Thesis Bootcamp Review

Die Doktorandin und das leere Blatt. Stoff für einen düsteren Horrorthriller. Photo by Florian Klauer on Unsplash

Ich habe drei Wochen in einem selbst auferlegten Thesis Bootcamp verbracht, um an meiner Dissertation zu schreiben. Insgesamt war die Zeit ziemlich erfolgreich und ich möchte euch gerne an meiner Reflexion teilhaben lassen. Ich werde relativ konkret auf die Anforderungen in meinem Fachbereich und meine Situation eingehen aber das meiste lässt sich sicher generalisieren.

Auch wenn ihr in einem Fachbereich promoviert, in dem das Schreiben an der Dissertation Alltagsgeschäft ist, kann es Sinn machen sich zwischendurch ein paar Wochen zu nehmen, in denen man keine neuen Quellen sichtete und Orgakram liegen lässt, um sich dem tatsächlichen produzieren von (lesbarem) Text zu widmen. Ich weiß nicht mehr welcher Artikel auf Thesis Whisperer es war, aber irgendwo wurde das Argument gebracht, dass man seine Diss auch mal einfach als Schriftwerk mit 100 – 400 Seiten sehen soll, und Erfolg in Zeichen/Seiten misst anstatt in gefühltem Verständnis oder Impact. Seitenzahlen lassen sich nämlich nicht verhandeln (wenn das Layout einmal steht 😉 ), währen die Bewertung von Einsicht oder Impact unseren tagesaktuellen Gefühlen unterliegt.

Ich schreibe eine experimentelle Arbeit in der Physik und darf nicht kumulativ promovieren. Erwartet wird ein zusammenhängendes Dokument von etwa 100 – 150 Seiten, schon veröffentlichte Paper dürfen in die Arbeit übernommen werden.

Meine Ausgangssituation:

  • Zwei veröffentlichte und ein im-review-befindliches Paper als Erstautorin von denen eines vollständig und die zwei Anderen teilweise in die Arbeit übernommen werden sollten.
  • Drei veröffentlichte Paper als Co-Autorin von denen einzelne Teile in die Arbeit übernommen werden sollten.
  • Ich hatte den Aufbau und Inhalt der Dissertation mit meinem Prof abgesprochen.
  • Ich habe drei Wochen Zeit mit meinem Prof vereinbart, in denen ich nur an meiner Arbeit schreibe und nicht im Büro oder Labor auftauche. Tatsächlich war ich bei meinem Verlobten in Detroit, Münster hätte sich aber für alles was ich gemacht habe ebenso geeignet.
  • Ich hatte bereits ein Latex-Template ausgesucht und etwa 30 Seiten geschrieben.
  • Alle (dachte ich, stellte sich leider als falsch heraus) Daten waren soweit verarbeitet, dass sie direkt übernommen werden konnten. Also es gab vernünftige Übersichten über alle Experimente, die Auswertung war gemacht und schöne Grafiken existierten auch.

Arbeitsorte

Für mich völlig ungewohnt, habe ich drei Wochen im Homeoffice verbracht, was eine spannende Erfahrung war und besser als erwartet. Tipps zum Homeoffice hat Ulrike schon einmal hier aufgeschrieben und mir haben vor allem die Punkte Pomodoro Methode und Bewegungspausen geholfen. Ich habe tatsächlich fast jeden Tag Yoga gemacht, was ich noch in keiner anderen Lebenssituation durchgehalten habe (ich mag Yoga with Adriene total gerne). Dadurch hat man zumindest ein fassbares Erfolgserlebnis und gerade Yoga hatte mit seiner „akzeptiere was ist“-Philosophie einen sehr beruhigenden Effekt auf mich. Die Pomodoro Methode hat mich vor allem dann gerettet, wenn ich das Gefühl hatte, dass nichts mehr geht. Dabei stellt man sich einen Timer für unegfähr 20 Minuten, arbeitet solange konzentriert und macht dann fünf Minuten Pause. Das wiederholt man so oft man möchte. Man kann sich fast immer überzeugen, dass man noch 20 Minuten konzentriert sein kann und so bin ich oft wieder in einen Arbeitsfluss hineingekommen.

Einige Aspekte des Homeoffice haben mir sehr gut gefallen: Man hat keine langen Wege auf denen man Zeit verliert, man wird von Niemandem abgelenkt, man hat genau den Tee/Kaffee und die Kekse, die man haben möchte und man muss sich nicht büromäßig anziehen. Trotzdem habe ich schon nach einem Tag festgestellt, dass ich super genervt und schlecht drauf bin, wenn ich den ganzen Tag nur in der Wohnung verbringe.

Ich habe dann jeden Tag zwei Arbeitsorte genutzt. Vormittags war ich zu Hause und nachmittags entweder im Coffeeshop oder in einem freien Büro in der Firma meines Verlobten. Arbeiten im Café ist ja auch durchaus umstritten. Normalerweise mag ich das auch nicht so gerne, weil es oft doch sehr laut ist. Allein diese blöden Kaffeemaschinen, die den Kaffee frisch mahlen! Dort gab es aber so ein Café, das als Co-working Ort konzipiert war (gibt es inzwischen glaube ich auch in Deutschland in den meisten Studentenstädten). Dort war eine sehr nette Arbeitsatmosphäre und da fast alle Anderen auch zum arbeiten da waren, war es nicht besonders laut. Mir hat vor allem der regelmäßige Wechsel sehr gut gefallen. Ich merke das auch im normalen Arbeitsalltag. Die Tage, an denen ich zwei bis drei Stunden im Labor bin, bin ich den Rest der Zeit am Schreibtisch effektiver, als an Tagen an denen ich nur vorm Computer sitze.

Herausforderns

Es gab natürlich auch einige Dinge, die nicht so gut liefen oder die man so nicht hätte parallel machen sollen.

Jobsuche

Wie in diesem Artikel schon beschrieben, habe ich auch schon mal jobtechnisch meine Fühler ausgestreckt. Das war anstrengend, da ich mich auf zwei Vorstellungsgespräche vorbereiten musste und die Gespräche natürlich auch Zeit gekostet haben. Der größte Faktor dabei war aber, dass gerade so etwas wie Jobsuche auch eine Menge mentale und emotionale Kapazitäten frisst. Für viele Doktoranden trifft natürlich die heiße Phase der Diss mit den Überlegungen wie es danach weitergeht zusammen, und das kann eine ziemliche extra Belastung sein. Ich denke in den allermeisten Fällen sollte man sich gut überlegen, ob die parallele Jobsuche wirklich nötig ist oder man nicht auch riskieren kann ein paar Monate länger Arbeitslos zu sein. Zumindest wenn man auf einer Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter promoviert hat, fängt einen das ALG I auf (außer man kündigt oder macht einen Auflösungsvertrag, dann gibt es drei Monate Arbeitslosengeldsperre). Wenn man die Jobsuche nicht auf “nach der Abgabe” verschieben kann, fand ich es ganz hilfreich, die Arbeitstage für entweder Schreiben oder Jobrecherche zu blocken.

Motivationstiefs

Die kennen wir sicher alle. Diese schreckliche Mischung aus „keine Lust“ und „das wird doch eh nichts“. Tipps dazu haben wir schon in den Artikeln zu Prokrastination und Dissertation Blues aufgeschrieben. Trotzdem werden wohl die allermeisten nicht darum herumkommen, diese Phase auch einfach mal zu durchleiden.

Blockaden neue Kapitel oder größere Blöcke anzufangen

Die Angst vorm leeren Blatt ist wahrscheinlich jedem Schreiberling bekannt, ob man sich nun an einem Roman, einer Dissertation oder einem Liebesbrief versucht. Man hat noch keine Ahnung wo es hingehen soll und man ist irgendwie gehemmt, das schöne, neue Blatt (und sei es ein digitales Dokument!) zu beschmieren. Ich wage mal die steile These, dass alle Doktoranden zu einem gewissen Grad Perfektionisten sind. Das macht es oft besonders schwer anzufangen, man möchte einen informativen, präzisen aber auch eleganten Text schreiben und weiß, dass jedes Wort, das man aufs Papier bringt, diesen Anspruch nicht erfüllen wird. Na klar, the first draft of everything is shit und so weiter, dass weiß ich auch. Trotzdem ist es jedes Mal ein kleiner Schlag, wenn man feststellt, dass das was man produziert, nicht gut ist. Das gemeine ist, dass die Angst vorm leeren Blatt (kurz ALB, wie Albtraum – clever, ne?), mich keinesfalls nur beim ersten Satz in einem frischen Dokument befällt. Nein, jedes Kapitel, sogar jeder größere neue Abschnitt hat ALB Potenzial. Sobald ich feststelle, hier geht es um das grundlegende Gerüst, hier muss der richtige Ton getroffen werden, werde ich nervös. Für diese Situationen habe ich einen drei Punkte Plan entwickelt.

Der erste Schritt ist wie fast immer im Leben Bewusstsein. Man muss bemerken, dass der writers’s block, der einen gerade aufhält, ALB ist. Der zweite Schritt ist eine neue Sichtweise auf das „Problem“. Diese ersten Sätze, die du heute aufs Papier bringst und so gestammelt, geschwafelt und ausweichend findest, sind viel besser als alles was du am Anfang deiner Doktorandenreise aufs Papier gebracht hast. Dass du also überhaupt bemerkst, dass dieser Textblock nicht gut ist, ist schon ein großer Erfolg. Dazu bleibt die ewige Weisheit, dass man eine leere Seite nicht überarbeiten kann. Was uns zu Schritt drei bringt: das tatsächliche tippen von Wörtern. Ein Trick, der mir ganz gut hilft ist folgender: Ich mache neben meinem richtigen Latex Dokument noch ein leeres Word Dokument auf und schreibe erst einmal darin. Das macht meinem Gehirn deutlich: „das hier ist ein erster Entwurf, keine Panik“. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass die Rechtschreibprüfung in Word viel besser ist als die von meinem Latex Editor.

Erfolgreiches

Die Macht der grand gesture

Etwas, das man schaffen muss, mit einer großen Geste zu verbinden, kann sehr gut funktionieren. JK Rowling zum Beispiel, hat sich in Edinburgh in einem Luxushotel eingemietet, um dort den 7. Harry Potter Band zu schreiben. Es kann die Verbindlichkeit und Motivation steigern gleich zu Beginn viel in ein Projekt zu investieren. Was eine Große Geste ist, hängt natürlich an deiner Situation. Nach drei Wochen ungestörter Zeit für meine Diss zu fragen war für mich eine Herausforderung. Ich wusste, dass meine Kollegen meine Hilfe im Labor gut gebrauchen könnten, dass mein Prof mich lieber vor Ort hätte und die Abgabe meines Papers wurde dadurch ziemlich stressig. Außerdem kosten spontane Flüge in die USA im Juli wesentlich mehr als solche im Februar. Mein thesis bootcamp war ein großes Investment an Zeit und Geld und das hat mir einen Motivationsschub gegeben.

Wechsel zwischen verschiedenen Arbeitsorten

Wie oben schon beschrieben, finde ich den Wechsel zwischen verschiedenen Arbeitsorten total hilfreich, um auf neue Gedanken zu kommen. Falls das nicht möglich ist, hilft auch schon ein Spaziergang durch die Nachbarschaft, um ein bisschen kreativen Input zu bekommen.

Kapitel auf Papier planen

Ich hatte zwar schon die grobe Gliederung mit meinem Prof diskutiert aber für die meisten Kapitel noch keinen genauen Plan. Das war auch ein Punkt, der mir den Anfang eines neuen Kapitels schwergemacht hat. Ich habe dann angefangen, meine Kapitel zunächst auf einem Blatt Papier zu planen. Dazu habe ich zuerst alles Themenkomplexe/ Ergebnisse/ Ideen aufgeschrieben, die in das Kapitel sollen. Dann habe ich die zu größeren Gruppen zusammengefasst und geordnet. Die fertige Struktur habe ich dann noch einmal saubere abgeschrieben und mir auch schon Überschriften für das Kapitel und die einzelnen Abschnitte überlegt. Ich finde gerade beim Nachdenken über die Überschrift, muss man den Inhalt und die Kernbotschaft des Kapitels nochmal durchdenken und es ist super hilfreich, wenn man die hat bevor man anfängt zu schreiben.

Das Ergebnis

Ich schätze, dass ich zu Beginn des Bootcamps 10 % der Dissertation hatte und danach vielleicht 65 %. Das Bootcamp hat mir auf jeden Fall geholfen die Dissertation mit mehr Nachdruck voran zu treiben und besser einzuschätzen, was dann 100 % sein werden.


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