Das Archiv: Unendliche Weiten, lange Wartezeiten

Heute freue wir uns über einen Gastbeitrag von Jana Weiß! Dr. Jana Weiß promovierte 2013 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster im Rahmen des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ mit einer Studie zur Entwicklung der Zivilreligion an US-amerikanischen Feiertagen (Fly the Flag and Give Thanks to God. Zivilreligion an US-amerikanischen patriotischen Feiertagen, 1945-1992. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2015).
Wenn sie nicht gerade im Archiv sitzt, recherchiert sie in Brauereien zu ihrem laufenden Habilitationsprojekt, das sich mit der Geschichte des Lagerbieres in den USA beschäftigt. Mehr über Jana und ihre Arbeit findet ihr hier.

Drei Deadlines und viele „Cafés“ später (danke für Deine Geduld, Ulrike!) sitze ich nun zu Hause (nein, eine Historikerin ist nicht ständig im Archiv) vor dem noch leeren Word-Dokument und ertappe mich dabei, wie die Worte „Das Archiv“ in meinem Kopf den Star Trek-Vorspann inklusive Titelmusik auslösen: „Das Archiv – unendliche Weiten. Wir befinden uns in einer fernen Zukunft. Dies sind die neuen Abenteuer der Geschichtsstudenten…“. Und dabei bin ich gar kein Star Trek-Fan. Aber ich komme vom Thema ab.

Der Eintrag im Duden (ja, wir HistorikerInnen zitieren einfach gerne) beschreibt ein Archiv als eine „Einrichtung zur systematischen Erfassung, Erhaltung und Betreuung von Schriftstücken, Dokumenten, Urkunden, Akten, insbesondere soweit sie historisch, rechtlich oder politisch von Belang sind“. Ob eine Quelle archiviert wird, hängt allerdings nicht nur von deren Relevanz bzw. vom Ermessen des Archivars ab – die Quelle muss überhaupt erst mal hinterlassen worden sein (hier unterscheiden HistorikerInnen zwischen Tradition und Überrest, mit oder ohne Absicht, aber das ist hier erst mal zweitrangig). Der Albtraum jedes Historikers ist wohl der Gedanke, dass es entweder keine Quellen zum ausgewählten Thema gibt oder die vorhandenen Quellen aufgrund von Sperr- und Schutzfristen nicht zugänglich sind.

Wer sich für ein gesellschaftswissenschaftliches Studium entscheidet, kommt um die Beschäftigung mit der Archivlandschaft nicht herum (und wieder Kopfkino: vor meinem inneren Auge sehe ich meinen alten Geschichtsprofessor aus meinem ersten Semester, der genau diesen Satz gesagt haben könnte). Bereits im ersten Semester des Geschichtsstudiums wird man angehalten, sich selbst Quellen für das Referat und die Hausarbeit zu suchen – wenn auch meistens in digitalen Archiven (was bei Studierenden leider oft zum Trugschluss führt, dass alles, was nicht im Netz ist, auch nicht existieren könne).

Einen richtigen Überblick habe ich eigentlich erst während der Promotion erhalten. Sobald man von seinem Forschungsprojekt berichtet, stellen KollegInnen (oft mit bedeutungsschwerem Blick) immer wieder die anscheinend alles entscheidende Frage: „Warst Du denn schon im Archiv?“ Und meist (zumindest war das bei mir so) hat man anfangs nur eine sehr, sehr (!) grobe Idee davon, was denn dieses Archiv überhaupt sein soll und wo man es finden kann. Die Archivlandschaft ist unübersichtlich – eine Landkarte unbekannter Größe und Form – und es braucht meist Jahre, bis man in seinem Bereich einen wirklich fundierten Überblick über die verschiedenen Archive bekommt. Zudem wächst die Verunsicherung, weil die kollegiale Frage ein Singular („im Archiv“) suggeriert, das eigentlich für keine wissenschaftliche Arbeit gilt. In der Regel muss man in mehrere Archive, es gibt nicht das eineArchiv zu einem Thema bzw. zu einer Fragestellung (Notiz an mich: mein nächstes Projekt plane ich so, dass ich in nur ein Archiv muss… oder in zwei… ok, höchstens in drei!).

Es gibt also weder das eine Archiv, noch den alles entscheidenden Leitfaden für Archive – wie so vieles ist dies nicht nur von Fach zu Fach, sondern auch innerhalb der Fächer unterschiedlich. Aber der Beitrag kann ich hier ja nicht enden. Es folgt also ein Überblick (unter Vorbehalt) anhand meiner Erfahrungen mit vor allem U.S.-amerikanischen Archiven.

Was für Archive gibt es und was finde ich dort?

Ganz am Anfang ist es wichtig, sich einen groben Überblick über die verschiedenen Archivsparten zu verschaffen. Da es hier nicht um Vollständigkeit geht (dafür gibt es schließlich Wikipedia), sei nur knapp auf ein paar wesentliche Unterteilungen verwiesen: Klassisch unterscheidet man zwischen privaten und öffentlichen bzw. staatlichen, kommunalen und kirchlichen Archiven. Darüber hinaus gibt es unter anderem Wirtschafts-, Parlaments- und Stiftungsarchive sowie viele weitere so genannte „Bewegungsarchive“ (nein, diese reisen nicht als fahrende Büchersammlungen durchs Land – gemeint sind soziale, politische und/oder kulturelle Bewegungen, die dokumentiert werden, wie beispielsweise die Frauen- oder Umweltbewegung). Inwiefern hier nach inhaltlichen und/oder geographischen Kriterien unterschieden wird, ist von Archiv zu Archiv unterschiedlich.

Wie bereits erwähnt entscheiden Archivare darüber, was archivwürdig ist und dauerhaft aufbewahrt werden soll. Diese Entscheidung ist Teil des so genannten „Records Lifecyle Konzepts“ (Erstellung – Nutzung – Sicherung – Aufbewahrung – Archivierung). Man findet in Archiven klassisches Archivgut, Sammlungen, und/oder Nachlässe. Dies können schriftliche Quellen wie Urkunden, Akten, Karten und Briefe oder auch audiovisuelle Medien sein. Oft stellen Archive auch Hilfsmittel wie Find- und Handbücher zur Verfügung (vor Ort bzw. mittlerweile auch oft online), das heißt schriftliche Verzeichnisse der Archivalien, die eine erste Orientierung bieten.

Wie verhalte ich mich im Archiv?

Näher als im Archiv kommt man den Quellen nicht – oder sagen wir: den meisten Quellen, denn manche Originale sind zu brüchig und werden vorsichtshalber nur als Mikrofilm bzw. digital zur Verfügung gestellt (über die möglichen Probleme der Formatmigration digitaler Quellen wurde jüngst auf dem Historikertag in Münster in der Sektion „Quo vadis Quellenkritik? Digitale Perspektiven“ ausführlich diskutiert. Häufig haben Archive für die optimale Aufbewahrung der Quellen ein relativ kaltes Raumklima – man sollte unabhängig von den Außentemperaturen immer einen Pullover dabeihaben! Jetzt höre ich mich an wie eine Touristenführerin einer Senioren-Reisegruppe – da fällt mir ein: Fotoaufnahmen des Archivguts sind in der Regel erlaubt, manchmal darf man aber auch nur kostenpflichtige Kopien anfertigen.

Jedes Archiv stellt seine eigenen Nutzungsregeln auf, über die man sich vor dem Besuch informieren sollte, um nicht von kuriosen Öffnungszeiten (11 bis 13 Uhr jeden dritten Dienstag im Monat) ober sehr langen Wartezeiten („Die Quellen werden aus unserem Außenlager beschafft und stehen Ihnen voraussichtlich in zwei bis drei Wochen zur Verfügung“) überrascht zu werden. Einige Archive haben Sicherheitskontrollen wie Flughäfen: es gibt einen Sicherheitsscanner, das Handgepäck wird gescannt und Getränke sind verboten (in Ausnahmefällen ist Wasser erlaubt). Zum Teil dürfen Bleistifte (aber niemals Kugelschreiber!) am Tisch für Notizen verwendet werden. Wenn es sich um ältere Schriftquellen oder Fotographien handelt, bekommt man in der Regel Handschuhe zur Verfügung gestellt (manchmal auch einen Mundschutz, das ist aber eher selten).

Der Lesesaal der Library of Congress in Washington, D.C.

In jedem Archiv gibt es eine „Aufsicht“ (meistens sind dies die Archivare bzw. Bibliothekare), die einem bei der Suche helfend zur Seite steht (ein Smalltalk hilft, um das Eis zu brechen), aber auch die Befolgung der Regeln strengstens überwacht – sei es in einem großen prunkvollen Lesesaal
oder in einem kleinen, fensterlosen Raum mit nur einem Tisch. Wenn man es bis dahin geschafft hat, füllt man einen Bestellzettel aus. Manchmal kann man das bereits online machen, was eine Menge Zeit spart – manchmal muss man vor Ort pro Quelle jeweils einen Bestellzettel ausfüllen, was wiederum Zeit kostet. Mit längeren Wartezeiten muss man auch rechnen, wenn man zum Beispiel zeitgleich nur fünf verschiedene Quellen zur Ansicht bestellen darf, denn diese müssen schließlich jedes Mal von neuem aus den Untiefen des Archivs gesucht und geholt werden. Das kann besonders frustrierend sein, wenn keine der bestellten Quellen den Erwartungen entspricht. In wieder anderen Archiven darf man zwar so viele Quellen gleichzeitig bestellen und bearbeiten wie man möchte, man muss dies aber „vorher“ per E-Mail anmelden. Die Zeitangabe „vorher“ hat von Archiv zu Archiv eine andere Bedeutung: drei Tage, zwei Wochen oder einen Monat.

Ich empfehle, Archivbesuche gründlich zu planen (im Zweifel per E-Mail vorher alle Formalien klären), sich nicht über (unvorhersehbare) Wartezeiten zu ärgern, sondern diese entspannt mit Kaffeepausen zu verbringen und grundsätzlich mindestens einen Tag mehr einzuplanen als man es ursprünglich vorhatte. Und falls dann vor Ort doch alles schief läuft, gibt es zumindest ein Trostpflaster:  Jede(r) sollte sich bei einem Besuch eines größeren Archivs einmal ins Magazin führen lassen und die unendlichen Regalreihen bestaunen – denn so hilfreich digitalisierte Quellen auch sind, es sind staubige Urkunden, Amtsbücher und Briefe, die das HistroikerInnenherz wirklich höher schlagen lassen. Sich regelmäßig daran zu erinnern, entschleunigt und ist Balsam für die Seele. Und dann ist es plötzlich auch gar nicht mehr so schlimm, wenn es mal wieder länger dauert.

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