Korrekturlesen der Doktorarbeit – So findest du (fast) jeden Fehler

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Keine Arbeit wird wohl so oft vor der Abgabe noch einmal Korrektur gelesen wie eine Promotionsschrift – schließlich soll am Ende alls möglichst perfekt sein und die wissenschaftlichen Erkenntnisse sollen nicht durch Tippfehler oder falsch gesetzte Kommata geschmälert werden. Das Problem ist: man selbst sieht die Fehler irgendwann nicht mehr. Die eigenen Sätze hat man selbst so oft gelesen, sie umgestellt und daran gefeilt, dass man regelrecht betriebsblind wird. Die Lösung: jemand anderes muss die Arbeit ebenfalls Korrektur lesen!

Das 6-Augen Prinzip

Eine Methode, die sich in der Vergangenheit für meine Abschlussarbeiten bewährt hat, ist das 6-Augen-Prinzip. Das bedeutet, dass jedes Kapitel von 3 Personen Korrektur gelesen werden sollte. Eine davon bist natürlich du selbst, schließlich kannst du selber am besten erkennen, welche Sätze überflüssig oder unklar sind. Eine Person sollte sich am besten intensiv diesem einem Kapitel widmen (ich nenne sie mal „Experten“). Wenn man nur ein Kapitel liest, kann man sich diesem ganz intensiv widmen. Andererseits ist es dabei natürlich unmöglich, die Zusammenhänge zu erkennen. Deshalb sollte eine weitere Person die Arbeit idealerweise noch einmal komplett lesen (Gesamtleserin). So kann man Dopplungen, Logik-Lücken oder Widersprüche am besten entdecken. Soll heißen: im Idealfall brauchst du eine ganze Reihe an Korrekturleserinnen – mehrere Expertinnen und einen Gesamtleser.

Korrekturleser*innen finden

Jemanden zu finden, der ein Kapitel liest, ist meist gar nicht so schwierig – 30 oder auch 50 Seiten schrecken nicht so ab. Frag einfach mal im Familien- oder Freundes- und Bekanntenkreis herum: die pensionierte Lehrerin in der Wohnung gegenüber lässt sich vielleicht für so ein überschaubares Projekt begeistern; ebenso wie der Kollege, der aktuell in Elternzeit ist oder die Cousine im 2. Semester. Selbst, wenn du deine Korrekturleser*innen nicht bezahlen kannst,solltest du eine Gegenleitung anbieten: den Hund ausführen, ein schönes Abendessen, einen Tag die Kinder hüten, das Stricken beibringen… Im besten Fall entsteht so eine win-win situation, in der beide profitieren. Vielleicht hast du auch die Möglichkeit einzelne Kapitel im Rahmen eines Kolloquiums oder Workshops diskutieren zu lassen – so bekommst du im besten Fall auch inhaltlich wichtiges Feedback. Ein weiterer Klassiker ist das Korrekturtandem, in dem du Kapitel mit Kolleginnen tauscht und ihr so gegenseitig Korrektur lest.

Ganz anders sieht es da mit der Aufgabe aus, am Ende die komplette Diss in einem Rutsch zu lesen. Schon allein jemanden darum zu bitten, fällt vielen schwer – schließlich bedeutet das einen ziemlichen Zeitaufwand und eine gewisse Verantwortung. Die meisten Dissertation sind ehrlich gesagt auch (zumindest in Teilen) etwas langweilig. Wenn du für diesen Korrekturdurchgang kein Geld bezahlt, kommen am ehesten Leute in Frage, zu denen man ein sehr gutes Verhältnis hat: Geschwister, Eltern, gute Freundinnen oder der eigene Partner – und auch denen sollte man zum Dankeschön vielleicht ein schönes Essen/einen Blumenstrauß/einen Urlaub spendieren, je nach Länge der Arbeit und eigenem Budget. Eine sehr nette Geste ist es natürlich auch, die Korrekturleser in der Danksagung zu erwähnen!

Kollegen oder „Laien“?

An der Frage, ob man die Diss besser von Fachleuten oder Menschen ohne Vorkenntnisse Korrektur lesen lassen sollte, scheiden sich die Geister. Beides hat Vor- und Nachteile. Personen, die selbst etwas von der Materie verstehen, können natürlich Hinweise geben wie „Da hast du die Theorie etwas verkürzt dargestellt“ oder „Da fehlt mir der Verweis auf die Arbeit von XY“. Leute, die vom Bereich deiner Arbeit keine Ahnung haben, finden aber häufig viel mehr Logiklücken – da die „Profis“ das Thema ja selbst schon durchdrungen haben und wissen, was gemeint ist. Laien geben hingegen  manchmal bessere Hinweise, an welcher Stelle sie nicht folgen konnten, wo das Argument unklar ist oder wo sie sich fragen, was das jetzt eigentlich damit zu tun hat. Viele Leute werden vielleicht auch befürchten, dieser Aufgabe intellektuell nicht gewachsen zu sein. Ich möchte ich eine Lanze dafür brechen, Doktorarbeiten nicht nur von anderen Promovierten Korrektur lesen zu lassen. Tatsächlich hilft eine Korrekturschleife mit „Laien“ oft, überfrachtete Schachtelsätze und prätentiöse Worthülsen aufzuspüren und zu entfernen. Schließlich ist es ja eigentlich das Ideal der Diss, dass sie so logisch argumentiert und präzise formuliert ist, dass jeder sie verstehen kann (Eine Ausnahme gilt hier natürlich in gewissem Maße für naturwissenschaftliche oder juristische Doktorarbeiten).

Die Luxusvariante: Lektorat

Neben diesen privat organisierten Korrekturschleifen gibt es natürlich auch immer noch die Möglichkeit, die Korrektur in die Hände von Profis zu legen und eine Lektorin zu engagieren. Ein Lektorat ist dabei nicht dasselbe wie Korrektur lesen. Lektorinnen und Lektoren sind professionell ausgebildet und vor allem geübt im Lektorieren von Abschlussarbeiten. Sie finden nicht nur Tippfehler, sondern nehmen auch unübersichtlich Schachtelsätze auseinander. In diesem Sinne feilen sie also deutlich mehr am Text als „nur“ Korrekturleserinnen. Andererseits neigen Freunde und Familie manchmal dazu, zu viel in den Text einzugreifen; verändern vielleicht gar den Sinn mancher Sätze oder bauen Passagen so um, dass sie nicht mehr zu deinem Stil passen. Lektorinnen sind da meist deutlich zurückhaltender; schließlich ist es deine Arbeit und das Lektorat beschäftigt sich nur mit sprachlichen Aspekten. Sie spüren jedoch auch Ungereimtheiten im Litertaurverzeichnis oder bei der Zitierung auf; Details, die privaten Lesern meist nicht auffallen.

Ein Lektorat ist jedoch auch teuer und ob sich die Ausgabe lohnt, lässt sich pauschal nicht beantworten. Es hängt davon ab, ob man generell eher firm im Bereich Rechtschreibung und Grammatik ist, ob man in seiner Muttersprache schreibt und natürlich auch vom Fachbereich – in manchen Bereichen sind die Zahlen und Daten vielleicht wichtiger als die geschliffenen Sätze.

Eine Möglichkeit ist es auch, nur Teile der Arbeit professionell lektorieren zu lassen und auf dieser Grundlage die anderen Kapitel selbst noch einmal durchzugehen. Die meisten von uns machen immer wieder dieselben Fehler: eine Komma-Regel, die nicht sitzt; dieser eine Falsche Tippfehler, der immer wieder passiert; diese bestimmte Art von verschachteltem Relativsatz, den niemand mehr versteht. Wenn eine Lektorin diese Fehler in einem Kapitel aufspürt und mit dir zusammen auflöst, kannst du den Rest der Arbeit anschließend gezielt noch einmal darauf überprüfen.

Zu guter letzt sollte man sich noch einmal vor Augen halten: vielleicht enthält die Diss auch bei der Abgabe noch den ein oder anderen Fehler. Egal wie gut man Korrektur liest (und lesen lässt), manchmal mogelt sich ein Komma durch, dass da nicht hingehört. Das ist vielleicht ein bisschen ärgerlich, aber auch menschlich. Sich darüber zu grämen bringt nichts – wenn die Arbeit inhaltlich gut ist, dann kann man einige wenige Fehler durchaus verschmerzen!

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