeitmonate nach der Geburt des Babys so gelegt, dass wir nach einer ersten Findungsphase als Familie eine kürzere gemeinsame Reise nach Kanada unternehmen, wenn das Baby ein halbes Jahr alt ist. Das war im Herbst 2015. Anschließend sind wird im Frühjahr 2016 nochmals für einen längeren Forschungsaufenthalt gemeinsam nach Kanada gegangen. Das war möglich, da mein Partner seine Elternzeit meiner Feldforschungszeit anpasste. Es war aber auch notwendig, dass diese spezielle Familien-Forschungs-Zeit durch entsprechende finanzielle Unterstützung meines Stipendien-Gebers gefördert wurde. So bezahlte die Stiftung beispielsweise die Flugtickets für meinen Partner.

Das heißt aber nicht, dass mir das einfach alles so zugefallen ist. Es bedurfte einiges an (schriftlicher) Überzeugungskraft und der Unterstützung meiner wissenschaftlichen Betreuerin, damit auch deutlich wurde, dass eine Forschung im Ausland mit Baby/Kindauch nur dann umsetzbar ist, wenn eine andere enge Bezugsperson – in meinem Fall der Vater – auch dabei sein kann. Es gibt sicherlich auch andere Möglichkeiten, beispielsweise das eigene Kind auf Reisen oder bei Konferenzen durch kostenpflichtige professionelle Betreuung vor Ort versorgen zu lassen. Aber ich denke, dass vor allem bei Säuglingen eine bekannte und enge Bezugsperson oft die bessere Alternative darstellt und man selbst beruhigt(er) ist, wenn das Baby auf diese Weise betreut wird.

In meinem Fall war es beispielsweise so, dass ich aufgrund meines Forschungsfelds sowie des ethnographischen Forschungsstils öfter die Orte gewechselt habe und manchmal auch erst spät abends Veranstaltungen besuchte oder Interviews führen konnte. Da aber der Vater des Babys vor Ort war, wusste ich auch zu diesen Uhrzeiten unser Kind immer gut umsorgt und ich konnte mich ganz auf die (Forschungs-)Situationen einlassen.

Mit Kind und Partner konnte ich also zwei Mal meine Feldforschung in Kanada durchführen. Es war herausfordernd, bereichernd, anstrengend und erlebnisreich zugleich. Ich habe sehr viel Material für meine Promotion in diesen Aufenthalten sammeln können und ganz im Gegensatz zu der Angst, meine vorherige Absage könnte zu Problemen bei erneuten Interviewanfragen führen, war unser Baby schließlich der Türöffner schlechthin. Viele der Interviewpartner*innen freuten sich, dass ich mich weiterhin für das Thema der Landarbeitsmigration in Kanada interessierte und nicht wenige wollten sogar unbedingt das Baby kennen lernen. Während der vielen Interviewtermine, der teilnehmenden Beobachtungen und dem Besuch von Tagungen war unser Kind stets durch seinen Vater in bester Obhut und ich konnte mich voll auf die Forschung konzentrieren – und dennoch war ich jede Nacht wieder bei meiner Familie, um mir „meine“ Portion Baby abzuholen.

Unser Kind hat alles super mitgemacht – die Flüge, die Reisen vor Ort und auch so manch ungeplanten Kontakt zu neuen und stets netten Menschen. Daher bin ich fest überzeugt, dass diese kleine „Eisbrecherin“ mir mehr wertvolle Kontakte eingebracht hat, als ich es alleine je geschafft hätte. Und eine tolle Erfahrung für die Familie war es auch. Die Frage, ob eine Forschung im Ausland also mit Kind möglich ist, kann ich aus meiner Erfahrung nur bejahen.

Aus diesen Erfahrungen möchte ich euch abschließend folgende Punkte mitgeben, die euch vielleicht auch Mut machen, mit Familie einen oder mehrere Auslandsaufenthalte während der Promotionszeit zu wagen – ob nun zum Forschen, für Tagungen oder als Visiting Scholar:

  • unbedingt eine Reiserücktrittsversicherung abschließen (mit Kind weiß man nie, ob alles wirklich so klappt)
  • die eigene Forschung im Ausland als wichtig und als Priorität ansehen und so auch kommunizieren, bspw. gegenüber der fördernden Stiftung, der Universität oder anderen Geldgebern, aber auch gegenüber dem anderen Elternteil, Freunden, Familienangehörigen, die möglicherweise eine Auslandsreise mit Baby/Kleinkind zunächst als abwegig ansehen 
  • frühzeitige Planung, Planung, und noch mehr Planung (mit Partner, Betreuung, Forschungspartner*innen)
  • offene und ehrliche Kommunikation über die eigene (familiäre) Situation auch mit potentiellen Forschungspartner*innen, Institutionen im Ausland, das kann u.U. nicht nur zu viel Verständnis und Entgegenkommen führen, sondern auch „neue Wege“ des Forschens ermöglichen
  • Flugzeiten, die den Schlafenszeiten des Babys/dem Kind halbwegs entsprechen, auswählen
  • die Betreuungssituation vor Ort der mitreisenden Betreuungsperson überlassen und sich selbst da ganz zurücknehmen
  • und noch aus unserer letzten Erfahrung: IKEA im Zielland aufsuchen und alle vermeintlich (über-)lebensnotwendigen Dinge für ein Baby/Kleinkind (Hochstuhl, Babybesteck, …) günstig kaufen und am Ende die Dinge einer lokalen Hilfsorganisation spenden

Und nun wünsche ich Euch allen viel Erfolg und Spaß bei euren Auslandsreisen mit Baby und/oder Kind! Ich freue mich zu hören, wie es euch selbst schon bei Auslandsaufenthalten mit Kind ergangen ist, oder welche Fragen, Anregungen oder Bedenken ihr (noch) habt. Schreibt gerne einen Kommentar oder mailt uns!


Dana Dülcke ist Doktorandin an der Universität Kassel im Fach Soziologie. In ihrem Promotionsvorhaben beschäftigt sie sich mit Migrationen, Arbeitsbeziehungen und Arbeitskonflikten, intersektionalen Ungleichheitsverhältnissen und Subjekttheorien am Beispiel zirkulärer Landarbeitsmigration nach Kanada. Sie promoviert nebenberuflich und hat mittlerweile zwei Kinder.

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