Worauf sollte man bei der Wahl einer Promotionsstelle achten? – Geisteswissenschaftler-Edition

Für Geisteswissenschaftler ist der Titel dieses Blogposts im Prinzip schon eine Anmaßung: Wer von uns das Glück hat, eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem Lehrstuhl abzugreifen, der denkt nicht weiter nach – der nimmt sie. Denn, allen Ernstes, meistens haben wir nicht die Wahl: Wenn wir eine heiß begehrte WiMi-Stelle abgreifen können, stellen wir keine weiteren Fragen und nehmen sie!

Stelle oder Stipendium?

Einer Geisteswissenschaftlerin, die sich für eine Promotion entscheidet, stehen im Wesentlichen drei Wege offen, diese zu finanzieren: a) Sie bewirbt sich auf eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem Lehrstuhl – wozu oft auch ein Exposé für ein bestimmtes, in der Ausschreibung vorgegebenes wissenschaftliches Thema gehört, b) Sie bewirbt sich bei einer Stiftung (= Studienstiftung des deutschen Volkes, SdW, konfessionelle Stiftungen wie das Evangelische Studienwerk Villigst und die bischöfliche Studienförderung Cusanuswerk oder bei einer der parteinahen Stiftungen) um ein Promotionsstipendium oder c) Sie sucht sich einen Teilzeitjob oder finanziert die Promotion aus anderen privaten Mitteln – manche müssen auch auf ALGII zurückgreifen. Eine Mischung aus a) und b) ist die Promotion im Graduiertenkolleg. Dass c) die am wenigsten wünschenswerte Option ist, ist offensichtlich. Doch was, wenn man die Wahl hat zwischen Stelle oder Stipendium?

Zunächst die Vorteile des Stipendiums:

  • Freiheit in der Themenwahl: Du bist freier in deiner Themen- und Betreuerwahl, gerade, wenn es dir wichtig ist, bei einem „großen Namen“ zu promovieren, der oder die aber nur begrenzt WiMi-Stellen vergeben kann.
  • Mehr Zeit: Du hast keine lästigen Lehrstuhlaufgaben, die dich von deiner Promotion abhalten.
  • Weniger Zeit: Positiv gesagt hast du den Anreiz, deine Promotion in drei Jahren durchzuziehen, da anschließend die Finanzierung schwieriger bis unmöglich wird.
  • Du kannst promovieren: Oft ist das Stipendium der einzige Weg zur Promotion – denn WiMi-Stellen sind rar gesät.

Dagegen die Nachteile:

  • Weniger Zeit: Negativ gesagt stehst du nach drei Jahren, wenn die Promotion noch nicht fertig ist, erst mal dumm da – im allerbesten Fall musst du einen Verlängerungsantrag stellen oder dich auf ein Abschlussstipendium bei deiner Uni oder auch woanders bewerben, im schlimmsten und nicht unwahrscheinlichen Fall stehst du bei obiger Option c).
  • Finanzielle Absicherung: Du stehst nicht in einem Arbeitsverhältnis, in dem ein Arbeitgeber eine Fürsorgepflicht für dich hat. Das heißt konkret: Du zahlst während des Stipendiums nicht in die gesetzliche Rentenversicherung ein und hast anschließend keinen Anspruch auf ALG I. Auch relevant, falls während der Promotion ein Kind geplant ist: Du kriegst auch kein Mutterschaftsgeld von deiner Krankenkasse, solltest du während der Promotion in Mutterschutz gehen wollen. Gleichzeitig musst du eventuell die Krankenversicherung während des Mutterschutzes komplett selbst zahlen, auch wenn sie normalerweise der Stipendiengeber übernimmt. Und Elterngeld ist natürlich auch nicht drin.

Soweit zu den Vor-und Nachteilen des Stipendiums. Die Vor- und Nachteile einer WiMi-Stelle erschließen sich ja ein Stück weit daraus, trotzdem noch einmal übersichtshalber:

Vorteile der Stelle:

  • Lehrstuhlanbildung: Du bist angebunden an den Lehrstuhl, hast idealerweise dein Büro neben deiner Chefin und in der Nähe des Sekretariats. Du bist viel näher dran am Geschehen, kriegst mit, was am Lehrstuhl so passiert – und dein Prof denkt eher an dich, wenn er für Artikel angefragt wird, für die er selbst keine Zeit hat oder wenn es um die Teilnahme an Konferenzen geht.
  • Finanzielle Absicherung: Du bist sozial abgesichert, zahlst in die Rentenversicherung ein und hast Anspruch auf ALG I.
  • Der soziale Faktor: Du hast Kollegen, mit denen du gemeinsam Mittagessen gehst, die idealerweise deine Texte gegenlesen und dir Feedback geben. Außerdem ist es viel leichter, sich gemeinsam zu motivieren, morgens um 9 im Büro zu sein, statt allein dafür verantwortlich zu sein, morgens um 9 in der Bibliothek zu sitzen.

Nachteile der Stelle:

  • Themenwahl: Du bist weniger frei in deiner Themenwahl und musst dich nach den Vorstellungen und Forschungsgeldern deines Profs richten.
  • Belastung durch Lehre: Du hast wahrscheinlich 4 SWS Lehre, was viel Zeit in Anspruch nimmt – ich würde zumindest Anfangs einen Tag Vorbereitung pro 2 SWS rechnen. Das ist dann schon viel Zeit. Andererseits macht sich Lehrerfahrung auf dem Lebenslauf natürlich auch gut!
  • Belastung durch andere Aufgaben: Eventuell fallen auch noch andere administrative Aufgaben an, die du für deine Chefin erledigen sollst. Da empfiehlt es sich, vorher genau nachzufragen (siehe Fragenkatalog unten).

Wenn du nun also das Glück hast, eine Stelle in Aussicht zu haben, worauf solltest du dann achten und welche Fragen solltest du im Vorstellungsgespräch stellen?

Ein Thema, das begeistert

Die Promotion ist für uns Geistewissenschaftler die meiste Zeit ein Einzelkämpferprojekt – ganz anders als in den Naturwissenschaften, wo die Promotion innerhalb einer Arbeitsgruppe stattfindet. Drei, vier, fünf Jahre Doktorandendasein können ganz schön lang werden, wenn ich nicht wirklich für das Thema brenne. Bevor ich also anfange sollte ich mich ernsthaft fragen: Kann ich mir vorstellen, mich die nächsten drei bis fünf Jahre fünf Tage die Woche acht Stunden am Tag mit diesem Thema zu beschäftigen?

Eine Betreuerin, die dich unterstützt

Wie Franziska letzte Woche schon für die Naturwissenschaftler argumentiert hat, ist eine gute Betreuung eine absolute Priorität bei der Wahl deiner Stelle – und auch bei der Frage, ob du überhaupt promovierst oder nicht. Dein Prof sollte dich fördern, von dir und deinem Thema überzeugt sein, dich motivieren und dir den Rücken decken. Natürlich ist es auch wichtig, dass er Expertise in deinem Forschungsgebiet hat. Aber ich halte die anderen Punkte für noch wichtiger – die Expertise kannst du dir auch anderswo holen, die Unterstützung nicht.

Ein guter Indikator für die Betreuungsqualität ist, was aus ehemaligen Doktoranden am Lehrstuhl geworden ist. Sind sie in der Wissenschaft geblieben? Hat dein Chef in spe sie in der Gestaltung ihrer Zukunft aktiv unterstützt, indem er sie an andere Lehrstühle für PostDoc-Stellen vermittelt hat, gemeinsam Folgeanträge geschrieben hat etc.?

Folgende Fragen können hilfreich sein bei der Wahl eines Betreuers:

  • Welches Standing hat er in der wissenschaftlichen Community? (Ob dir diese Frage wichtig ist, musst du selbst entscheiden. Wer in der Wissenschaft etwas werden will, achtet jedoch gerne darauf.)
  • Fährt sie auf die wichtigen Konferenzen und hält selbst dort auch Vorträge? (Das sagt etwas über ihre Vernetzung aus, von der auch du profitierst. Auf der Website sind die Konferenzvorträge in der Regel gelistet.)
  • Stimmt die persönliche Chemie? Hast du das Gefühl, dein Prof ist überzeugt von dir?
  • Fördert deine Chefin ihre Promovenden? Nimmt sie sie mit auf Konferenzen, vermittelt Artikel, bindet sie ein in ihr Netzwerk?
  • Und zuletzt die Notenfrage: Wie haben Doktoranden vor dir abgeschnitten? Vergibt dein Betreuer in spe auch schon mal ein „cum laude“? Dann ist Alarmstufe Rot angesagt – dieses Risiko sollte man sich gut überlegen! Wenn es irgendwie weitergehen soll in der Wissenschaft, ist „magna“ Mindestanforderung. Auch für banale Dinge wie Druckkostenzuschüsse für die fertige Dissertation und überhaupt die Drucklegung ist ein „magna“ wichtig.

Kollegen, mit denen du Spaß hast

Es ist zwar nicht ganz so wichtig wie in den Naturwissenschaften: Aber auch als Geisteswissenschaftlerin ist es einfach schöner, wenn du dich an deinem Lehrstuhl wohl fühlst, eine positive Atmosphäre herrscht, die Kollegen gerne zur Arbeit kommen und sich gegenseitig unterstützen. Selbst wenn der Tag sonst miserabel war, ein gemeinsames Mittagessen oder Kaffeetrinken mit Kollegen kann dich wieder aufheitern – und das brauchst du an manchen Tagen! Außerdem musst du eventuell mit den Kollegen auch auf Konferenzen fahren. Das macht mehr Spaß, wenn man sich gut versteht!

Fragen für das Vorstellunggespräch

Vor meinen Vorstellungsgesprächen auf  Stellen als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Stipendien habe ich mit erfahrenen Promovenden gesprochen, die mir einige Fragen mit auf den Weg gegeben haben für die Gespräche. Das fand ich sehr hilfreich – hier also mein (erweiterter) Fragenkatalog für das Vorstellungsgespräch:

  • Wie viel Freiheit würden Sie mir beim Zuschnitt des Themas lassen? Muss es 100% auf die Ausschreibung passen oder kann ich nach meinen Interessen Schwerpunkte setzen?
  • Welche Aufgaben für den Lehrstuhl beinhaltet die Stelle? (Können Sie das ungefähr in Stunden bemessen?)
  • Welche Inhalte stehen bei der Lehre im Vordergrund?
  • Welche Betreuungsleistung können Sie konkret zusagen? (Wie viele Treffen? Wie viel von der fertigen Arbeit würden Sie vor Abgabe lesen? Könnte ich Ihnen Artikel und Vorträge zwecks Feedback schicken?)
  • Wie viel Geld steht für Konferenzteilnahmen zur Verfügung?
  • Wie viel Geld steht für Archivreisen, Laborexperimente oder sonstige Datenerhebungen zur Verfügung?
  • Was ist aus ehemaligen Doktoranden am Lehrstuhl geworden? Und wie lange haben sie für ihre Promotion gebraucht?
  • Gab es Fälle, in denen ein Doktorand die Promotion abgebrochen hat? Was waren dafür die Gründe?
  • Gehen die Kollegen am Lehrstuhl regelmäßig gemeinsam Mittag essen?

Also: Alles Gute und viel Erfolg bei der Wahl einer Stelle! (Und für alle, die leicht nervös werden bei all den Fragen… ihr seid keine Aufschneider!)

Habt ihr noch andere Fragen, die ihr wichtig findet für das Vorstellungsgespräch?

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