Was ist der College Admissions Scandal?


Habt ihr es schon mitbekommen? Der Betrugsskandal um amerikanische Elite-Unis kriegt seine eigene Fernsehserie! Den meisten deutschen Medien war der Skandal eine Notiz in der Leute-Spalte wert. Immerhin ist unter anderem die Desparate Houswives-Schauspielerin Felicity Huffman angeklagt. Huffman habe, so der Vorwurf, ihrer ältesten Tochter durch die Zahlung von 15.000 US-Dollar zu einem besseren Ergebnis beim Aufnahmetest für amerikanische Colleges (den SATs) verholfen. Huffman ist nur eine von insgesamt fünfzig Angeklagten, die insgesamt mehrere Millionen Dollar Bestechungsgeldergezahlt haben sollen, um Testergebnisse zu manipulieren und Sporttrainer zu bestechen, um ein gutes Wort für die Bewerber einzulegen. 

Was hat es mit dem College Admissions Scandal auf sich? 

Der College Admissions Scandal, der in den amerikanischen Medien auch unter der Bezeichnung “Operation Varsity Blues” läuft, zeigt den Finger auf eine ganze Reihe von Missständen im amerikanischen akademischen System. Vor allem aber zeigt er, wie inhärent ungerecht und elitär die Aufnahme in amerikanische (Elite-)Unis ohnehin schon ist – ganz ohne Bestechungsgelder.

Was genau sind die SATs?

Fangen wir mit den oben erwähnten SATs an. Anders als in Deutschland legen amerikanische High School-Absolventen im Laufe ihres vorletzten Schuljahres einen standardisierten Test ab, in der Regel den SAT, den Scholastic Aptitude Test (manche auch den ACT, der für American College Testing steht). Standardisierte Test sollen, so die Theorie, allen Schülerinnen und Schülern, unabhängig von ihrem sozioökonomischen Hintergrund und der Bewertung durch Lehrer, eine faire Bewertung ermöglichen. Die Universitäten sollen so eine neutrale Einschätzung des akademischen Potentials der Bewerberinnen erhalten. Der Test fragt Kenntnisse in Mathematik (mit und ohne Taschenrechner), sinnentnehmendes Lesen – inklusive eines Vokabeltests in der eigenen Sprache – und Schreibfähigkeiten ab, gegebenfalls kann auch ein Essay geschrieben werden. (Wer neugierig ist: Hier sind Beispiele von Fragen). Das Ergebnis des Tests fließt dann in die Entscheidung der Universität über die Aufnahme des Bewerbers mit ein. Soweit die Theorie. 

In der Praxis misst der SAT genau eins: Wie gut ein Bewerber darin ist, den SAT zu schreiben. Weil der SAT, anders als unser Abitur, nicht systematisch den Unterrichtsstoff prüft, sondern sehr testspezifische Aufgabenstellungen enthält, bereiten sich die amerikanischen High Schoolers akribisch genau auf den Test vor, viele mit Hilfe von privaten Tutorinnen und Tutoren. Und ihre Eltern zahlen viel Geld dafür. In New York sollen SAT-Tutoren zwischen 300 und 450 Euro pro Stunde verlangen. (Pro Stunde!) Das heißt, der SAT misst auch noch eine weitere Variable: Wie viel Geld Eltern in die Vorbereitung ihrer Kinder für die Uni-Aufnahme stecken können.

Und warum wurden Sporttrainer bestochen?

Gute Frage. Die Rolle des Sports an amerikanischen Universitäten ist uns in Europa allenfalls bekannt, wenn wir die NBA oder die NFL (manche von uns auch den College Football der NCAA) verfolgen, die ihren Nachwuchs meist von amerikanische Unis beziehen. Für amerikanische Unis sind ihre Sportmannschaften ein wichtiges Aushängeschild. Über den Sport und die großen Sport-Events, die live im Fernsehen übertragen werden, binden sie Alumni und andere Unterstützer an sich – und das ist sehr, sehr wichtig, denn Alumni, Eltern und andere Fans sind eine wichtige Einnahmequelle von Spendengeldern für die Unis (dazu mehr unten).

Deshalb sind Sportler Ausnahmestudenten. Sie werden nicht in erster Linie (oder gar nicht) wegen ihrer akademischen Leistungen an der Universität aufgenommen, sondern wegen ihres sportlichen Potentials. Ihr Fokus während der Studienzeit liegt daher auch nur in zweiter Linie auf dem Studium, in erster Linie sind sie als Sportlerinnen und Sportler an der Uni und sollen sportliche Erfolge liefern. Die Coaches, die Sporttrainer der Unis, haben bei der Bewerbung von Sportlerinnen und Sportlern ein gewichtiges Wort mitzureden. Laut Anklage des FBI sollen Sportrainerinnen und Trainer an den Elite-Unis Georgetown University, Standford, Yale, University of Southern California, UCLA und University of Texas-Austin Bestechungsgelder entgegen genommen haben. (Yales Frauenfußballtrainer soll beispielsweise eine Bewerberin als „recruit“ für das Frauenfußballteam empfohlen haben, obwohl er wusste, dass sie gar nicht Fußball spielt).

Andere Wege, sich die Zulassung zu erkaufen: Legacy Admissions

Das Absurde ist, dass Bestechungsgelder in dieser Form gar nicht unbedingt nötig sind, um sich beziehungsweise seinen Kindern die Aufnahme ins College zu erkaufen. Es gibt noch einen viel einfacheren Weg: Legacy Admissions. Wenn du entweder aus einer Familie kommst, die seit Generationen auf die Uni deiner Wahl geht und seit Generationen großzügige Spenden locker macht, stehen deine Chancen relativ gut, aufgenommen zu werden. (Deshalb hat das Fundraising-Büro der Unis – die meistens solche Namen wie Development Office oder Alumni Relations tragen, ebenfalls Einfluss auf den Aufnahmeprozess). Alternativ können Eltern auch ein neues Bürogebäude, eine Bibliothek oder ähnliches finanzieren (das dann auch ihren Namen trägt, wie zum Beispiel „Smith Family Library and Museum“ oder so). Damit stehen die Chancen auch nicht schlecht.

Aber warum brauchen die amerikanischen Unis so viel Geld?

Wer einmal einen amerikanischen College-Campus besucht hat, hat gemerkt: Amerikanische Privat-Unis sind finanziell um einiges besser ausgestattet als deutsche öffentliche Universitäten. (Hier eine Reihe der schönsten Uni-Campusse in den USA). An den Eliteunis spiegelt sich das natürlich unter anderem auch in der Qualität der Lehre und Forschung wieder, in besser ausgestatteten Büros und Bibliotheken, einer Dienstleistungsmentalität gegenüber den Studierenden, die irgendwo zwischen peinlich und genial ist, netten Empfängen und athletischen Angeboten. Um ein Buch per Fernleihe auszuleihen, kann eine Studentin an der Yale University zum Beispiel einfach das Bibliothekspersonal beauftragen, die ihr den Scan des Buches innerhalb weniger Tage in ihr Mailpostfach zukommen lassen. Das ganze System ist darauf ausgerichtet, dass Studierende ihre ganze Energie in ihr Studium stecken – und sich nicht mit den Banalitäten des Alltags aufhalten müssen.

Allerdings kommt das Geld nicht bei denen an, die das ganze System tragen: Den Lehrenden. Das Leid des deutschen Mittlebaus ist den amerikanischen Adjunct Professors durchaus bekannt – Lehrende, die für wenig Geld viel Lehre geben müssen und dabei sich von Jahresvertrag zu Jahresvertrag hangeln. Das Leid des amerikanischen Mittelbaus, der 75 Prozent aller Lehrenden stellt, wurde zuletzt symbolisiert durch den tragischen Tod von Thea Hunter, einer Adjunct Professorin, die im System unterging und unter anderem wegen fehlenden Zugangs zu einer Krankenversicherung (die sie nur mit einem festen Job gehabt hätte), verstarb.

Auch interessant – anderswo:

How I would Cover the College Admissions Scandal as a Foreign Correspondent (New Yorker)

Our Big College Admissions Scandal just made the U.S. look a lot more like the rest oft he world (Washington Post)

Auch interessant – bei uns:

Wie ist es eigentlich, in England zu promovieren?

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