Frohes neues Jahr! Unsere Vorsatz-Fails aus 2020

Kennt ihr den CV of Failures? Johannes Haushofer, damals Professor für Psychologie an der Princeton University, hat vor ein paar Jahren den Trend begründet, in einer Art Anti-Lebenslauf alle Stellen aufzulisten, die er nicht bekommen hat, alle Fördergelder, die er beantragt und nicht erhalten hat und alle Artikel, der er eingereicht hat und die nicht angenommen wurden. Sein Ziel war es, die “Bilanz auszugleichen” und andere zu ermutigen, trotz Rückschlägen nicht aufzugeben.

Wir finden, dass auch bei Neujahrsvorsätzen die Bilanz mal ausgeglichen werden sollte. Und wie wir festgestellt haben, kann es sogar geradezu sein, auf gute Vorsätze aus der Vergangenheit zurückzublicken – gerade dann, wenn man sie nicht einhalten konnte. Ganz nach Marie Kondo bedanken wir uns für den Gedanken, vergeben uns dafür, ihm nicht gerecht geworden zu sein und lassen ihn dann los… und sind frei, das neue Jahr ohne schlechtes Gewissen oder Altlasten zu beginnen.

Hier also unsere Vorsatz-Fails aus 2020 (und davor)… viel Spaß beim Lesen!

Franziska A.: In den USA leben und arbeiten… nicht.

Wie wir alle wissen und wie vielfach erklärt wurde war 2020 ein krasses Jahr. Für die meisten nicht im positiven Sinne. Mein Plan für 2020 war in die USA auszuwandern und dort zu leben und zu arbeiten. Ich habe ein Visum beantragt und bekommen, meine Wohnung in Deutschland aufgelöst, meine Krankenversicherung gekündigt und den Flug gebucht. Im Februar 2020 sind mein Mann und ich direkt nach meiner Promotionsfeier nach Detroit geflogen. Schon am Flughafen in Amsterdam wurden wir gefragt, ob wir uns in den letzten Wochen in Wuhan aufgehalten hätten, aber natürlich haben wir uns nichts dabei gedacht. Tja. Ende März bekam ich endlich meine Arbeitserlaubnis und eine Woche später waren wir auch schon im Lockdown. 

Ich habe zig Bewerbungen geschrieben und bin nirgendwo über das erste Telefon Screening hinausgekommen. Ich will ehrlich sein, dass lag sicher nicht nur an Corona. In Detroit gibt es quasi nur die Automobilindustrie und auch mit einem technischen Hintergrund (Physik) habe ich keine Ahnung von Fahrzeugbau, Materialwissenschaft oder autonomen Fahren. Corona hat aber dafür gesorgt, dass auch außerhalb der Jobsuche nichts funktionierte. Ich hatte ab April keine Möglichkeit Menschen kennen zu lernen, die Stadt zu erleben oder neue Hobbies zu entdecken.

Ohne Job, ohne Freunde oder auch nur Bekannte und ohne Aussichten darauf in einem neuen Land zu sein ist kein Spaß. Im Nachhinein denke ich, dass ich gelassener hätte bleiben sollen und trotzdem die Zeit hätte genießen können. Es gibt tolle Parks und Seen in Michigan, die man trotz Corona nutzen konnte, ich habe viel mit Freundinnen und Familie in Deutschland telefoniert. Ich hätte endlich Zeit gehabt, Französisch zu lernen. Aber ich hatte keine Kraft und keine Lust dazu. Die einzige Möglichkeit, die wir gesehen haben, um etwas zu verbessern war zurück nach Deutschland zu gehen. 

Ich habe also angefangen mich in Deutschland zu bewerben. Das lief wesentlich besser, auch weil ich nicht auf eine Stadt festgelegt war. Ich habe dann relativ schnell eine spannende Stelle in der Nähe von München gefunden und im Juli den neuen Arbeitsvertrag unterschrieben. 

Am Ende dieses Jahres bereue ich es nicht, die USA verlassen zu haben, auch wenn ich mir manchmal wünsche es hätte doch geklappt und ich mich frage, wo ich dann heute sitzen und diesen Text schreiben würde. Natürlich können wir auch in der Zukunft nochmal im Ausland leben, nachdem ich den Organisationsaufwand einmal bewältigt habe, kommt er mir gar nicht mehr so groß vor.

Dana: Ziele sind Mittel zum Zweck!

Der bekannte Brauch sich (gute) Vorsätze für das neue Jahr zu überlegen, wird nicht nur in diversen Lifestyle-Magazinen behandelt, sondern Ziele und Meilensteine zu planen, sind auch in fast jedem Ratgeber zum Thema Promotion zu finden. Genauso finden sich in diesen unterschiedlichen Genres jeweils Hinweise dazu stets flexibel zu bleiben, Unvorhergesehenes zu akzeptieren und Veränderungen in die eigene Planung zu integrieren, ebenso wie die Idee sich immer wieder bewusst zu machen, welche kleinen Ziele man bereits erreicht hat, um sich weiter zu motivieren (ob nun zum Thema Fitness, gesunde Ernährung oder eben der Arbeit an der Promotion). Okay, soweit die Theorie. Die Praxis sieht bei mir oft ganz anders aus.

Ich nehme mir gerne neue und alte Vorhaben vor, um sie mir als größere oder kleinere Ziele zu setzen und dann… erreiche ich sie nicht. Manchmal ist das frustrierend, manchmal kommt es mir schon fast wie Routine vor, ganz im Sinne von „war ja klar“, und jedes Mal fühlt es sich auch ein bisschen mies an. Daher finde ich es super, jetzt mal eine andere Perspektive auszuprobieren. Ich liste im Folgenden all jene Ziele, Vorhaben und Ideen auf, die ich im letzten Jahr NICHT erreicht habe. Und dann? Dann vergebe ich mir dafür. Denn es ist vollkommen okay so. Es ist in Ordnung nicht alles umgesetzt, ausprobiert und geschafft zu haben. Ich brauchte zwar auch im letzten Jahr irgendwas, auf das ich mich ausrichten konnte (z.B. das riesige Ziel endlich die Promotion zu beenden!), um überhaupt einen Orientierungspunkt zu haben, aber mein einziges Vorhaben besteht darin, dem folgenden Motto treu zu bleiben: „Ziele sind nur Mittel zum Zweck. Sie schaffen Fokus und richten den Blick aus. Mehr nicht.“

Nun also: Für folgende Ziele, Vorhaben und Ideen, die ich weder angefangen, durchgehalten oder beendet habe, vergebe ich mir aus tiefem Herzen und freue mich darauf, einige davon bei nächster Gelegenheit mal wieder als Fokuspunkt in den Blick nehmen zu können:

  • Mit youtube jeden zweiten Tag Yoga machen
  • 15 Minuten Meditation am Tag
  • Endlich alte Verträge und Abos kündigen, die ich nicht mehr brauche
  • Den Flur streichen, der es bitter nötig hätte
  • Auf Blogs, den ich folge auch mal eine Nachricht oder irgendeine Reaktion hinterlassen
  • Mehr positive Signale in die Welt senden, d.h. Briefe schreiben und Menschen direkt sagen, was sie mir bedeuten
  • Weniger selbstkritisch zu sein
  • Blumen im Hinterhof zu pflanzen
  • Meiner Tochter helfen richtig schwimmen zu lernen
  • Das Zusammenfassungskapitel meiner Dissertation überarbeiten
  • Die Einleitung der Diss schreiben
  • Regelmäßigere Gespräche mit meinen beiden Betreuungspersonen einfordern
  • Und überhaupt: Die Verschriftlichung und Überarbeitung aller Kapitel fertig bekommen, damit ich endlich, endlich wirklich fertig werden kann (was für ein großes Ziel…)

Auch wenn ich diese Liste spielend noch um viele Punkte verlängern könnte, es ist gut so, wie es ist. Denn „Ziele sind Mittel zum Zweck. Sie schaffen Fokus und richten den Blick aus. Mehr nicht.“ Alles Gute für 2021 an Alle! 

Franzi E.: Internationale Konferenzen? Fail! Pragmatismus? Check!

Wenn ich auf die guten Vorsätze schaue, die ich im Dezember 2019 gemacht habe, muss ich ein bisschen lachen. Vermutlich geht uns das allen so. Dass uns das ganze Jahr eine Pandemie in Atem halten würde, hat glaub ich wirklich niemand geahnt!

  • Auf internationale Konferenzen fahren. Und dafür mein „Reisegeld“-Kontingent nutzen, das ich extra dafür aufgehoben hatte

Alles, was mit „international“ beginnt, war für uns alle 2020 ein guter Witz. Die drei Konferenzen, auf die ich eingeladen war, wurden wenig überraschend leider abgesagt, bzw. verschoben. Das war natürlich sehr schade, weil ich mich sehr darauf gefreut hatte, meine Ergebnisse zu diskutieren. Besonders bitter: für die erste Konferenz in März hatte ich sogar schon die Präsentation fertig!

  • Regelmäßig Sicherungskopien der Diss erstellen

Das habe ich gemacht, und es war wirklich ein beruhigendes Gefühl. Ich hatte mich von Anfang an für eine Lösung entschieden, in der meine Diss nicht nur auf meinem Laptop lag. Aber regelmäßig zu wissen, dass sie an drei verschiedenen Orten gesichert ist, war wirklich Gold wert.

  • Mehr Netzwerken

Auch bei diesem Vorsatz hat mir Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht, dazu muss ich wohl nicht weiteres sagen! Leider scheint es auch so, dass dieses Thema im Jahr 2021 schwierig bleiben wird. Ich fürchte, dass ich durch Corona auch bis zum Ende meiner Doktorarbeit nicht die Menge an Kontakten knüpfen kann, die ich mir gewünscht hätte.

  • Die ungelesenen Artikel in den Ordnern lesen, die ich über die Jahre heruntergeladen habe

Asche auf mein Haupt- das habe ich (mal wieder) nicht gemacht. Zu meiner Verteidigung kann ich aber sagen: ich habe die Ordner einfach ungelesen gelöscht! Ich habe 2020 einen Pragmatismus-Boost bekommen (dazu bald mehr), und diesen Schritt kurzentschlossen gewagt. Alles, was ich bis heute nicht gelesen (und nicht gebraucht) habe, wird für meine Diss wohl nicht essentiell sein.

  • Jeden Tag zu Fuß ins Büro gehen

Wie die meisten Promovierenden habe ich mich Rückenschmerzen zu kämpfen und allgemein das Gefühl, viel zu viel zu sitzen. Neben dem Fitness-Studio wollte ich unbedingt mehr Bewegung in den Alltag integrieren. Tja. Ich war so motiviert – und dann kam der Lockdown und Monate des Home-Office. In dieser Zeit habe ich mir zwar einen täglichen Spaziergang angewöhnt, entweder direkt morgens oder nach dem Mittagessen. Trotzdem habe ich mich 2020 deutlich weniger bewegt als im Jahr zuvor.

  • Bewusst Auszeiten nehmen und Pausen machen

Bei diesem Punkt bin ich wohl am konsequentesten gescheitert. Im Homeoffice fiel es mir zugegebenerweise schwer, Arbeit und Freizeit ordentlich voneinander zu trennen. Da man vor allem in den dunklen Monaten ja auch wenig andere Freizeitaktivität unternehmen konnte, saß ich oft auch am Samstag vor dem Schreibtisch. Da fand ich eigentlich nicht so toll, aber manchmal war es fast die reine Langweile, die mich an den Laptop getrieben hat. Ohne Kino, Sport, Freunde treffen, Cafés usw. erschien es mir regelrecht dumm, die Zeit nicht zum Arbeiten zu nutzen. Ich bin in der Tat auch in diesem Jahr wahnsinnig schnell mit der Diss vorangekommen. Im Rückblick war das für den Rücken und die mentale Gesundheit aber vielleicht nicht unbedingt die beste Entscheidung. Ganz wichtig: Hier sollte man bitte beachten, dass die Einschränkungen durch Corona sehr ungleich verteilt waren – ich habe keine Kinder zu betreuen, habe keine Einkommensverluste erlitten und hatte keine Probleme mit geschlossenen Laboren oder Archiven. Nur deshalb konnte ich 2020 für meine Diss produktiv nutzen. Für andere Promovenden war es schlicht unmöglich, ihr normales Arbeitspensum zu halten, geschweige denn, mehr zu machen! Dafür braucht sich niemand zu rechtfertigen! 

Ulrike: Eigentlich waren die Fails egal…

Ich hatte es Anfang 2019 gewagt, öffentlich eine Reihe von guten Vorsätzen fürs neue Jahr zu formulieren – im Wissen, dass ich sie vermutlich nicht einhalten würde. Von den 15 Vorsätzen, die ich dort gesammelt hatte, würde ich zwei mit gutem Gewissen als abgehakt sehen (ich habe das Michelle Obama-Buch zu Ende gelesen und würde mir sogar bescheinigen, inzwischen effizienter zu arbeiten. Dafür muss ich aber meinem kleinen Sohn danken, der mich gewissermaßen dazu zwingt). Ansonsten: Eher nicht. Und ehrlich gesagt – Überraschung! – es hat mir überhaupt nicht geschadet. (Vielleicht ist genau das das Tückische an Vorsätzen – man ist ja auch vorher gut ohne klargekommen und das Leben funktioniert halt auch ohne self improvement meistens ganz gut!)

Hier sind also meine Top 3- Vorsatz-Fails:

1. Nicht ständig neue Mahngebühren in der Bibliothek ansammeln.

Fail. Ich schulde der ULB Münster immer noch 8 Euro. Bevor mich jemand verurteilt, ich kann das erklären! Meine Universitätsbibliothek hat ein sehr großzügiges System, was Mahngebühren betrifft: Der Gebührenticker läuft nur so lange, bis ich ein Buch zurückgebracht habe. Danach ist es egal, ob ich die ausstehenden Gebühren sofort begleiche oder erst in einem Jahr (oder in zwei oder drei)… es bleibt beim ursprünglichen Betrag. Das finde ich auch super und sehr studierendenfreundlich, aber es verleitet mich dazu, wirklich nie meine Gebühren zu begleichen – zumal ich seit zwei Jahren meine Promotionsurkunde in der Tasche habe und die Uni keinerlei Handhabe mehr hat, mich zum Zahlen zu bewegen…. Shame on me! Und das, obwohl ich schon 2019 verkündet hatte, dass ich „Bücher rechtzeitig in die Bibliothek zurückbringen und endlich meine ausstehenden Gebühren zahlen“ wollte. Genug der Lethargie. Ich werde das gleich als Nächstes tun, versprochen! (Fragt mich in 2022…)

2. Jeden Morgen joggen gehen.

Ich hatte es damals etwas unverfänglicher als „regelmäßig Sport treiben“ formuliert, aber das eigentlich gemeint. Fail. Aber gut, dafür gebe ich jetzt auch einfach mal meinem Sohn die Schuld, der mich auch mit 2,5 immer noch regelmäßig nachts weckt (und aufwacht, sobald ich aufstehe)… ja, wenn man jetzt so motiviert wäre wie, sagen wir, Michelle Obama, dann würde man einfach um 6 aufstehen (ich glaube, sie ist um 4 aufgestanden), das schreiende Kind in den Jogger setzen und seine Runde drehen. Aber dafür reichte die Motivation dann einfach nicht. Vielleicht, wenn er erwachsen ist…

3. Networking lernen und auf Konferenzen fahren

Das ist mit Abstand mein größtes Fail. Ich hatte überall gehört, wie wichtig es ist, regelmäßig auf Konferenzen zu fahren, zu networken, initiativ zu werden und nicht darauf zu warten, bis die Leute von selbst auf einen aufmerksam werden… und war während meiner gesamten Promotionszeit auf genau einer Konferenz. Schlimmer noch, die jährlichen Tagungen des wichtigsten Fachverbandes meiner Disziplin habe ich ganz ausgelassen, obwohl sie super Möglichkeiten gerade zum Vernetzen mit anderen Promovenden geboten hätten. Das konnte ich mir eigentlich nur deshalb erlauben, weil ich wusste, dass ich eh nicht in der Wissenschaft bleiben wollte. Ich habe aber eine andere Form des Networkens gefunden, die viel mehr meiner Persönlichkeit entspricht – ich habe einfach per Mail Forschende angeschrieben, wenn ich konkret Fragen hatte (oder Artikel brauchte, zu denen ich keinen Zugang hatte). Das hat erstaunlich gut funktioniert, gerade im Kontakt mit amerikanischen Forschenden, mit denen ich dann einfach per Mail oder Videocall gesprochen habe. Ich würde also sagen, dass mir dieses Fail tatsächlich nicht geschadet hat.

Für 2021 nehme ich mir also nur eins vor: Das Barack Obama-Buch zu Ende lesen. Aber ich verspreche nichts…

In diesem Sinne: Von uns allen aus dem Café cum laude-Team ein frohes neues Jahr 2021! Und jetzt wären wir wahnsinnig neugierig auf eure besten Vorsatz-Fails…

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