Wissenschaftlerin und Mutter – ein Zwischenstand

Das ist – zum Glück – (noch) nicht mein Kind. Bild: mytoenailcameoff (Flickr)

Seit Juni dieses Jahres bin ich Mutter – und seit August dieses Jahres bin ich Wissenschaftlerin und Mutter. (Wissenschaftlerin war ich vorher natürlich auch schon, aber ich hatte zwei Monate nach der Geburt Mutterschutz. Gerade kümmert sich hauptsächlich  mein Mann um die Kinderbetreuung). Ich habe in letzter Zeit viel darüber nachgedacht, inwiefern mich das Muttersein verändert hat. Unser ganzes Leben wurde auf den Kopf gestellt. Diese Veränderung durchdringt jeden Lebensbereich und ich habe mich gefragt, inwiefern es nicht nur die Art, wie ich arbeite, sondern auch gewissermaßen meine Identität als Wissenschaftlerin verändert hat. So weit bin ich mit meinen Gedanken gekommen:

  1. Ich bin, auch als Wissenschaftlerin, sensibler.

Das ist natürlich ein absolutes Klischee – als Eltern wird man emotional unberechenbar, alles geht einem nahe. (Um es gleich zu sagen, das gilt in unserer Familie für beide Elternteile!). Ich hätte aber nicht erwartet, dass mich diese erhöhte Sensibilität auch in meiner wissenschaftlichen Arbeit verändert. Ich habe in meiner Dissertation unter anderem zur amerikanischen Einwanderungspolitik gearbeitet. Im selben Monat, in dem mein Kind geboren wurde, wurden mehrere tausend Mütter, die aus Zentralamerika in die USA kamen um dort Asylanträge zu stellen, an der Grenze von ihren Kindern getrennt. Das jüngste war fünf Monate alt (genauso alt wie mein Sohn jetzt) und wurde noch gestillt. Im Wochenbett las ich die Geschichten dieser Kinder und ihrer Eltern und es lief mir kalt den Rücken hinunter – und selbst fünf Monate später kann ich mir die Bilder aus dieser Zeit nicht ansehen ohne in Tränen auszubrechen. Während ich meine Dissertation für die Veröffentlichung überarbeite, wollte ich den aktuellen Bezug noch mit unterbringen. Dabei fällt mir schwer, die innere Distanz zu  meinem Forschungsgegenstand zu wahren, die in der Wissenschaft angemessen ist. Ich hoffe, dass ich da mit der Themenwahl für mein PostDoc-Projekt besser fahre (das ist im 19. Jahrhundert angesiedelt, der zeitliche Abstand hilft hoffentlich…)

  1. Ich setze ständig innerlich Prioritäten

Es ist gewissermaßen Überlebensstrategie: In meinem Kopf ist ständig eine Liste mit Dingen, die getan werden müssen, und die wird laufend neu priorisiert. Ich habe wesentlich begrenzter Zeit als vorher und die Arbeit lässt sich nicht mehr so einfach nach hinten ausdehnen. Also sehen meine Gedanken ungefähr so aus, wenn ich mich an den Schreibtisch setze: „Als allererstes beantworte ich die Mail vom Verlag, das geht schnell und ist wichtig. Dann muss ich auf jeden Fall als das Buch xyz durcharbeiten, das muss nächste Woche zurück in die Bibliothek. Wenn ich das geschafft habe, finde ich vielleicht noch genug Zeit, dazu kurz 2,3 Rezensionen zu lesen. Und wenn dann noch genug Zeit bleibt, dann wäre es echt super, noch mindestens eine Quelle durchzuarbeiten.“ (Spoiler alert: Meistens schaffe ich nicht mehr als zwei Sachen von der Liste). Ich gebe mir große Mühe, dann mit dem zufrieden zu sein, was ich schaffe und mich zu freuen, dass das wichtigste schon mal abgehakt ist. (Spoiler alert: Das klappt nur manchmal.) Und im Kopf formt sich dann schon die Liste für den nächsten Tag.

  1. Ich bin effizienter (meistens)

Wenn ich alleine am Computer sitze – im Büro, in der Bibliothekt oder zu Hause, wenn Mann und Kind unterwegs sind –, schaltet mein Gehirn auf Zeitraffermodus: Schnell, schnell, schnell! Schnell den ersten Punkt von der Liste abhaken, damit noch Zeit für den zweiten bleibt! Da komme ich gar nicht so sehr auf die Idee, noch schnell die sozialen Netzwerke zu checken oder online Zeitung zu lesen. Und ich überlege mir gut, ob das, was ich gerade tue, tatsächlich sinnvoll und nötig ist. Muss ich das Buch tatsächlich gelesen haben? Wozu brauche ich es? Geht es nur um einen kurzen Literaturüberblick oder eine Fußnote? Reicht es nicht auch, nur ein paar Rezensionen dazu zu lesen?

Die Kehrseite der Effizienz ist, dass weniger Zeit für deep work bleibt. Ab und zu habe ich Zeiten, wo ich in einen Flow komme (meistens, wenn ich nicht zu Hause arbeite). Aber der hält häufig nur ein, zwei Stunden an… irgendwann vermisse ich mein Kind und kann mich dann nicht mehr so gut aufs Arbeiten konzentrieren.

  1. Ich bin weniger perfektionistisch

Früher habe ich nur etwas herausgeschickt, wenn es mindestens zwei Kollegen gegengelesen hatten und ich ihr Feedback eingearbeitet hatte. Mittlerweile traue ich mich mehr: Wichtiger, als dass es perfekt ist, ist, dass es raus ist. Also mache ich etwas fertig, lese nochmal drüber und schicke es raus. Ich bin gespannt, ob sich diese Strategie langfristig bewährt. Hätte ich die Wahl, wäre ich immer noch perfektionistisch – aber gerade habe ich keine Zeit dazu.

  1. Ich mache mehr nicht.

Weil so viel weniger Zeit da ist als vorher (wie viel weniger, habe ich mir vorher kaum vorstellen können!), fallen andere Dinge hintenüber. Dinge, die mir eigentlich wichtig sind, wie ehrenamtliches Engagement oder regelmäßiger Sport. In einem Buch, das ich vor einer Weile gelesen habe, hat die Autorin einen Essay darüber geschrieben, was sie nicht tut – und befreit sich von dem Anspruch an sich selbst, sie doch zu tun. Ich tue eine Menge Dinge nicht: Ich beantworte Mails nicht zeitnah. Ich gehe nicht zu Seminaren, die mich interessieren. Ich gucke keine Serien mehr. (Ehrlich. Keine einzige. Ich könnte Netflix genauso gut abbestellen). Es gibt auch eine Menge Sachen, die ich weniger mache: Ich lese weniger Papers/Abstracts/Masterarbeiten Korrektur von Kolleginnen und Freunden, obwohl ich es sehr gerne tun würde. Ich treffe weniger häufig Kollegen zum Mittagessen oder zum Kaffee. Ich bin weniger präsent. Dadurch entgehen mir sicherlich auch Gelegenheiten (und vor allem der Klatsch und Tratsch, der das Büroleben erst spannend macht). Aber alles geht nicht – und am Ende des Tages ist es mir wichtiger, Zeit mit meinem Sohn zu verbringen, als auch noch zum Abendessen nach dem Kolloquium mitzukommen.

Und jetzt muss ich aufhören – der kleine Mann wacht auf.

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