Promovieren mit Perspektive – eine gute Idee und ein hilfreiches Handbuch noch dazu

Direkt zu Beginn: Promovieren mit Perspektive* ist ein relativ neues Handbuch zum Thema in der Reihe utb – es ist Ende 2021 erschienen und ich bin eine der Mitherausgeber*innen…und auch stolz darauf. Daher will ich hier auch gar keine neutrale Rezension oder ähnliches für das Buch anbieten (freue mich aber riesig, falls irgendjemand dazu Lust hätte – schreibt uns gerne an 🙂 ), sondern ein paar Gedanken teilen, die sich aus dem Titel und dem Inhalt des Buches ergeben. Und die auch für diesen Blog von Interesse sind. Denn was ist wohl einer der meist zitierten Tipps während der Promotionsphase? Richtig – mach dir einen Plan! Aber eine “Promotion mit Perspektive” anzufertigen beinhaltet nicht nur einen Plan zu haben, sondern noch einiges mehr. Daher hier ein paar Ausschnitte und Hinweise, die ich als besonders hilfreich empfinde.

Braucht es wirklich noch so einen Ratgeber?

Ich denke schon. Wer hat sich nicht schon mal in den unterschiedlichen Phasen der Promotion orientierungslos und einsam gefühlt? Wer hat nicht schon mal einen Dissertations-Blues erlebt und war dankbar für hilfreiche Tipps und Tricks, um da wieder raus zu kommen? Oder wer wünschte sich nicht DIE Welt-Formel zu finden, damit die Arbeit an der Promotion effizienter, produktiver, spaßiger, schneller, schlauer, name it, wird? Ganz ehrlich, ich habe mir das so oft gewünscht und habe mich durch meinen eigenen Perfektionismus auf der einen Seite und durch mein Gefühl als Hochstaplerin durch die Forschungslandschaft zu laufen auf der anderen Seite, immer wieder selbst ausgebremst. Ich habe mich über mich geärgert – und dann bin ich irgendwann endlich ins Netz gegangen, habe nach Hilfestellungen, nach Erfahrungsberichten oder eben auch nach Büchern gesucht, die mir Rat geben konnten. Also zumindest aus meiner Sicht kann es daher immer noch einen Ratgeber mehr geben – denn auch nicht jeder Ratschlag ist für jede Person gleich von Bedeutung. Manche brauchen konkrete Listen oder Aufgaben, wiederum andere brauchen Vorbilder oder Erfahrungen (ich!) und wieder andere brauchen Kontextualisierungen oder theoretische Einordnungen, um die eigene Situation besser verstehen zu können. Daher ist auch Promovieren mit Perspektive ein weiterer Baustein in diesem Mosaik aus (Selbst)Hilfestrukturen für Promovierende – und es bietet auch für alle diese unterschiedlichen Typen von Hilfesuchenden gute Anregungen.

Das Selbstverständnis des Buchs liegt auf einer Verschränkung unterschiedlicher Perspektiven:

So stellen die Herausgeber*innen am Anfang des Buchs fest:

„Dieses Handbuch will anregen und theoretische wie praktische Hilfestellungen bieten, ebenso wie es die Notwendigkeit hochschulpolitischer Auseinandersetzungen aufzeigen und zu einer gemeinsamen Interessenvertretung motivieren will. […] um die Promotionsphase für alle zu verbessern, bedarf es nicht (nur) eines Buches, sondern besserer sozialer und materieller Rahmenbedingungen. Doch bis es soweit ist, bleibt die Promotionsphase immer wieder durch Fragen und Unsicherheiten geprägt. In dieser Zeit soll dieses Handbuch wichtige Orientierungspunkte bieten und somit jenen, die es in die Hände nehmen, eine Promotion mit Perspektive ermöglichen.“

Einleitung, S. 26

Also, worum geht es und was ist daran hilfreich? Promovieren mit Perspektive – das bedeutet nicht nur dem Begriffssinn nach (hin)durchblicken (latein. perspicere), sondern auch von einem Standpunkt aus sehen, sprechen, denken. Sowie es auch bedeuten kann, eine Zukunftsaussicht zu haben – in eine Zukunft zu blicken. Es kann auch heißen, den Standort zu wechseln, eine andere Sichtweise einzunehmen und damit Neues zu entdecken, den Winkel zu verschieben. Es kann aber auch vorkommen, dass man an Punkten perspektivlos wird. All diese Themen schneiden die mehr als 40 Einzelbeiträge im Buch im Zusammenhang mit unterschiedlichen Themen rund um die Promotion und von unterschiedlichen Standpunkten aus im Promotionsprozess an. Von Beginn an – z.B. bei Themen, die sich noch auf das „Davor“ beziehen, wie Betreuungsfindung, Motivation, Themenfindung bis hin zur Frage wie promoviere ich eigentlich mit einem Fachhoschulabschluss? – wollen die Beiträge einerseits zeigen, wie der aktuelle Stand gerade ist und andererseits andeuten wohin sich der Blick zukünftig wenden sollte oder könnte. Ich finde es zum Beispiel sehr hilfreich, dass auch solche sensiblen Themen und Herausforderungen wie Promovieren mit Beeinträchtigungen, Behinderungen und chronischen Erkrankungen ebenso von Autor*innen beschrieben und Hilfestellungen geben werden, wie Promovieren als Erstakademiker*innen (hier auch ein Beitrag auf unserem Blog dazu) oder die nebenberufliche Promotion.

Auch Perspektiven wie Rechte und Pflichten, Mitbestimmung und Arbeitsbedingungen werden angesprochen

Aber genauso werden auch wichtige Perspektiven in und während der Promotion angesprochen, die in anderen Ratgebern weniger oft thematisiert und oft irgendwie trocken und langweilig wirken, obwohl sie total bedeutend sind: Wie ist eigentlich der arbeitsrechtliche Rahmen im Zuge von Promotionsverfahren? Welche Rechte und Pflichten habe ich als Promovend*in – und in welchen konkreten Zusammenhängen? Was ist mit meiner sozialen Absicherung und den Steuern oder auch der Mitbestimmung an Hochschulen? In diesem speziellen Zusammenhang finde ich beispielsweise den Gedanken der Kollegin Stefani Sonntag sehr interessant, die schreibt: „Promovierende sind in der Regel prekär beschäftigt und in Bezug auf ihre Karriereentwicklung in hohem Maße abhängig von ihren Betreuungspersonen. […] Daher ist auch jede kollektive Form von Interessenartikulation ein Fortschritt gegen die Vereinzelung. Sie ist jedoch kein Ersatz für institutionalisierte Mitbestimmungsrechte“ (Sonntag, S. 202). Es ist daher auch im Interesse jeder*s Einzelnen zu wissen, wie diese Mitbestimmungsrechte aussehen, welchen Einfluss wir selbst auf die Bedingungen haben, unter denen wir promovieren und wissenschaftlich Arbeiten. Genauso hervorgehoben wie die diversen Herausforderungen während der Promotion, werden aber auch die Möglichkeiten – so kann beispielweise eine Promotion mit Perspektive durch das (bewusste) Netzwerken (siehe auch hier), durch Open Science, Karriereplanung oder durch die Verbindung mit Lehre verändert und verschoben werden und kann so vielleicht auch zu mehr Durchblick im eigenen Projekt sorgen. Auch all diese Themen finden Platz im Buch.

Und was ist mit den vielen Krisen?

Richtig – die Krisen. Wie ich oben erwähnt habe, sind das ja genau die Momente, wenn man meist nach Hilfe im Netz sucht. Auch die kommen im Buch vor – denn sie können die Perspektive vernebeln, können dazu führen, dass man die Perspektive auf das Ziel verliert und orientierungslos wird. Daher beschäftigen sich einige Autor*innen mit den großen Krisen während der Promotion. Von denen zwei Autoren sogar im entsprechend einleitenden Beitrag darauf hinweisen, dass wirklich Alle und jedes Promotionsprojekt irgendwann mit Krisen konfrontiert werden und man dann Bewältigungsweisen finden muss – und auch kann! So ist das Schreiben als Herausforderung sicher allen bekannt. Aber wie steht es um die stärkste Krise von allen – dem Abbruch der Promotion (hier eine sehr lesenswerte Mini-Serie von Franziska A. dazu). Die Autorin des Handbuch-Artikels zeigt anhand qualitativer Forschungsdaten deutlich auf, dass auch Abbrüche zu Promotionsprozessen dazu gehören. Sie stellt dafür die sechs Phasen des typischen Abbruchs dar – von Teil-Abbrüchen, Wiederkehr zum Projekt bis hin zum finalen Beenden ohne Promotionsabschluss. Dabei finde ich aus ihrem Beitrag diese Gedanken besonders wertvoll:

„Letztlich ist es wohl selten einfach, sich für einen Abbruch zu entscheiden. Dennoch kann so ein Abbruch durchaus befreiend sein. […] Abbrüche werden in der Wissenschaft weder öffentlich thematisiert noch sinnvoll in Bezug auf andere Karriereperspektiven beratend begleitet. […] Wenn Du dich also während deiner Promotionsphase wiederholt mit Abbruchgedanken herumschlägst, dann ist dies zwar verbreitet und muss nicht heißen, dass Du die Promotion nicht zu einem Ende bringen wirst. Dennoch solltest Du Abbruchgedanken ernst nehmen und Dich mit den Gründen beschäftigen. Erbitte Dir hierfür frühzeitig von anderen Hilfestellungen, ob dies nun Freund*innen oder Berater*innen außerhalb des Wissenschaftssystems sind […]. Sie können dir helfen einen klaren Entscheidungsprozess zu entwerfen sowie Vor- und Nachteile abzuwägen.“

Anja Franz, S. 312

Schließlich zeigt sie anhand ihrer Daten auf, dass die Zufriedenheit in der aktuellen Lebenssituation der interviewten Abrecher*innen sehr hoch ist und dass auch die Entscheidung ein Promotionsprojekt nicht zu beenden, eine entlastende und auf Dauer zufriedenstellende Lösung sein kann. Diese mündet dann aber eben nicht in Perspektivlosigkeit, sondern es wird von den Personen als eine Entscheidung „für einen erfolgreichen Abbruch“ (S. 312) angenommen.

Zum Ende kommen

Das Handbuch schließt mit weiteren Schlaglichtern auf die Themen International Promovieren und mit den großen Fragen – wie zum Ende kommen und wie weiter nach der Promotion? Dabei beleuchten unterschiedliche Autor*innen sowohl Fragen nach den Möglichkeiten von Veröffentlichungen (siehe bei uns folgende Beiträge hier) oder die Fragen wie eigentliche Karrierewege in der Wissenschaft (besser) zu organisieren sind. Letztlich finde ich hier vor allem den Hinweis von Mirjam Müller, die als Wissenschaftscoach tätig ist, besonders anregend: „Größere Lebensentscheidungen (und dazu gehört natürlich auch die Berufswahl) erfordern meist etwas Zeit. Es ist völlig legitim, sich die dafür nötige Zeit zu nehmen“ (Müller, S.365). Denn, sie macht in ihrem Beitrag auch deutlich: Der Weg, um in der Wissenschaft Karriere zu machen und eine Anstellung auf Dauer zu ergattern, ist langwierig und herausfordernd – und zugleich wird im Wissenschaftssystem nur implizit ausgeprochen, dass „die Wissenschaft zu Verlassen […] kein Scheitern“ ist (S.365).

In diesem Sinne – ich lade euch alle gerne ein, dieses Buch mal anzuschauen. Vielleicht mögt ihr ja auch mal in die Einleitung lesen oder einzelne Kapitel durchblättern… Und über Kommentare freue ich mich dann natürlich besonders 🙂 Viel Spaß beim Promovieren mit Perspektive!

*Full disclosure: Ich bin eine der Herausgeber*innen des Handbuchs und habe daher dieses Buch mit den Kolleg*innen zusammen verantwortlich mitgestaltet.

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