Studieren, wie es sein sollte

Wann hattet ihr das letzte Mal Spaß an eurer Promotion? Wir kennen alle Phasen in denen wir uns da kaum noch dran erinnern oder, wenn wir uns erinnern, gar nicht wissen was damals anders war. Ulrike hat auch in „10 Tipps gegen den Dissertation-Blues“ schon darüber geschrieben, wie wir aus der „alles doof“-Stimmung rauskommen können. Für mich war das Studium generale am Leibniz Kolleg Tübingen, das ich nach meinem Abi gemacht habe, eine Zeit in der mit das Studieren total Spaß gemacht hat. Hier ein paar Überlegungen, wie man meine Erlebnisse aus dieser Zeit, im Promotionsalltag nutzen kann.

Das Leibniz Kolleg, eine Einrichtung der Universität Tübingen, bietet seit 1948 ein studium generale an, um Abiturienten bei der Wahl eines Studienfachs zu unterstützen und ihnen eine demokratische Grundbildung zu vermitteln.

Ich habe das Kolleg im Studienjahr 2008/2009 besucht und kann sicher nicht objektiv darüber schreiben (aber auch die großen Zeitungen berichten regelmäßig über das Kolleg zum Beispiel die ZEIT und die FAZ). Es ist nicht nur die nostalgische Verklärung, die meine Erinnerungen färbt, sondern auch meine Überzeugung, dass die Erfahrungen im Leibniz Kolleg für mich existenziell waren. Im Kolleg habe ich das Lernen geliebt, und auch wenn ich dieses Gefühl nur selten wieder in dem Maße erreicht habe, war es eine der wichtigsten Erfahrungen meines Studiums.

Darum soll es auch in diesem Beitrag gehen, um das was ich am Kolleg über das Studieren gelernt habe und ob wir das nicht in der Promotion auch wieder finden können.

(Falls ihr jemanden kennt, der nächstes Jahr Abi macht, hier ist der online Auftritt des Kollegs.)

 Das Leibniz Kolleg

Das Kolleg wurde mit der Intention gegründet, den angehenden Studierenden nach dem 2. Weltkrieg demokratische Bildung zu vermitteln. Dementsprechend wird auch das Haus genutzt: die Kollegiaten wohnen fast alle in Doppelzimmern, die zwischen 9 und 12 Quadratmetern groß sind. Es gibt einen großen Gemeinschaftsraum und eine Küche, in der man sich treffen kann. Eine hübsche Bibliothek und zwei Computerräume gibt es auch. Wobei Computerräume heute wahrscheinlich nicht mehr dieselbe Bedeutung haben wie damals. 2008 gab es im Kolleg kein Wlan und Smartphones hatte auch niemand.

Das Studienjahr (10 Monate) gliedert sich in Trimester, man belegt Fächer, hält Referate und schreibt Trimesterarbeiten. Noten gibt es nirgendwo. Ich habe damals zum Beispiel Politik, Journalismus, Theologie, Physik, Italienisch, Nordische Sagen und Sinologie belegt.

Das Studieren am Kolleg war etwas Besonderes

Studieren, lernen und Wissen erarbeiten hat mir am Kolleg so viel Spaß gemacht wie vorher oder nachher nicht wieder. Ich glaube, die Aspekte, die dort so eine schöne Arbeitsatmosphäre entstehen lassen waren vor allem die Gemeinschaft, die Tatsache, dass es keinen Leistungsdruck gab und die Interdisziplinarität. Ich denke auch, dass wir einige dieser Aspekte in der Promotion nutzen können.

Gemeinschaft

Im Kolleg war man fast nie alleine. Doppelzimmer, Seminarräume, die Küche. Wenn man allein sein wollte, musste man den Berg rauf spazieren.

Ich möchte sicher kein Stockbett in meinem Schlafzimmer aufstellen, aber ich glaube doch, dass besonders viele Doktoranden zu wenig Gemeinschaft haben. Es gibt das Bild des Wissenschaftlers als einsamer Wolf. Das Genie alleine mit sich und seinen Gedanken. Sicher gibt es Aufgaben in einer Doktorarbeit, die sich für die meisten am besten alleine und in Ruhe bearbeiten lassen. Einen komplizierten Text lesen zum Beispiel oder ein Programm zur Analyse komplexer Daten schreiben.

Aber das Alleinsein mit seinen Gedanken, funktioniert für mich nicht besonders gut. Es ist wichtig seine Arbeit zu reflektieren, sei es das Verständnis eines Texts, der Aufbau eines Kapitels oder Papers, die Durchführung eines Experiments oder die Darstellung der Daten. Reflexion funktioniert besonders gut mit anderen. Alleine das Aussprechen der eigenen Gedanken ist oft hilfreich, weil es uns zwingt explizit zu werden. Man muss seine Ideen strukturieren und nachvollziehbar machen.

Gemeinschaft ist aber mehr als nur andere Leute. Es sind andere Leute, die dir wohlgesonnen genug gegenüber stehen, um sich mit dir auseinanderzusetzen. Im Promotionskontext können das nette Kollegen sein oder auch Doktoranden aus anderen Fachbereichen. Ich finde es auch hilfreich Workshops zu besuchen, die zum Beispiel von Graduate Schools, Fachbereichen oder Exzellenzclustern angeboten werden. Da trifft man andere Wissenschaftler, die sich mit ganz ähnlichen Problemen herumschlagen und vielleicht ganz anders damit umgehen.

Gemeinschaft ist aber auch immer ein Korrektiv. Sie verhindert, dass man allzu abenteuerliche Arbeitsformen entwickelt. Sicher ist uns allen klar, dass man in der Promotion unglücklich wird, wenn man erst mittags kommt und um drei wieder geht aber genauso wenn man an den Arbeitstag gleich noch die Arbeitsnacht anschließt. Kollegen, Freunde, Partner und Mitbewohner sind ein wichtiger Spiegel, um der Arbeit nicht einen zu hohen oder zu niedrigen Stellenwert zu geben. Daher sollte man gerade in stressigen Zeiten nicht die Zeit mit Freunden kippen, um mehr zu arbeiten.

Ein weiteres wichtiges Korrektiv sind die schwierigen Kollegen und Kollaborationen. Die Menschen, die ganz anders arbeiten als man selbst (schlechter/ineffizienter/unordentlicher natürlich!), deren Kommunikations- oder Kleidungsstil man nicht mag und die das Labor nicht so aufräumen, wie man es selbst für richtig hält. Hier kann man lernen andere Herangehensweisen zu akzeptieren und vielleicht sogar wertzuschätzen. Manchmal lernt man auch die Gemeinschaft zu meiden.

Keine Noten

Insbesondere nach dem Abitur war das Lernen im Kolleg eine tolle Erfahrung. Es gab keine Noten, auch keine geschriebenen Zeugnisse. Das führt tatsächlich dazu, dass man sich weniger vergleicht und das wiederum führt dazu, dass man einfach mehr Spaß hat.

Im Kolleg wurden Referate und schriftliche Arbeiten trotzdem kritisch besprochen. Kritik, die einem in einem Gespräch gegeben wird, ist natürlich konstruktiver als eine Note. Selbst wenn die noch mit Kommentaren versehen wird. Wenn es Noten gibt, dient die Kritik zur Rechtfertigung der Note. Wenn es keine Noten gibt, dient Kritik zur Verbesserung der Arbeit. Ich persönlich finde es auch völlig unnötig Doktorarbeiten zu benoten. Wenn eine Arbeit das Kriterium erfüllt einen Beitrag zur Forschung geleistet zu haben, dann kann man sie eben als Doktorarbeit einreichen. Was soll denn da auch benotet werden? Die Zeit, die man investiert hat? Die Prosa? Etwa die Wichtigkeit der Forschung?

Ich kann zurzeit natürlich nichts daran ändern, dass meine Arbeit am Ende benotet wird. Aber ich versuche nicht so sehr diese Bewertung zu sehen, sondern die Arbeit, die ich geleistet habe. Das, was man selbst gelernt oder anderen beigebracht hat, zeigt sich nicht immer in der Publikationsliste oder der Abschlussnote – auch, weil da Umstände mit reinspielen über die wir gar keine Kontrolle haben.

Das Problem an Noten ist natürlich nicht, dass da nachher eine Zahl, ein Buchstabe oder ein schicker lateinischer Begriff auf dem Zeugnis steht, sondern der Vergleich mit anderen, der sich dadurch aufdrängt. Stehen keine Noten zur Verfügung kann man aber genauso gut Anzahl der Publikationen, der Zitate, der Konferenzbesuche oder Preise vergleichen. Sich zu vergleichen macht einen nie glücklich, aber es ist unglaublich schwer damit aufzuhören. Trotzdem sollte man es versuchen, ein wichtiger erster Schritt ist sich klar zu machen unter welchen Umständen man besonders dazu neigt sich zu vergleichen. Manchmal kann man diese Situationen meiden (zum Beispiel einen Doktorandenstammtisch, der von den Mitgliedern nur genutzt wird, um sich zu profilieren oder über andere herzuziehen). Kann man sie nicht meiden (wie zum Beispiel Gruppenbesprechungen), kann man doch den Vorsatz fassen, sich in dem Moment wo man neidisch auf jemanden anderen guckt stattdessen für diese Person zu freuen.

Interdisziplinarität

Interdisziplinarität ist ein Trendwort in der Wissenschaft. Bis ins 18. Jahrhundert gab es noch so etwas wie Universalgelehrte (Gottfried Wilhelm Leibniz zum Beispiel), heute hat man kaum mehr die Chance seinen eigenen Fachbereich zu überblicken.

Ich glaube die Forderung nach Interdisziplinarität ist absolut gerechtfertigt. Zum einen, um einen Wissenstransfer zu gewährleisten. Ich arbeite in einer stark interdisziplinär geprägten Gruppe und das ist auch wichtig, denn unsere Forschung verlangt Kenntnisse über MR-Physik, Bildverarbeitung, Statistik, Physiologie und Neurologie. Das kann man fast nur im Team erreichen.

Zum anderen kann interdisziplinäres Arbeiten auch einen Austausch von Denk- und Herangehensweisen bedeuten. Zu verstehen wie in anderen Disziplinen gedacht und geforscht wird, finde ich sehr wichtig, um diese Disziplinen und damit die Wissenschaft an sich auch richtig wertzuschätzen (dazu mehr im Artikel „Ist (deine) Forschung wichtig?“).

Zuletzt ist es einfach spannend mal in ein anderes Fachgebiet einzutauchen und ganz neue Sachen zu lernen.

 

Eine Promotion ist eine langwierige, komplizierte Angelegenheit. Trotzdem kann sie, wenigstens manchmal, Spaß machen. Um Spaß an der Promotion zu haben, kann es helfen Gemeinschaft zu suchen (ob mit Kollegen, bei Konferenzen oder bei Workshops), sich so wenig wie möglich zu vergleichen und Anknüpfungspunkte zu anderen Disziplinen zu finden, um einfach mal etwas anderes zu sehen und eine andere Denkweise auszuprobieren.

 

 

 

 

 

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