“Vielen Dank für den Vortrag, das ist alles Quatsch” – Wie geht man mit Feedback um?

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Vor Kolloquien, Konferenzvorträgen oder bevor man die E-Mail mit dem aktuellen Kapitel an die Betreuung sendet, rutscht den meisten Promovierenden kurz das Herz in die Hose. Obwohl man einerseits Rückmeldung bekommen und Aspekte diskutieren will, ist da immer die Angst vor vernichtender Kritik. Sobald man erste Texte oder Ergebnisse präsentiert, macht man sich angreifbar. Viele von uns haben nie richtig gelernt, mit Feedback umzugehen – und leider wissen viele auch nicht, wie man konstruktives Feedback gibt.

Negatives Feedback kann schnell das gesamte Weltbild ins Wanken bringen. Plötzlich sind da Gedanken wie: „Oh Gott, bin ich wirklich so schlecht? Ist das alles Blödsinn? Das ist der Teil, bei dem ich mir sicher war – wie schrecklich ist dann erst der Rest? Ich habe die letzten Jahre nur Zeit verplempert und sollte die Diss abbrechen!“ (Klingt verdächtig nach Hochstapler-Syndrom!)

Auch wenn diese Gedanken ganz normal sind, sind sie natürlich Quatsch. Feedback – auch negatives – ist per se nichts schlechtes, sondern ganz normaler Teil des Forschungsprozesses. Wenn man lernt, Feedback richtig für sich zu nutzen, muss man vor Kritik keine Angst haben!

Muss man Feedback annehmen?

Ich sage mir immer: Feedback ist ein Geschenk. Und ich kann auch entscheiden, dass dieses Geschenk aktuell nicht zu mir passt und ich es nicht haben möchte.

Um das „Geschenk“ besser einordnen zu können, lohnt es sich zu schauen, wer das Feedback gegeben hat. Wer ist diese Person? Kennt sie mein Projekt wirklich oder hat er den Text offenkundig nur schnell überflogen? Aus welcher Disziplin kommt sie? Welche Expertise hat er in diesem Bereich? Ist es eine Koryphäe auf dem Gebiet – oder selbst Doktorandin? Wenn man diese Fragen beantwortet hat, sinkt die Panik über schlechtes Feedback vielleicht direkt. Wenn jemand aus einer völlig fremden Disziplin die Methode anzweifelt, kann es sein, dass diese Person lediglich nicht so vertraut damit ist. Dass die absolute Koryphäe etwas zu kritisieren hat, ist vielleicht auch in Ordnung – schließlich hat diese Person die vermutlich einige Jahrzehnte an Erfahrung voraus (Diese Kritik sollte man aber vermutlich durchaus ernst nehmen und überdenken).

Gerade bei vernichtendem Feedback oder Vorschlägen, die wahnsinnig viel Arbeit bedeuten oder mir nicht einleuchtend erscheinen, frage ich mich immer (besonders auf Konferenzen): „Hätte ich diese Person auch um Rat gefragt?“ Wen die Antwort „Nein“ lautet, überlege ich zweimal, ob ich diese Kritik wirklich annehmen sollte.

Wie bekommt man hilfreiches Feedback?

Leider ist nicht alles Feedback, das man bekommt, hilfreich. Einerseits gibt es Leute, die dir mit pauschalen Wertungen wie „Alles super!“ oder „Alles Quatsch!“ überhaupt nicht weiterhelfen. Andererseits geben sich Menschen manchmal extrem viel Mühe mit konstruktivem Feedback, aber geben genau die Anregungen, die man eigentlich gar nicht wollte, während die strittigen Aspekte unkommentiert bleiben. Deshalb ist es wichtig, konkrete Angaben zu der Art von Feedback zu geben, das man gerne hätte. Auf Konferenzen ist das natürlich etwas schwieriger, aber gerade wenn man Texte zum Lesen ausgibt, kann man das gut machen. Dazu sollten man den „Feedbackern“ möglichst konkrete Anweisungen zu geben, unter welchen Gesichtspunkten der Text gelesen werden sollen. Struktur? Argumentation? Rechtschreibung? Leserführung?

Wenn man selbst weiß, dass das Englisch noch nicht perfekt ist, ist es wahnsinnig frustrierend, ständig Texte zurückzubekommen, in denen jeder Kommafehler und jede falsche Zeit rot angestrichen ist – am besten noch mit dem Hinweis „Unbedingt Lektorat!!!“ Da kann es helfen, anfangs ganz offensiv zu sagen: „Ich weiß, dass mein Englisch nicht perfekt ist und ich ein Lektorat brauchen werde. Bitte seht deshalb davon ab, Grammatik und Rechtschreibung zu korrigieren und konzentriert euch auf den Inhalt!“ Wenn es allerdings um die finale Version des Aufsatzes zur Veröffentlichung geht und du eigentlich nichts mehr ändern willst, sondern vor allem Formatierungsfehler und Tippfehler suchst, dann ist es ebenfalls sinnvoll, das den „Feedbackern“zu sagen! Es ist übrigens völlig zulässig zu sagen: „Ich bin am Ende der Arbeit und möchte keine neuen Ideen, danke!“ (Vielleicht nicht unbedingt zur Betreuung, aber sicherlich zu Kolleginnen und Freunden!)

Wie verhindert man Feedback, das dich nicht weiterbringt?

Obwohl es wahnsinnig nervt, kann auch „doofes Feedback“ hilfreich sein – damit meine ich nicht harsche Kritik, sondern vollkommen unqualifizierte, absurde, abwegige Forderungen. Denn die Tatsache, dass jemand diesem abwegigen Gedanken hatte, kann ein Indiz dafür sein, dass die Arbeit noch nicht ganz rund ist. In diesem Kontext habe ich selbst zwei sehr gute Ratschläge bekommen, die mich sehr weiter geholfen haben.

Erstens: „State the obvious!“ Für dich ist vielleicht klar, dass du dich nur auf das Römische Reich beziehst – das steht ja im Titel! Aber nicht jeder Leserin ist in diesem Thema so bewandert wie du und manch ein Tagungsteilnehmer ist nach der Mittagspause nur halb konzentriert. Wenn man eingangs das (für dich selbst) offensichtliche noch einmal explizit klar macht, minimiert man die Gefahr, zeit mit „doofem“ Feedback zu verplempern und kann stattdessen die spannenden Aspekte diskutieren.

Zweitens: Erzähl auch, was du nicht machst – und warum! Natürlich könnte man jedes Thema auch noch aus feministischer Perspektive beleuchten, einen Vergleich zu einem anderen Land hinzuziehen, die diachrone Entwicklung untersuchen – aber man hat ja nun mal nur begrenzt Platz. Damit man sich nachher nicht damit rumschlagen muss, seine Einschränkungen zu rechtfertigen, kann es hilfreich sein, diese einfach direkt klarzustellen. Wer anfangs sagt „Auch eine feministische Perspektive wäre spannend, aus Zeit/Platzgründen beschränke ich mich hier aber auf einen anderen Ansatz“, der muss sich nachher weniger häufig rechtfertigen.  

Man sollte sich aber klar machen, dass die wenigsten Leute einfach kritisieren, weil sie gemein sind und dich runtermachen wollen (solche gibt es auch, aber glücklicherweise doch recht selten). Stattdessen wollen sie dir mit ihrem Feedback weiterhelfen und letztendlich deine Forschung verbessern. Das kann aber nur funktionieren, wenn man über Feedback nachdenkt und es gegebenenfalls umsetzt.

Wie sichert und sortiert man Feedback?

Um über das Feedback nachdenken zu können, muss man es erstmal sichern und sortieren. Gerade auf Konferenzen ist das schwierig. Nach dem Vortrag prasseln die Fragen und Kommentare auf dich ein und wenn du versuchst, alles mitzuschreiben, kannst du meist nicht mehr antworten. Für mich hat es sich als wahnsinnig hilfreich erwiesen, nach Möglichkeit Kollegen zu bitten, das Feedback und die Fragen mitzuschreiben. Denn so kann ich mich auf die Antworten konzentrieren. Auch auf Konferenzen, auf denen du niemanden kennst, kann man eine andere Doktorandin mit diesem Vorschlag ansprechen – und im Gegenzug solltest du natürlich dasselbe tun! Idealerweise notiert dieser „Protokollant“ sogar den Namen des „Feedbackers“, sodass du die Person, falls die unbekannt, recherchieren und besser einordnen kannst.

Nach der Konferenz kann man sich dann mit diesem Protokoll noch einmal genauer auseinander setzten. Es lohnt sich, ein Kritik-Heft oder Feedback-Dokument anlegen, in dem man fortlaufend das Feedback notiert, dass man zu Vorträgen, Präsentationen oder Texten bekommt. Das hat den Vorteil, dass man einerseits Vorschläge identifiziert, die immer wieder auftreten – und andererseits erkennt, wenn verschiedene Personen dir widersprüchliches Feedback geben.

In diesem Dokument bietet es sich an, auf der einen Seite das Feedback aufzuschreiben, und rechts daneben zu notieren, wie du mit diesem Feedback verfahren bist. Hast du es eingearbeitet? Oder verworfen – und aus welchem Grund?

Ein paar hilfreiche Gedanken zum Feedback an der Dissertation

Die große Kunst im Umgang mit Feedback ist es, Kritik an der Arbeit von der eigenen Person trennen. Auch wenn das so logisch klingt, ist das manchmal leider gar nicht leicht. Nicht umsonst sagen viele „Die Dissertation ist mein Baby“. Wenn die Dissertation kritisiert wird, fühlen sich viele, als würden Leute das eigne Baby beleidigen. Kein Wunder, dass man da erstmal in Verteidigungshaltung geht. Fakt ist aber, die Dissertation ist kein Baby (und damit perfekt genau so, wie es geboren wurde). Der Dissertation tut Kritik gut, denn nur so kann man die Schwachpunkte erkennen und daran arbeiten. Wenn jemand deine Doktorarbeit kritisiert, dann hat das in erster Linie nichts mit dir zu tun. Selbst wenn deine Arbeit als zu verkopft, zu wenig tiefgründig oder banal kritisiert wird, heißt das nicht, dass diese Attribute auf deine wissenschaftliche Leistung per sogar oder gar auf dich zutreffen. Konstruktive Kritik von Anderen kann dich Schwachstellen erkennen lassen, die dir selbst nicht auffallen und dir Denkanstöße geben, die deine Forschung noch besser werde lassen.

Außerdem möchte ich nochmal darauf hinweisen, dass es auch gutes Feedback gibt – und das muss genauso beherzigt werden! Manchmal „Verschlimmbessert“ man seine eigenen Texte und streicht genau die Aspekte oder Argumente raus, die die Arbeit ausgemacht haben. Deshalb sollte man auch positives Feedback im Sinne von „Dieser Gedanke ist toll/ Dieser Aspekt ist wirklich spannend“ notieren und dann gut überlegen, wenn man diese Teile noch einmal grundlegend überarbeiten will. Außerdem kann dieses Feedback helfen, wenn man vollkomme frustriert ist und das Gefühl hat, man könne nicht, die Arbeit sei Mist und sowieso alles blöd. Ein einziger Satz wie „Ich freue mich schon, diese Arbeit zu lesen!“ kann in so einem Moment den nötigen Hoffnungsschimmer geben und durch tiefe Motivationslöcher tragen!

Und nicht zuletzt: Wissenschaft lebt vom Austausch. Jede Veröffentlichung ist ein Beitrag zu einer Debatte, eine Interpretation, ein möglicher Lösungsweg. Es liegt in der Natur der Wissenschaft, dass die Nächste kommt und mit diesem Vorschlag weiterarbeitet: einige Aspekte übernimmt, andere kritisiert, wieder andere optimiert. Auch wenn Kritik manchmal schmerzhaft ist – genau das ist Wissenschaft!

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