Kolleg*innen oder schon Freund*innen? Warum ich Austausch so wichtig finde

Es geht in der Promotionsphase zwar eigentlich um das ganz eigene Projekt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass kein Mensch bisher ganz ohne andere Personen, ohne Freunde, Familie und Zuhörer*innen ein Promotionsvorhaben tatsächlich zu Ende gebracht hat. Wir sind soziale Wesen und wir brauchen Austausch! Ich denke, dass gerade auch die Phase der Promotion dringend vom Mythos eines vermeintlich einsamen Held*innendaseins befreit werden muss. Zumindest will ich heute ein Plädoyer für mehr Gemeinschaft und Freu(n)de am und im Promotionsprozess los werden. Hierzu will ich drei Gedanken teilen, die ich mit Blick auf die bisherige (Promotions-)Zeit als erkenntnisreich für mich empfunden habe. Außerdem ist dieser Post ein dickes Dankeschön an meine engen Begleiter*innen!

Erster Gedanke: Von sich erzählen und dann zuhören – das soziale Nahfeld

Also fange ich mal bei mir an: Seit ich denken kann ist es mir wichtig, mich mitzuteilen und in Gesprächen mit anderen mein Befinden kundzutun, aber auch das Befinden der anderen mitzubekommen – und das hat weder im Studium aufgehört, noch hat es sich während der letzten vielen Jahren im Promotionsprozess als hinderlich erwiesen. Ganz im Gegenteil: Ich beobachte, dass wenn ich von mir erzähle und versuche offen zu sein, ich meist aus (fast) jedem Gespräch etwas mitnehmen und etwas lernen kann. Manchmal bekomme ich sogar Infos, die ich zuvor noch nicht mal gesucht habe, die aber enorm hilfreich waren. Im Studium waren es die Kontakte, die ich im ersten Semester auf unterschiedlichen WG-Partys, in Ersti-Kennenlernrunden und in kleineren Seminaren gemacht habe (oder nach meinem Wechsel an eine andere Uni im 3. Semester noch mal aufs Neue). Diese „Erst-Kontakte“ wurden manchmal zu Freund*innen oder blieben „nur“ Kommiliton*innen, es sind mal Neue dazugekommen, andere sind wieder aus meinem Leben verschwunden. Aber sowohl am Übergang vom Bachelor in den Master, sowie am Ende des Masterstudiums wurde mir immer bewusster, wie hilfreich es ist, dass ich überhaupt davon erzähle, was gerade bei mir los ist und was ich für die Zukunft so plane. Im Rückblick ist es sicherlich nicht überraschend, dass auch mein soziales Nahfeld an der Uni aus Personen bestand, die planten zu promovieren, es bereits taten und ganz vereinzelt sogar schon (fast) fertigt promoviert hatten. Gerade der Austausch an dieser Stelle des Übergangs war super wichtig für mich. Ich habe mich nämlich nicht nur auf die Hinweise meiner Betreuung verlassen (müssen), als ich in mein Promotionsvorhaben hereingewachsen bin, sondern ich konnte so auch auf einer ungezwungenen Peer-Ebene Fragen stellen und ganz wichtige Informationen über alles Mögliche bekommen. Einfach nur, indem ich erzählte, was gerade in meinen Kopf vor sich ging und was ich vielleicht plane als nächstes zu tun. Stichwort: soll ich promovieren oder lass ich‘s lieber sein? So sind spontan immer wieder wichtige Gespräche ins Laufen gekommen. Die manchmal weitere Fragen aufwarfen und die manchmal sogar direkt eine mögliche Antwort lieferten: Wo gibt es Finanzierung? Wie sieht eine Stipendien-Bewerbung aus? Wie findest Du meine Forschungs-Idee? Muss ich im Exposé eigentlich schon xyz genau wissen und erklären?

Zweiter Gedanke: Das soziale Nahfeld verlassen – und dennoch von sich erzählen

Als zweiten Gedanken habe ich beobachtet, dass es im Promotionsprozess vor allem (mir) schwer fällt anderen Menschen, die explizit nicht zu meinem Nahfeld, zu meinen Freund*innen oder engen Kolleg*innen gehören, auch von meinem Promotionsvorhaben zu erzählen. Da kommt dann nicht nur ab und an mit voller Wucht das Impostor-syndrom zum Vorschein – die Angst, dass ich vor anderen nicht „gut“ genug, nicht schlau genug oder gar nicht geeignet für eine Promotion bin – sondern auch die Scham davor zu erklären, was genau ich da eigentlich jeden Tag tue. Das vor allem gegenüber Menschen, die explizit nicht in der scientific community unterwegs sind. Es kommt also ganz darauf an, mit wem ich spreche. Mit anderen Wissenschaftler*innen, mit erweiterten Familienangehörigen oder vielleicht mit Leuten aus der Baby-Gruppe (Stichwort Vereinbarkeit Promotion und Familie)? Dennoch versuche ich mich immer wieder zu überwinden und doch über meine Promotion zu sprechen oder zumindest darüber, was gerade (noch) bei mir los ist oder was ich gerade mit Blick auf die Promotion so „durchmache“. Denn eigentlich hat mich ja der Gedanke eins schon gelehrt, dass ich aus fast jedem Gespräch auch wieder etwas für mich oder die Promotion lernen kann – egal ob auf fachlicher, zwischenmenschlicher oder sonst welcher Ebene. Was ich nun wiederum hier beobachten konnte: Sobald ich mich überwunden habe, gibt mir das jeweilige Gegenüber meist nicht nur viele positive und bestärkende Signale zurück, sondern es entwickelt sich manchmal sogar eine ganz neue Dynamik der Unterstützung und des Austauschs!. Hier nur mal ein paar vielleicht nicht ganz zufällige Begegnungen und was daraus für mich geworden ist:

  1. Ich nehme an einer Tagung teil, halte einen Vortrag (total viel Arbeit vorher reingesteckt und ich war trotzdem krass nervös und unsicher…) und spreche am Abend beim Essen mit einer sehr netten Kollegin. Es stellt sich heraus, dass sie auch mal Stipendiatin war, dass sie mittlerweile FH-Professorin ist und dass sie ähnliche Themen spannend findet. Sie ist mir total sympathisch à heute ist sie meine Zweitgutachterin
  2. In meiner Elternzeit lerne ich ganz neue Menschen kennen, wir treffen uns in Baby-Gruppen und erzählen nach und nach, was wir so machen. Ich berichte davon, dass ich auch an einer Promotion arbeite und bleibe der Gruppe auch nach meiner Elternzeit weiterhin treu à Heute ist daraus mit einigen Personen nicht nur eine enge Freundschaft erwachsen, sondern eine Person ist nun tatsächlich „meine“ Lektorin für die anstehende Monographie

Somit mein zweiter Gedanke: Erzählt von euch, von eurem Promotionsvorhaben, von euren Gedanken und Überlegungen – auch wenn vielleicht noch gar nichts richtig durchdacht ist, nichts wirklich fest steht, ihr unsicher seid. Es kann sich daraus immer was ergeben.

Dritter Gedanke: zurück zum Nahfeld! Austausch als Motivation und zum Dranbleiben

Und mein letzter Gedanke. Austausch und Vernetzung mit anderen Menschen (ich mag das Wort „netzwerken“ so gar nicht, weil es meiner Meinung nach nicht nur um einen stets bewussten und gesteuerten Prozess geht, sondern auch um zufällige Begegnungen, die über Offenheit entstehen können) sind wichtig und helfen weiter. Aber es braucht auch sichere Austausch-Räume und Personen, die den eigenen Promotionsprozess begleiten und unterstützen. Und deswegen ist meine dritte Beobachtung die folgende: Es hilft ungemein ein paar ganz, ganz enge Kontakte, am besten Freund*innen, zu haben, die in einer ähnlichen Situation stecken! Denn diese sind es, die mich tatsächlich bisher durch die Promotionsphasen, durch die Hochs und Tiefs getragen haben. So toll ich auch die lockeren Runden und den zwanglosen Austausch mit anderen finde – und auch wirklich dankbar dafür bin, was daraus alles erwachsen ist – so sicher bin ich mir doch, dass meine Weiterarbeit an meiner Promotion zu einem Großteil davon abhängig war und ist, dass ich immer wieder Unterstützung, Rückhalt und Motivation von engen Freund*innen erhalten habe. Diesen Personen vertraue ich – ich traue ihnen meine unfertigen Texte an, weit bevor ich sie meiner Betreuung oder einem Kolloquium zeigen würde. Ich erzähle ihnen von meinen nächsten Schritten und meinen sehr diffusen Vorstellungen davon, was noch kommen könnte – oder ich kotze mich einfach nur mal herrlich darüber aus, wie schei*** ich alles finde, was nur im entferntesten mit Uni, Promotion etc. zu tun hat. Ohne dass ich mich dafür schämen müsste und ich dennoch einen Tag später wieder sagen kann, wie gerne ich eigentlich an meinem Projekt arbeite. Klingt widersprüchlich? Ist es auch. Aber dafür sind Freund*innen ja auch da, oder? Ich frage sie um Rat und kann sie ansprechen, wenn ich ihre Hilfe oder ihre Meinung brauche. Nur ein konkretes Beispiel: Ich bin in den letzten Jahren mehrfach mit engen Freund*innen zum Schreiben an einen See gefahren – wir haben dann eine Art „Schreibwoche“ gemacht, haben über unsere Probleme geredet und uns gegenseitig geholfen, wir haben gekocht, gelacht und ganz viel an der Diss gearbeitet. Dabei haben wir alle unterschiedlichste Themen, promovieren nicht mal alle in derselben Disziplin und sind an ganz unterschiedlichen Phasen in unseren jeweiligen Projekten. Diese Schreibtage waren Gold wert – sie haben mich nicht nur bestärkt weiter zu machen, haben mir nicht nur Zeit gegeben, um zu schreiben, sie haben mir vor allem auch immer wieder gezeigt, dass ich nicht alleine bin.

Du bist nicht alleine!

Ich schreibe die Diss zwar alleine, ich muss sie am Ende auch allein verteidigen – aber wir zwei waren nie vollkommen alleine! Meine heutigen Freund*innen, die mal Kommiliton*innen oder Kolleg*innen waren, sind die wahren Begleiter*innen und Betreuer*innen meiner Dissertation. Ich weiß nicht, ob es unbedingt sein muss, dass Freund*innen ebenfalls promovieren – aber meine Beobachtung ist, dass es ungemein hilft! Ob im Schreiburlaub, via Zoom, per Email oder Whatsapp, danke dass ihr meinen wirren Gedanken bis hier hin zugehört habt, dass ihr Texte gelesen oder Fragen beantwortet habt, dass ihr Tränen getrocknet oder eure eigenen Tränen geteilt habt. Ich schicke euch hiermit ein riesengroßes Dankeschön! Ihr macht es immer wieder möglich, dass ich überhaupt dran bleibe.

Es ist sicherlich sehr privilegiert, dass ich diese Freund*innen habe, die ebenfalls promovieren. Falls das bei Dir (noch) nicht der Fall sein sollte, verzage bitte nicht. Mein Plädoyer geht in Richtung Austausch, reden, sich trauen. Überhaupt den Mut dazu zu finden, darüber zu sprechen, dass man promoviert und was einen gerade so umtreibt. Vielleicht kann das alleine ja schon eine neue Bekanntschaft möglich machen – und wer weiß, vielleicht erwachsen daraus ja auch neue Freund*innenschaften? In diesem Sinne: Bildet Banden, habt Spaß und tauscht euch aus!

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