(M)ein anderer Blick auf die Corona-Krise

Ein Gastbeitrag von Katrin Getschmann

Piacenza: Foto von Davide DeNova auf Flickr

Dieser Beitrag entstand in Reaktion auf Franziska Englerts Artikel “Die Liebe zur Forschung in Zeiten von Corona.” Wir sind Katrin sehr dankbar, dass sie uns hier einen sehr ehrlichen Einblick in ihre Erfahrungen in der Bewältigung von Krisen gibt – und auch erzählt, wie Corona die Diss auf einmal ganz persönlich machte.

Ich bin noch nicht ganz fertig mit meiner Doktorarbeit. Noch nicht – diese Formulierung trage ich seit langer Zeit mit mir herum. Immer wieder habe ich das Schreiben unterbrochen, nicht, weil ich keine Lust mehr hatte, sondern weil das Leben dazwischenkam. Bei den meisten meiner Mitdoktoranden waren es Familiengründungen, durchweg sehr schöne Ereignisse. Mich hat ein schwerkranker Elternteil begleitet – vier Jahre lang – und als Familie haben wir versucht, das Beste daraus zu machen. Ich glaube, es ist uns geglückt.

Ich muss manchmal daran denken, wenn ich das erste Kapitel überarbeite, das ich vor wirklich vielen Jahren schrieb. Wenn ich heute das Datum 26.09.2012 in einer Fußnote lese, dann weiß ich: Damals war meine Welt als junge Doktorandin noch einigermaßen in Ordnung, eine Woche später befand ich mich mitten in einer unwirklichen Realität. Ich hatte bis dahin „nur“ mit den ungewohnten Gepflogenheiten einer fremden Stadt zu kämpfen, in die ich zum Promovieren zog, hatte „nur“ eine Fernbeziehung und Heimweh, das mich regelmäßig den Supermarkt plündern ließ. Doch dann wurde alles plötzlich anders, viel schlimmer und teilweise doch auch besser. Ich wünsche keinem, der dieser Tage seine Promotion beginnt oder schreibt, ähnliche Erfahrungen wie meine. Ich hoffe, dass es in dieser Krise mehr verständnisvolle, flexibel denkende und vertrauende Doktorväter oder Doktormütter (und generell Arbeitgeber) gibt wie meine. An dieser Stelle vorab einmal: Danke – von ganzem Herzen! Mein Promotionsprojekt hat mich durch all die Jahre begleitet und zum Durchhalten motiviert. Wer oder was auch immer mein Leben verließ oder sich veränderte, der Text blieb und wartete geduldig auf mich.

Wenn man zu Mailand und Piacenza forscht und diese Orte plötzlich Teil der Nachrichten sind

Konflikte im mittelalterlichen Norditalien als Teil „Bedrohter Ordnungen“ sind nun also meine Passion geworden. Bis vor kurzem glaubte ich, dass heutzutage und hierzulande kein Mensch von dieser Gegend in der Po-Ebene Notiz nimmt. Jetzt ist genau diese Region europäisches Zentrum der Coronavirus-Infektionen. Und dort sterben derzeit täglich Menschen, und zwar im dreistelligen Bereich (Stand: 17.03.2020). Dreistellig – das wäre wohl meine komplette Nachbarschaft im Mehrfamilienhaus.

Während meiner Archivreisen habe ich viele Menschen in Norditalien kennengelernt. Menschen, die mich – herzlich, uneigennützig und unterstützend – so sehr mit Material versorgten, dass ich Pakete mit Büchern und Aufsätzen nach Deutschland schicken musste. Ich bin diesen Menschen dankbar und frage mich, wie es ihnen und ihren Familien ergeht. Jeder, der sich in einer echten existentiellen Krise befindet, hat zuerst mit sich selbst zu tun. Erfahrungsgemäß fehlt dann die Energie, überhaupt zu kommunizieren. Ich hoffe in dieser Ungewissheit, dass die wenigsten von ihnen direkt betroffen sind, und denke dennoch täglich an sie. Ich werde die einzelnen Geschichten wahrscheinlich erst nachträglich erfahren.

Umarmungen als soziale Anteilnahme

So furchtbar es auch ist, dies zu schreiben, weiß ich: Hier wie jenseits der Alpen werden wir danach ein gemeinsames Narrativ haben. Dieses Narrativ wird mit Covid-19 zu tun haben. Es wird in der EU keine reine Freudengeschichte des Überlebens und Überstehens sein – je nachdem, wie groß die Verluste sind. Der größte Verlust? Wären das wirklich die Wirtschaftsgüter? Oder wären es die Menschen, die uns großgezogen oder auf uns aufgepasst haben, uns Märchen erzählten, Gute-Nacht-Geschichten vorlasen, Apfelkuchen backten und von denen wir uns jetzt eher fernhalten sollen, weil wir oder Kinder ein Risiko für sie darstellen? Andrà tutto bene?! Alles wird gut gehen. Hoffnung und Euphemismus in einem Satz. Und doch scheint man in Italien gut genug zu wissen, dass Sterben zum Leben dazugehört. Die aufzuarbeitenden Emotionen und der Trost kommen später, wenn wir einander wieder umarmen „dürfen“.

Azzurro auf dem Balkon

Was wird es sein, das uns danach verbinden wird? Neben der Freude und Dankbarkeit, diese Zeit so unbeschadet wie möglich überstanden zu haben, wahrscheinlich auch Trauer um oder die Erinnerung an die Menschen, die diese Krise nicht überstehen. So schwer es fällt und so weh es tut, sich mit den schlimmsten Folgen gedanklich auseinanderzusetzen – noch können wir ja etwas dagegen tun. Noch können wir selbst den Verlauf beeinflussen! Was nicht nur kranke, ältere und trauernde Menschen an Zuwendung brauchen, müssen wir ihnen wohl gerade schweren Herzens verwehren, um auch später noch helfen zu können. Wenn wir nicht gerade in infrastrukturrelevanten Bereichen arbeiten, können wir jetzt kreativ sein und anderen dennoch schöne, leichte Momente schenken. Wie das im Kollektiv gehen kann, zeigen die Italiener, indem sie sich auf ihre Balkone stellen und die Stille singend und musizierend durchbrechen. Oder wäre es hier (schon) verboten, ein Kind mit Straßenkreide ganz früh am Morgen z. B. vor einem Supermarkt ein großes „Danke“ malen zu lassen? (Das ist keine Werbung für recyceltes …, na ihr wisst schon.)

Promotion und ihre Krisen als Persönlichkeitsbildner

Ich habe mich öfter gefragt, warum ich relativ früh einen Elternteil verloren habe. Heute glaube ich die Antwort zu kennen: Damit ich meine Erfahrungen und Beobachtungen einfühlsam und wohlwollend weitergeben und versuchen kann, anderen die Sorge zu nehmen. Wenn ihr euch für eine Doktorarbeit entschieden habt, dann übersteht ihr mit eurem Projekt auch diese Zeit, mag auch unklar sein, wie lange es dauert. Manchmal findet man in solchen Phasen sogar heraus, wenn etwas nicht (mehr) zu einem passen sollte. Oder man setzt bewusster Prioritäten und ist dadurch besonders produktiv. So war es bei mir. Ich schrieb, wenn ich konnte.

Wenn ich meine Formatvorlage bewusst ansehe, erinnere ich mich an den Moment, dass ich sie schnell fertigstellen und unbedingt noch stolz zeigen wollte, bevor es zu spät ist. Und das tat ich auch. Es kann auch im persönlich schlimmsten Moment unglaublich befriedigend sein, etwas geschafft zu haben, selbst wenn man dabei viel Kraft lässt. Ich hatte hinterher allerdings auch Schwierigkeiten, das unentspannte „Jetzt-sofort-Denken“ wieder etwas abzulegen, sprich: den Dauerkrisenmodus zu verlassen und das Leben etwas mehr zu genießen.

Ich bereue jedenfalls nicht, dass ich mir krisen- und arbeitsbedingt deutlich mehr Zeit gelassen habe, als in diesem Land zum Promovieren üblich ist, und mich dafür bewusst und persönlich von einem geliebten Menschen verabschieden konnte. Manche Menschen in meinem Forschungsgebiet können dies derzeit gar nicht und müssen ihre Verwandten allein sterben und beerdigen lassen.

Ich bin durch meine Erfahrung eine andere geworden und nehme emotional noch stärker Anteil als zuvor, was in dieser Welt nicht immer gern gesehen wird. Vielleicht ändert sich daran durch diese Krise zumindest in manchen Bereichen etwas.

Ungeplante Hindernisse: wegen Pandemie geschlossene Copyshops…

Bei allem Vorausschauen und Absichern, um den Ernstfall im Leben oder beim Promovieren zu verhindern, hilft manchmal auch das beste Vorausdenken nicht. Ich hätte nie damit gerechnet, dass ich mit dem Druck und der Bindung meiner Doktorarbeit vielleicht warten muss, weil der Copyshop – nicht etwa wegen eines Sonntags – sondern wegen Pandemie geschlossen ist. Wer denkt denn vorher an sowas?! Und ich muss darüber schmunzeln, weil diese Einzelerfahrung im Gesamtkontext für andere so unbedeutend sein kann. Am Ende werden wir dennoch zufrieden sagen: Wir haben es trotzdem geschafft. Zeit wird in einem Leben, das hoffentlich lange währt, manchmal relativ. Irgendwann zählt ja tatsächlich nur noch: Durchhalten und Ankommen. Glaubt mir!

Ich wünsche euch und allen, die euch wichtig sind, beste Gesundheit, viel Zuversicht und auch ein wenig Gelassenheit.

Katrin Getschmann ist Historikerin und Philologin und hat beruflich mit Bibliotheken und Daten zu tun. In ihrer Freizeit liebt sie alles, was Herz und Seele berührt, z. B. Musik, Naturfotografie, Italien in allen Facetten und – wie man auf dem nebenstehenden Foto sieht – auch fröhlich-freundliche Stoff- und Handpuppen. 

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One thought on “(M)ein anderer Blick auf die Corona-Krise”

  1. Danke für den schönen Artikel! Auch ich hätte nie gedacht, dass ich meine Doktorarbeit am Ende am heimischen Küchentisch mit Hilfe von Youtube binde…

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