Warum eine Dissertation schreiben genauso ist wie eine Hochzeit zu planen

Durchschnittlich sind Frauen bei ihrer (Erst)heirat 31,7 Jahre alt, Männer 34,2 Jahre. Zum Abschluss ihrer Promotion waren die Deutschen im Jahr 2013 im Schnitt 33 Jahre alt . Das heißt, dass die verheirateten Promovendinnen dies mit einiger Wahrscheinlichkeit im Laufe ihrer Promotion geheiratet haben, die Männer statistisch gesehen danach. Zufälligerweise falle ich in dieses demographische Element: Ich habe, während ich an meiner Dissertation gearbeitet habe, eine ganze Weile damit verbracht, meine Hochzeit zu planen. Das war nicht nur eine willkommene Ablenkung – ich bin der Meinung, dass das Projekt Diss und das Projekt Hochzeit tatsächlich viele Gemeinsamkeiten aufweisen! Und dass ich durchaus einiges bei der Hochzeitsplanung gelernt habe, das ich auch auf mein Diss-Projekt anwenden konnte. Nur eine Ausrede, um mein Gewissen zu erleichtern? Vielleicht. Aber urteilt selbst:

1. Du hast nur sehr begrenzt Platz

Gemeinsamkeit Nummer 1: Das Platzproblem. Wer je eine Hochzeit geplant hat, weiß: Dein größtes Problem ist der Platz. Ein Hochzeitsgast kostet dich, je nach Location, zwischen 50 und 150 Euro. Außerdem darfst du aus brandschutztechnischen Gründen die Säle meistens nur bis zu einer bestimmten Menge an Personen bestuhlen, oft ist das bis 120 Personen. Das heißt: Deine Gästeliste ist, je nach Budget und Location, sehr begrenzt. Du musst dich entscheiden, ob du deine Sandkastenfreundin oder deinen netten Kollegen einlädst. Ob du deine Freundinnen mit Partnern einlädst oder nicht,  mit Kindern oder ohne, und wie lang muss deine Freundin mit ihrem Freund zusammen sein, damit er mit auf die Hochzeit darf? Aber: Wenn du dich darin geübt hast, liebe Freunde auszuladen und bereit bist, dem Onkel deiner Patentante ins Gesicht zu schauen und ihn nur zur kirchlichen Trauung einzuladen, hast du eine wichtige Fähigkeit gemeistert: Du hast aussortiert.

Am Ende deiner Dissertation steht meistens die zentrale Aufgabe: Kürzen, kürzen, kürzen. Du hast drei Tage damit verbracht, einen Abschnitt zu recherchieren, argumentativ aufzubauen und an Formulierungen zu feilschen … aber eigentlich ist er redundant. Raus, genauso wie der Onkel deiner Patentante! 

2. Du musst viele und oft widersprüchliche Erwartungen erfüllen

Wenn es um die Hochzeitsplanung geht, entwickeln Familienmitglieder oft ungeahnten Ehrgeiz. Ich habe Freundinnen, die mitten im Gespräch mit ihrer Mutter aufgelegt haben, weil die Mutter unbedingt das Fotoshooting nach der Trauung und nicht davor haben wollte. (Meine Familie war da zum Glück anders!). Deine Oma findet, du solltest unbedingt die Perlen der Uroma zur Hochzeit tragen, deine Tante findet, selbstgeschriebene Trauversprechen sind viel zu kitschig, deine Schwester findet, der Bräutigam sollte auf jeden Fall vor dem Altar auf die Braut warten. Du musst den schwierigen Balanceakt gehen, ob und inwiefern du ihren Erwartungen gerecht werden willst (stell dir vor, deine Oma stirbt nächstes Jahr und du bereust ein Leben lang, ihrem Wunsch nicht entsprochen zu haben?) – und wo du eure eigenen Vorstellungen durchsetzt. Es ist schließlich eure Hochzeit.

So ähnlich hast du es vielleicht auch in deiner Dissertation erlebt. Dein Doktorvater ist der Meinung, das Theoriekapitel bräuchte unbedingt noch einen Unterpunkt zu Foucault’s Verständnis der Diskursanalyse, deine Zweitbetreuerin dagegen findet, du solltest weniger name-droppen. Deine Mentorin ist der Meinung, dein Schreibstil sei zu journalistisch, dein Kollege dagegen kritisiert deine langen Schachtelsätze. Am Ende ist es deine Dissertation: Du musst entscheiden, ob du Foucault für wichtig hältst oder nicht und du musst dich mit deinem Schreibstil wohlfühlen. Aber manche Erwartungen erfüllst du lieber (vor allem die deines Erstgutachters), während du andere getrost unter den Tisch fallen lassen kannst, wenn du sie für unberechtigt hältst.

3. Du entwickelst Expertise in Details, die nie wieder relevant sind

Die größte Herausforderung bei der Hochzeitsplanung bestand für mich darin, mich mit unzähligen Detailfragen vertraut zu machen, von denen ich vorher weder Ahnung hatte, noch hatte ich Interesse an ihnen. Zum Beispiel: Du überlegst, ob es günstiger ist, eine Getränkepauschale zu buchen oder die Getränke nach Konsum abzurechnen. Dazu musst du wissen, wie viel Alkohol und welchen, wie viel Softdrinks/Saft, wie viel Wasser etc. deine Gäste wohl trinken werden. Du brauchst Erfahrungswerte, musst aber auch deine Gäste gut einschätzen können (Erfahrungswert: Die Pauschale lohnt in der Regel nicht. Außer du kommst aus dem Sauerland oder so.) Dieser Erfahrungswert bringt mir übrigens rein gar nichts, da ich nicht vorhabe, je wieder eine Feier für 200 Leute zu planen.

Genauso wie bei der Fußnote auf Seite 182, in der ich den Forschungsstand zu einem Randgegenstand meines Themas wiedergegeben habe. Die Fußnote hat mich zwei ganze Arbeitstage an Rechercheaufwand gekostet. Hat mich je wieder jemand danach gefragt? War es Gegenstand der Disputatio? Sind die Gutachter darauf eingegangen? Nein. Mein mühsam akquiriertes Wissen hat sich mit Abgabe verbraucht.

4. Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zur Wirkung

Was uns zu Punkt 4 bringt: Der Aufwand, den das Ganze kostet, verpufft innerhalb eines Tages. Eine Hochzeit zu planen hat mich (sagen wir, uns) ungefähr ein Jahr unseres Lebens gekostet. Meine Dissertation hat mich ungefähr dreieinhalb Jahre meines Lebens gekostet. Und alles kulminiert in einem – wenn wir großzügig sind, zwei—Tagen: Die hochfeierliche Abgabe der Diss im Prüfungsbüro deines Fachbereiches und die Disputatio. Die standesamtliche und (oft) die kirchliche Hochzeit. Danach ist alles vorbei. Die Diss steht im Regal und verstaubt, du wartest vielleicht noch auf die Fotos vom Fotografen oder das Hochzeitsvideo und bald ist alles, was bleibt, die Erinnerung. Und ein neuer Titel: Der Herr oder Frau Doktor und das MRS degree (oder das MR degree).

5. Du bist der/die Einzige, die den Überblick hat

Die vielleicht markanteste Parallele zwischen dem Prozess der Hochzeitsplanung und deinem Diss-Projekt ist aber wohl diese: Niemand kennt sich so gut aus wie du. Niemand sonst hat den Überblick. Das hat Nachteile, aber auch Vorteile: Wenn du dich mal wieder zu sehr in deinen Perfektionismus versteigst, dann erinnere dich daran: Deine Gutachter stecken nicht ansatzweise so tief in der Materie drin wie du. Wem wird schon auffallen, ob du die Quelle, von der du schon nach einem Absatz weißt, dass sie irrelevant ist, tatsächlich zu Ende gelesen hast? Niemand außer dir weiß überhaupt, dass sie existiert!

Bei der Hochzeitsplanung ist das wesentlich nerviger. Meistens hat sogar nur einer der beiden Partner den ganzen Überblick. Du bist der Einzige, der zu jeder Uhrzeit des Tages ganz genau weiß, ob wir uns noch im Zeitplan bewegen oder nicht. Du weißt, wie lange die Fotografin zugesagt hatte zu bleiben und ob der Caterer genug Dessertgabeln aufgelegt hat. Und ob der beste Grundschulfreund des Bräutigams spontan noch „I gotta feeling“ von den Black Eyed Peas zum Besten geben darf, wenn wir eh schon eine Stunde im Verzug sind im Programm. Aber, hey: Niemand außer dir kennt den Zeitplan und weiß das! Und: Es ist euer Tag. Und „I gotta feeling“ wird eure Hochzeit möglicherweise legendär machen.

In diesem Sinne: Lasst es krachen! 

Bei manchen Hochzeiten soll es einen Flashmob auf “I gotta feeling” gegeben haben.

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