Wie ist es eigentlich… in England zu promovieren?

Heute haben wir eine Gastautorin aus England eingeladen: Christine Stedtnitz promoviert in Politikwissenschaften an der University of Essex. In ihrer Dissertation untersucht sie das Wahlverhalten in polarisierten Wahlkämpfen, insbesondere den Umgang mit falschen Fakten und mit Fakten, die die eigene politische Meinung herausfordern.

Hier ihr Erfahrungsbericht über das Promovieren in Brexit-Land!

Keine Lust mehr auf miefende alte verkrustete deutsche Unigebäude? Wie wär’s mit miefenden alten verkrusteten britischen Unigebäuden? Der Gedanke plagte mich vor gut drei Jahren, erst der erste, dann der zweite, und so erwachte ich eines Tages in einer bezaubernden britischen Kleinstadt, römisch, die älteste römische Stadt Großbritanniens (!) die, wie so oft, unter lateinischem Namen bekannter ist als unter Deutschem (Colchester, oder, wie bei Asterix bei den Briten, Camulodunum), mit dem Zug eine Stunde nordöstlich von London, mit dem Fahrrad eine Stunde westlich vom Wasser. Die Uni Essex stand der Uni Konstanz, vor der ich kam, in ihrem brutalistischen Charme der sechziger Jahre in nichts nach und so fühlte ich mich sogleich zuhause. Nach zweieinhalb Jahren also ein kurzer Leitfaden für den potentiellen Großbritannienpromovenden zum Thema Deutschland gegen England. Wir behandeln zwei Themen: England und englische Unis.

Thema eins, England, ist schnell behandelt: Britannien, das wusste bereits Asterix, ist immer eine Reise wert. Er hatte recht.

Thema zwei, englische Unis (im Gegensatz zu deutschen Unis) benötigt eine Unterteilung: im Folgenden nun also die harten und weichen Unterschiede.

Lust auf Oxford? Photo credit: By Tejvan Pettinger (Oxford Light – November) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons
Die harten Unterschiede

  • Promotionsprogramm v. Lehrstuhlpromotion: Das (auch in Deutschland zunehmend verbreitete, weil billigere) System des Promotionsprogramms ist an britischen Unis Standard: Du bist nicht an einen Lehrstuhl gebunden, sondern promovierst in einer Kohorte von ein paar bis ein paar mehr gleichgesinnten Promovierenden vor dich hin. Nicht an einen Lehrstuhl angebunden zu sein hat große Vorteile: keine nervigen Lehrstuhlaufgaben, keine langen Lehrstuhlrunden – du bist hier um zu promovieren. (Und, wenn du magst, ab und zu ein bisschen zu unterrichten.) Weg fällt allerdings auch der Lehrstuhlinsiderbonus (wie z.B. die schunkelnden Lehrstuhlweihnachtsmarktbesuche, bei denen bereits jeder Hiwi alles, was er/sie je über das akademische Leben oder seinen/ihren Fachbereich wissen wolltest, und mehr, aus erster Hand erfährt). Mir schien, als ich nach England kam, als hätten sich die Fronten verschoben: nicht mehr, wie in Deutschland, wir-gegen-unseren-Prof (intern) oder wir-gegen-jeden-anderen-Lehrstuhl (extern), sondern wir (Promovierende) gegen sie (das System!). Als Doktorand/in in einem Promotionsprogramm nennt man sich „PhD student“ – nicht, wie in Deutschland, „Wissenschaftlicher Mitarbeiter“ oder Teil der großen grauen Masse zwischen Studenten und Profs, die sich „Mittelbau“ schreit. Der Studentenstatus erstreckt sich übrigens auch auf das echte Leben und alles, worauf Studenten in Großbritannien Rabatt bekommen – und das ist viel: Kino, Burger, T-Shirts; die Liste ließe sich erweitern, durchaus praktisch. Er hat aber auch Nachteile: Als PhD Student kommst du nicht unbedingt einfach an Dinge, die deutsche WiMis mit ihrem Vertrag bekommen. So z.B. Büros und Computer: Platz ist knapp (gerade an den Londoner Unis!). Doktoranden teilen sich in der Regel Büros, aber gerade neu anfangende Doktoranden müssen an vielen Unis um Büros kämpfen.
  • Betreuung: Der meiner bescheidenen Meinung nach größte Pluspunkt für Großbritannien ist das Betreuungssystem für Doktoranden. An Stelle eines Doktorvaters oder einer Doktormutter hast du ein „supervisory board“, bestehend aus drei Akademikern, einem Haupt-supervisor und zwei Neben-supervisors, mit denen du dich mindestens dreimal im Jahr triffst und die alles, was du ihnen vor diesen Treffen schickst, lesen und dir Feedback geben. Dies ist in jeder Hinsicht hilfreich: Du hast nicht eine Person, der du Fragen stellen kannst, sondern drei. Und solltest du im Laufe deiner Promotion merken, dass du mit deinem Hauptbetreuer nicht auf einer Wellenlinie bist, hast du nicht, wie in Deutschland, ein Problem, sondern bittest einfach jemand anderen in dein Board. (Da Akademiker sich hier hobbymäßig jeden Freitag an einer anderen Uni bewerben ist es ohnehin üblich, dass dein Board sich im Laufe deiner Promotion verändert.) Bei drei Leuten hast du drei verschiedene akademische Lebensläufe, drei Grade akademischer Motivation, drei Experten, die dir drei verschiedene Sichtweisen auf dein Thema geben können, und eine dreimal höhere Wahrscheinlichkeit, dass sie Zeit haben, sich auch zwischendurch mal was anzugucken, was du ihnen schickst – supi!
  • Benotung: Die mittelalterlichen Gepflogenheit, deine Promotion höchst zu loben, hoch zu loben, zu loben, als befriedigend oder als ausreichend zu bewerten, wird in England nicht gepflegt. Du verteidigst deine Promotionen im Rahmen einer „viva“, stehend für „viva voce“ (denn die Briten mögen, siehe oben, die Römer). Britannien zelebriert seine Verteidigungen privat, ohne Plebs und nicht halb so dramatisch wie die guten Germanen. Du verteidigst, oder unterhältst dich mit einem Konsortium bestehend aus drei Personen, unter denen ein interner Prof (jemand von deiner Uni, der mit deiner Promotion nichts zu tun hat) und ein externer Prof, der dein Thema kennt, aber nicht dich. Beachtenswerterweise entstammt keiner dieser drei Personen deinem supervisory board – dieses ist, sobald du abgegeben hast, fein aus dem Schneider. Diese Konvention beugt Interessenskonflikten vor: Probleme kannst du problemlos mit deinen Betreuern besprechen. Anstelle einer Note überreicht dir dein Vivakomitee eine Liste mit Verbesserungsvorschlägen und gibt dir ein paar Monate, um diese in deine Promotion einzuarbeiten. Du verlässt den Saal also nicht mit einer Note, sondern mit einer Anzahl von Monaten und einer Liste mehr oder weniger mäkeliger Kommentare, die dir idealerweise helfen sollten, deine Promotion zu veröffentlichen.
  • England und das liebe Geld:  Als PhD Student bekommst du ein Stipendium, das normalerweise deine Studiengebühren (denn in England zahlen Doktoranden Studiengebühren), deinen Lebensunterhalt, und Forschungsgelder (in den Sozialwissenschaften oft so um die 3.000 Pfund) umfasst. Ein großer Stipendiengeber ist der ESRC (Economic and Social Research Council) – die Stipendienraten sind standardisiert (und online abrufbar). Die Stipendien reichen gut aus, zahlen aber nichts in deine Renten, Sozial- und Pflegeversicherung ein. Krankenversichert bist du über den steuerfinanzierten National Health Service kostenfrei. (Da dies ein Blog über das Promovieren ist, nicht das britische Gesundheitssystem, hier kein Kommentar über das britische Gesundheitssystem.)
  • Ein Warnhinweis: Betreffend das Promovieren ohne Stipendium: Böse Zungen bezeichnen britische Promotionsprogramme mitunter als cash cows. Als neutrale Beobachterin fällt mir auf, dass die Studiengebühren sich an meiner Uni für britische oder EU-Promovierende im Jahr 2017/18 auf £4.410 (um die €5.000) belaufen. Internationale, also nicht-EU Doktoranden zahlen dagegen £14.020 (um die €15.000), oder ein halbes Postdocgehalt. Der Usus, Bewerbern einen Platz, aber kein Stipendium anzubieten ist (gerade unter großen Namen) weit verbreitet. Natürlich ist dies mitnichten böser Wille – es fehlt, wie immer, das Geld. Je höher der Ruf, desto geschmeichelter das Ego, desto eher die traurige Annahme der üblen Offerte. Drei, vier Jahre lang also forscht, lehrt und lebt der unbezahlte Doktorand aus dem Reichtum seiner Eltern oder seines Bankkontos, hält sich mit unterbezahlten Gelegenheits- oder Graduate Teaching Assistant Jobs über Wasser, oder noch schlimmer, lebt auf Pump. Gewiss gibt es Mittel und Wege Promotionen zu finanzieren – sollte sich also ein Stipendium finden, um deine unbezahlte Oxfordpromotion anzutreten, go for it! Wenn nicht, fühle dich geehrt und sage nein, danke.
  • Ein zweiter Warnhinweis: Betreffend die Uniwahl. Ursächlich: Was Deutschland mit seinem Eliteunigehabe zu erreichen versucht, ist in England Tradition. „Oxbridge“ ist eine Institution. Briten studieren und unterrichtet bevorzugt in Oxford und in Cambridge – alternativ in St Andrews (where William met Kate!), an einer der Topunis in London (Imperial College London, University College London/UCL, London School of Economics/LSE), in einem topgerankten Department (für Politik ist zum Beispiel Essex ganz top…) oder, im ganz Allgemeinen, an der Uni, an der er gerade nicht ist. Der fehlende akademische Lokalpatriotismus wirkt sich massiv auf die Mobilität der Abiturienten und Dozenten aus. Es ist also schwer zu empfehlen, dich bei der Uniwahl nicht auf einen einzigen Prof einzuschießen, der in deinem Themengebiet forscht, sondern nach einer Uni zu gucken, an der mindestens ein paar Leute in deinem Gebiet sind. Denn sonst könnte es passieren, dass dein einer Prof im Laufe deiner Promotion die Uni wechselt, oder noch schlimmer, weg ist, bevor du da bist! Hast du mehrere Profs in deinem Gebiet, dann ist es zwar immer noch dumm, wenn dein Betreuer geht, aber nicht ganz so dumm, wie wenn er der einzige ist.
  • Unterrichten:  Üblicherweise unterrichten Doktoranden Tutorate, die Vorlesungen unterstützen – nicht aber, wie in Deutschland zumindest in den Sozial- und Geisteswissenschaften üblich, selbst konzipierte Seminare oder Übungen zu Themen, die dich interessieren. Das liegt unter anderem am System – auch Profs unterrichten in der Regel jedes Jahr die gleichen Kurse. Das heißt, wenn du unterrichtest, dann planst du nicht selbst deinen Unterricht, sondern unterrichtest genau das, was dein Dozent von dir will – bekommst aber auch weit mehr Unterstützung als in Deutschland. Ein paar Tutorate mit je ein, zwei Duzend Studis zu unterrichten ist ein leichter Start, gerade für Leute, die während ihres Studiums noch nicht Tutor gespielt haben. Du weißt genau, was du zu tun hast und hast einen Dozenten an deiner Seite, der dir jede Frage beantwortet und sogar einmal im Semester deinen Unterricht besucht um dir Tipps und Feedback zu geben, was du besser machen kannst. (Ein Format, von dem auch der ein oder andere deutsche Profs profitieren könnte.)

Die weichen Unterschiede

… oder doch lieber Essex? Photo credit: By Sayanaka – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44626291
  • Internationalität: Briten promovieren nicht. Es sei denn, sie wollen wirklich Prof werden. Legitime Gründe für eine Promotion (Ist nett an der Uni. / 9-5 ist nicht mein Ding./Bin Physiker/in, will Job. / Meine Mama hat auch promoviert) werden in England oft nicht anerkannt. Es tummelt sich also in britischen Promotionsprogrammen die Welt. Mit mir haben vor zweieinhalb Jahren 13 weitere Doktoranden angefangen: 50-50 Männer und Frauen (yay!), aus England (2), Deutschland (2), Japan (2), Italien, Bulgarien, Finnland, Iran, Chile, den USA, Indien und Uganda. Wenn deine Forschung also einen internationalen Bezug hat, besteht die Chance, dass du an britischen Unis rein zufälligerweise Leute aus den Ländern, die du erforschst um dich herum hast – und auch sonst ist Internationalität immer nett.
  • Fun-Faktor: Schwer zu sagen, woher es kommt, aber es ist eine Tatsache: Uni in England macht mehr Spaß. Die Arbeitsatmosphäre der britischen Durschnittsuni scheint mir positiver als die der deutschen Durchschnittsuni. Das Leben in der internationalen Doktorandenblase ist nett, die Profs sind nett, und ein großer Teil der Nettigkeit des britischen Doktorandendaseins ist der folgende:
  • Conferencing: Zu-Konferenzen-Gehen ist gang und gäbe. Da davon ausgegangen wird, dass Leute promovieren, um in der Wissenschaft zu bleiben, wird alles dafür getan einen auf die Wissenschaft vorzubereiten. Das heißt, du hast ein eigenes Budget, um auf Konferenzen zu fahren und musst nicht um Lehrstuhlgelder betteln oder Anträge stellen. Ich bin in meinem dritten Jahr und war schon auf größeren Konferenzen in Prag, Mailand und Edinburgh und auf kleineren Konferenzen in London, Kent, und Norwich. Diesen Artikel schreibe ich chillend in New York, wo ich dieses Wochenende auf einer Konferenz war. (Okay, nicht ganz üblich, aber auch nicht unüblich!). Ebenso:
  • Flache Hierarchien: Der britische Akademiker spricht und schreibt den britischen Akademiker mit Vornamen an. Kein „Herr Professor Dr.“, kein „Herr Professor“, noch nicht mal „Herr“. Eher so „Hi“. Hierarchien sind eine Kuriosität des britischen Universitätslebens. Auf den ersten Blick scheinen sie nicht vorhanden. Das Spielchen mit dem Siezen spielt sich auf Englisch ja ohnehin nicht. Hochprogressiv spricht der britische Prof – zumindest der moderne britische Prof – seine Studenten mit „Peter“ und „Jane“ an und stellt sich selbst mit Vornamen vor. Aber so ganz Skandinavien sind wir auch nicht. Nach längerer Beobachtung stellt sich fest, dass Hierarchien durchaus bestehen, nur etwas unterschwelliger als in Deutschland. Vielleicht braucht der Brite auch einfach kein „Sie“ oder kein „Herr Professor“, denn er erkennt ohnehin an dem Dialekt des Gegenübers, woher und aus welcher sozialen Klasse er/sie kommt. Nichtsdestotrotz, mit „Peter“ oder „Jane“ lässt sich einfacher reden als mit Herr oder Frau Professor.

Fazit: Unter der Annahme und Vorraussetzung, dass Brexit das akademische Leben des EUlers in Großbritannien nicht vollkommen zerfleischt (Indikator dessen wäre ein anhaltender Exodus der EU-Akademiker) ist Großbritannien für eine Promotion durchaus zu empfehlen. Gerade wenn du Lust auf ein bisschen international hast, aber keine Lust auf allzu weite Reisen, so scheint mir Großbritannien ein exzellenter Kompromiss.

 

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