Wie ist es eigentlich… in Schweden zu promovieren?

Forschung ist heute international und deshalb ist es inzwischen keine Seltenheit mehr, einen Teil oder sogar die ganze Promotion im Ausland zu verbringen. Wir freuen uns sehr, heute einen Gastbeitrag in unserer Serie “The International PhD” über das Promovieren in Schweden mit euch teilen zu können! Gastautorin Lea Eldstål-Ahrens promoviert seit September 2019 in den Bildungswissenschaften an der Göteborger Universität in Schweden. In ihrer Forschung untersucht sie, wie Grundschulkinder zu demokratischen Konzepten wie Gleichheit, Macht und Repräsentation in Gruppendiskussionen argumentieren. In diesem Blogeintrag konzentriert sich Lea auf die Forschungsausbildung der Göteborger Universität.

Lea Eldstål-Ahrens in der Göteborger Innenstadt

Die letzten Prüfungen sind bestanden, „Midsommar“ ist gefeiert und der Urlaub ruft: Mein erstes Studienjahr als Doktorandin an der Göteborger Universität liegt so gut wie hinter mir – Zeit für einen Zwischenbericht. Den Begriff Studienjahr benutze ich deshalb, weil die Promotion hier tatsächlich viel mehr einem (dritten) Studium gleicht als ich es in Deutschland erfahren habe. Diesen Vergleich kann ich machen, da ich in Deutschland vor 4 Jahren meinen ersten Promotionsversuch gestartet habe. Aufgrund meines Umzug nach Schweden habe ich diesen nach etwa eineinhalb Jahren beendet und könnte aus jetziger Perspektive über diese Entscheidung nicht glücklicher sein.

Die Bewerbung

Eine Anstellung als Doktorandin an der Göteborger Universität zu bekommen war nicht leicht, die Konkurrenz ist groß und die Prozesse sind langwierig. Das liegt unter anderem daran, dass Transparenz und Chancengleichheit großgeschrieben werden und weitestgehend unabhängige Komitees gegründet werden, um die Bewerbungsunterlagen zu beurteilen. Diese bestehen aus einem Paper über das Forschungsvorhaben (rund 3-5 Seiten) und der Master- oder Magisterarbeit. Das Material zu sichten dauert für die Gutachter*innen lange und bedeutet für die Bewerbenden vor allem eins: Geduld!

Die Arbeitsbedingungen

Als Doktorand*in angenommen zu werden heißt in den meisten Fällen auch eine Stelle als ebensolche*r angeboten zu bekommen. Das Gehalt bei einer 100% Stelle ist zwar geringer als das einer Grundschullehrerin (als welche ich ursprünglich ausgebildet bin), aber mit etwa 1900€ Netto lässt es sich selbst im teuren Schweden ganz gut leben.

Leben alle in kleinen roten Häusern? Leider nein, vor allem nicht in den größeren Städten. Meine Faszination für Schwedenhäuser wird aber vermutlich vorerst nicht nachlassen… (eigenes Foto)

Die weiteren Arbeitsbedingungen umfassen (in den meisten Fällen): Renten-, Gesundheits- und Arbeitslosenversicherung; einen Arbeitsplatz in einem Büro, dass man sich oft mit anderen teilt; Zugang zu privaten Gesundheitsservices wie Kurzzeit-Psychotherapie oder Zuschüssen zu Fitnessstudios, Massagen o.Ä. und jährliche Mitarbeiter*innengespräche zwecks Kompetenzentwicklung. Nichtsdestotrotz haben Doktorand*innen eine besondere Stellung, die sowohl die Rolle als Angestellte als auch die Rolle als Studierende umfasst und zwischen denen es zu balancieren lernen gilt. Alle Doktorand*innen haben eine*n Hauptbetreuer*in und eine*n Zweitbetreuer*in. Das schwedische Wort für Betreuer*in ist übrigens „Handledare“ (wörtlich Handleitende) und die Metapher gefällt mir überaus gut.

In der schwedischen Gesellschaft wird jede*r (außer Mitglieder des Königshauses) mit „du“ und Vornamen angeredet. Dies hängt unter anderem mit den sagenumwobenen flachen Hierarchien zusammen, und spielt auch in der Kommunikation eine große Rolle. In unserer Forschungsgruppe habe ich beispielsweise nie das Gefühl, aufgrund von Hierarchien etwas nicht sagen zu dürfen, beziehungsweise besonders vorsichtig formulieren zu müssen. Im Vergleich zu meinen Erfahrungen aus Deutschland ist das eine willkommene Änderung.

Das Arbeitsverhältnis ist auf 4 Jahre angelegt und kann durch Lehre, Aufträge in Arbeitsgruppen oder Bewerbungskomitees und Repräsentation in hochschulpolitischen Organen auf 5 Jahre verlängert werden.

Das Promotionsstudium

240 Leistungspunkte müssen laut Prüfungsordnung innerhalb von vier Jahren für das Fach Pädagogik absolviert werden – 85 in Form von Seminaren und 155 in Form der Dissertation. Zusätzliche Möglichkeiten, Leistungspunkte zu erwerben, sind die Teilnahme an Konferenzen oder die Bewertung anderer Forschungsarbeiten in Peer-Review-Verfahren. Alle Seminare, die ich bisher belegt habe, hatten Prüfungsformen, die mir in meiner Arbeit an der Dissertation geholfen haben.

Die Bibliothek der Fakultät der Bildungswissenschaften an der Göteborger Universität (Foto Navid Mousavi, instagram user handle: navmou, Erlaubnis zur Nutzung eingeholt)

Zwei Beispiele: In einem Seminar, das sich mit Lerntheorien auseinandergesetzt hat, sollten wir ein Paper schreiben, in dem wir uns mit der Frage beschäftigen, wie unterschiedliche Lerntheorien unsere individuelle Forschungsfrage, das Forschungsdesign und die Analyse der generierten Daten beeinflussen würden. In einem anderen Seminar zum Thema Qualitative Methoden der Bildungsforschung wählte die Seminarleitung einen Extended Abstract als Prüfungsform samt Peer-Feedback der anderen Studierenden.

Im Allgemeinen steht das Schreiben direkt zu Beginn auf dem Programm. Ich kann selbstverständlich nicht für alle Promotionsstudierenden sprechen, aber mein Hauptbetreuer und mein Zweitbetreuerin und ich haben früh vereinbart, dass die meisten Meetings – die übrigens, je nach Arbeitsstand, alle 2-4 Wochen stattfinden – einen Text als Diskussionsgrundlage haben sollen. Dadurch habe ich die Angst vorm Schreiben, von der viele meiner Peers berichten, ziemlich schnell abgelegt und betrachte es jetzt als Entwicklungschance und Texte als „work in progress“.

Alle PhD Studierenden haben einen individuellen Studienplan, in dem festgehalten wird, wie und wann die Lernziele des Doktorsexamens erreicht werden sollen. Dies geschieht durch die Teilnahme an Seminaren, Konferenzen, Tagungen, Forschungsgruppen und das Schreiben der Dissertation.

Die Zwischenschritte auf dem Weg

Es kann selbstständig entschieden werden, ob die Dissertation als Monografie oder über mehrere Publikationen kumulativ verfasst werden soll. Bei dieser Entscheidung sollte selbstverständlich das Thema und Forschungsdesign beachtet werden. Ebenso steht es der individuellen Person offen, ob auf Englisch oder Schwedisch geschrieben wird. Englisch ist dabei die bevorzugte Sprache und wird in neun von zehn Dissertationen angewendet. In Absprache mit meinen betreuenden Personen habe ich mir für eine kumulative Dissertation in Form von 3-4 Artikeln und für Englisch als Arbeits- und Publikationssprache entschieden.

Der erste, größere Zwischenschritt auf dem Weg zur Promotion ist das sogenannte Planungsseminar, welches als eine Art Mini-Verteidigung verstanden werden kann. Die Grundlage hierfür stellt ein Text dar, indem das Problem umrissen wird, ein Überblick über den Forschungsstand gegeben wird, die geplanten Methoden und möglichen Ansätze zur Analyse dargelegt, sowie forschungsethische Aspekte diskutiert werden. Dieser Text wird dann von eine*m Diskutant*in (ein*e interne*r oder externe*r Professor*in mit notwendigem Fachwissen) zusammengefasst und anschließend mit der*m PhD Student*in diskutiert. Der Fokus liegt dabei auf den nächsten, konkreten Schritten zur Weiterarbeit. Anschließend haben die Seminarleitung und alle weiteren Teilnehmenden die Chance, Fragen zu stellen oder weitere Anmerkungen zu machen.

Nach etwa der Hälfte der Ausbildungszeit findet das Halbzeit-Seminar statt, das genauso abläuft wie das Planungsseminar. Der Fokus liegt hierbei auf den ersten Ergebnissen der Forschung und wie die Datenanalyse weitergeführt werden kann. Das Schlussseminar, welches bei etwa 90 % der Ausbildungszeit oder 3 Monate vor dem Ende dieser stattfindet, soll zur Überprüfung dienen, ob die Dissertation innerhalb von drei Monaten abgeschlossen werden kann. Die Seminare sind gleichermaßen Prüfungsmomente und Möglichkeiten zur Qualitätssicherung der wissenschaftlichen Arbeit in der Forschungsausbildung.

Die Verteidigung

Die fertige Dissertation – gedruckt und publiziert durch die Universität – wird spätestens drei Wochen vor der Verteidigung „genagelt“. Das bedeutet, dass ein Exemplar im Hauptgebäude der Göteborger Universität an eine Wand genagelt und damit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Dies ist eine alte Tradition, die beibehalten wurde, auch wenn die eigentliche Distribution mittlerweile online stattfindet.

Bei der Verteidigung ist ein*e Opponent*in von einer anderen Universität dafür zuständig, zu überprüfen, ob mit der Dissertation die Lernziele der Forschungsausbildung erreicht wurden und ob die Arbeit den wissenschaftlichen Ansprüchen der research community genügen. Nachdem der*die Opponent*in die Arbeit in 30-45 Minuten zusammengefasst hat, wird die Arbeit im Detail diskutiert. Anschließend haben die weiteren Mitglieder des Bewertungskomitees (die Betreuer*innen sind kein Teil hiervon!) und die Öffentlichkeit die Gelegenheit, Fragen zu stellen. In Schweden kann eine Dissertation im Übrigen nur bestanden oder nicht bestanden werden – weitere Abstufungen in der Bewertung gibt es nicht.

Traditionelle Prinzessinnentorte nach der Verteidigung (eigenes Foto)

Eine Alternative zu diesem Prozedere habe ich an der technischen Hochschule in Göteborg (Chalmers), an der mein Partner im Fach Computer Engineering promoviert, kennenglernt. Als Halbzeit-Seminar haben die Promovierenden ein sogenanntes Licentiate Seminar, welches Feedback zur bisherigen Arbeit liefert und ihnen gleichzeitig den akademischen Titel „Licentiate of Engineering“ verleiht. Die Verteidigung am Ende der Forschungsausbildung wird durch einen allgemeinen Überblick über das Forschungsfeld durch den*die Opponent*in eingeleitet. Anschließend präsentiert der*die Promovend*in die Arbeit. Der Rest der Verteidigung verläuft wie oben beschrieben.

Die Schritte nach der Verteidigung

Wenn nach der erfolgreichen Verteidigung eine akademische Karriere angestrebt wird, sollte – je nach Fach – ein PostDoc an einer anderen Universität durchgeführt werden. Im Gegensatz zum deutschen Berufssystem, ist die Karriereleiter an schwedischen Universitäten nuancierter: Adjunkt*in (benötigt keinen PhD) – Lektor*in – Dozent*in – Professor*in. Die jeweiligen Beförderungen setzen die Teilnahme an Fortbildungsseminaren (wie „Hochschulpädagogik“), gewisse Anzahlen an Publikationen, die Einwerbung von research grants und die Betreuung von PhD Studierenden voraus.

Getreu dem Jantelagen – eine inoffizielle Verhaltensregel (oder -gesetz), die eine gewisse Bescheidenheit und Zurückhaltung, was persönliche Erfolge betrifft, abverlangt – werden Doktortitel gesamtgesellschaftlich eher heruntergespielt. Der Einfluss eines Doktortitels im freien Markt wird von vielen Studierenden eher pessimistisch eingeschätzt und hängt stark vom Fachgebiet ab.

Abschließende Worte

Meine bisherigen Erfahrungen der Forschungsausbildung in Schweden sind durchaus positiv und ich bin froh, diesen Schritt gemacht zu haben. Ich genieße alle Vorteile, die schwedischen Angestellten zu Gute kommen und darf gleichzeitig meine Bildung erweitern und vertiefen. Bald steht meine Datengenerierungsphase an – endlich! – und ich bin gespannt, wie es weitergeht.

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Das Archiv: Unendliche Weiten, lange Wartezeiten

Heute freue wir uns über einen Gastbeitrag von Jana Weiß! Dr. Jana Weiß promovierte 2013 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster im Rahmen des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ mit einer Studie zur Entwicklung der Zivilreligion an US-amerikanischen Feiertagen (Fly the Flag and Give Thanks to God. Zivilreligion an US-amerikanischen patriotischen Feiertagen, 1945-1992. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2015).
Wenn sie nicht gerade im Archiv sitzt, recherchiert sie in Brauereien zu ihrem laufenden Habilitationsprojekt, das sich mit der Geschichte des Lagerbieres in den USA beschäftigt. Mehr über Jana und ihre Arbeit findet ihr hier.

Drei Deadlines und viele „Cafés“ später (danke für Deine Geduld, Ulrike!) sitze ich nun zu Hause (nein, eine Historikerin ist nicht ständig im Archiv) vor dem noch leeren Word-Dokument und ertappe mich dabei, wie die Worte „Das Archiv“ in meinem Kopf den Star Trek-Vorspann inklusive Titelmusik auslösen: „Das Archiv – unendliche Weiten. Wir befinden uns in einer fernen Zukunft. Dies sind die neuen Abenteuer der Geschichtsstudenten…“. Und dabei bin ich gar kein Star Trek-Fan. Aber ich komme vom Thema ab.

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[Interview-Reihe:] Nachgefragt bei … Julia Simoleit (2)

Heute geht es weiter mit Teil 2 unserer Interviewreihe. In Teil 1 haben wir mit Julia Simoleit von der Uni Münster über ihre Rolle als Beraterin von Promovenden und über eine gesunde Perspektive auf die eigene Arbeit als Doktorandin gesprochen. Heute geht es um mögliche Schwierigkeiten und Konfliktsituationen während der Promotion.

Dr. Julia Simoleit ist Koordinatorin der Graduiertenschule und des Habilitandenkollegs im Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaft in Münster und Bordeaux ist Julia das Projekt Promotion (Thema: Europäisierung der Universität) in Teilzeit angegangen, das sie 2013 erfolgreich abgeschlossen hat. In fast zehn Jahren am Exzellenzcluster hat sie über hundert Promovenden beraten. Wir freuen uns sehr, dass sie ihre Einsichten mit uns teilt!

Was kann schiefgehen während einer Promotion? (Wie) kann man das vermeiden?

Es gibt natürlich eine ganze Vielzahl von Problemen, die auftreten können. Häufig gibt es Probleme mit dem Betreuer. Bei Promovenden, die direkt in einem Forschungsprojekt angesiedelt sind, handelt es sich ja oft um eine schon länger bestehende Beziehung zum Betreuer, die noch aus dem Studium herrührt. Da will man natürlich ganz besonders vermeiden, Geschirr zu zerschlagen. Man profitiert ja auch von der Situation, weil der Doktorvater oder die Doktormutter einem Möglichkeiten und Perspektiven zuschiebt, die man gut gebrauchen kann. Wenn man die Person noch nicht so gut kennt, gerade erst gefunden hat oder sogar noch gar niemanden hat – was häufig bei Zweitbetreuern der Fall ist – kann man noch etwas unbelasteter an die Situation herangehen. Da rate ich dann häufig: „Überleg du dir doch einmal, was du eigentlich erwartest von deinem Doktorvater oder deiner Doktormutter“. Ich versuche, die Leute zu ermutigen, über ihre eigenen Bedürfnisse nachzudenken und selbstbewusst in die Situation hineinzugehen. Schließlich schreibt ein Doktorand eine Arbeit, er oder sie liefert ja auch Ergebnisse, darf also auch eine Gegenleistung erwarten vom Betreuer. Gerade am Anfang fehlt diese Perspektive vielen Promovenden. Ich habe häufig das Gefühl, dass die Dissertation für viele ein riesiges Projekt ist, in dem sich viele Doktoranden schnell selbst vergessen – vergessen ihre eigenen Rechte, ihre eigenen Bedürfnisse, fassen ihre Arbeit als eine Art „heilige Mission“ auf, für die sie alle Unwägbarkeiten und Schwierigkeiten in Kauf nehmen müssen. Das ist natürlich Blödsinn! Denn im Grunde genommen ist die Promotion ein Job. Man sollte versuchen, sie nicht zu hoch zu hängen, bei sich selbst zu bleiben und sich zu sagen, „Ich habe mir diese Aufgabe gestellt, ich will das irgendwie schaffen, aber ich darf mich selbst dabei nicht vergessen.“

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[Interview-Reihe:] Nachgefragt bei … Julia Simoleit

Heute starten wir mit einer (losen) Interview-Reihe. Die Idee: Wir fragen  Menschen, die auf irgendeine Art und Weise Promovenden betreuen oder beraten, welche Einsichten, Tipps und Tricks sie uns weitergeben können.

Foto: Martin Zaune

Dr. Julia Simoleit ist Koordinatorin der Graduiertenschule und des Habilitandenkollegs im Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaft in Münster und Bordeaux ist Julia das Projekt Promotion (Thema: Europäisierung der Universität) in Teilzeit angegangen, das sie 2013 erfolgreich abgeschlossen hat. In fast zehn Jahren am Exzellenzcluster hat sie über hundert Promovenden beraten. Wir freuen uns sehr, dass sie ihre Einsichten mit uns teilt!

Welche Fragen werden dir am häufigsten gestellt? (Und wie beantwortest du sie?)

Interessanterweise kommen die Leute am ehesten mit administrativen Fragen. Fragen zur Dissertation, zum Arbeitsablauf, wie es mit dem Betreuer läuft, kommen eigentlich nicht. Ich glaube, es wäre den meisten Leuten unangenehm, direkt mit solchen Fragen aufzuschlagen. Das machen sie nur, wenn schon einiges im Argen liegt – wenn das Betreuungsverhältnis überhaupt nicht läuft und es dem Promovenden langsam klar wird, dass irgendeine Lösung gefunden werden muss. Das Gute ist aber, dass man, wenn man die Promovenden über die administrativen Fragen erst einmal im Büro hat, ja nachfragen kann.

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Forscherin, Dozentin, Promovendin – Wer bin ich eigentlich, und wenn ja, wie viele?

Heute gibt es einen Beitrag von Gastautorin Alessa Hillbrink. Alessa ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Hochschullehre (ZHL) der WWU Münster, wo sie unter anderem zu den Perspektiven von Nachwuchswissenschaftler/innen auf Forschung und Lehre promoviert und Workshops zu den Themen Rollenverständnis und Kommunikation hält.

Alessa Hillbrink lehrt und forscht am Zentrum für Hochschullehre der WWU Münster

Wenn ich gefragt werde, wozu ich denn eigentlich in der Psychologie promoviere, reagiert das Gegenüber auf meine Antwort regelmäßig mit einem Schmunzeln. Ich promoviere über die Doppelrolle von Promovierenden als Forschende und Lehrende  – über mich selbst also, könnte man denken. Da die Psychologie sich aber von der Introspektion als Methode zum Erkenntnisgewinn längst verabschiedet hat, schreibe ich keine Abhandlung über mein eigenes Innenleben, sondern führe Fragebogenstudien und Experimente mit Promovierenden verschiedener deutscher Unis durch. Continue reading “Forscherin, Dozentin, Promovendin – Wer bin ich eigentlich, und wenn ja, wie viele?”

Was man in einer Promotion wirklich lernt – Teil 2

Christine Stedtnitz

Heute geht es weiter mit der Mini-Serie “Was man beim Promovieren wirklich lernt” unserer Gastautorin Christine Stedtnitz. Christine promoviert an der University of Essex in Colchester (UK) und hat für uns ihre gesammelten Weisheiten und Tipps zusammengefasst!

Teil zwei einer zweibloggigen Serie. Letzte Woche: Teil 1, Akademische Weisheiten. Heute: Teil 2, Weitere Weisheiten: persönliche Erkenntnisse und soft skills. Man könnte sie auch Erkenntnisse der Selbstständigkeit taufen, oder Lebenserfahrung, aber als Promovierende in Selbsttherapie führen wir sie selbstverständlich ausschließlich auf unsere Promotion zurück.

Teil 2: Persönliche Weisheiten

Als ich mal ein Jahr in Frankreich studiert habe, habe ich gelernt, dass jedes Essay, genau wie jede Vorlesung, genau drei Punkte haben darf. Man nennt sie: „großes eins“, „große zwei“, und „große drei“, römisch nummeriert. (Selbstverständlich werden die Überschriften in der Vorlesung mitdiktiert. Während deutsche Studierende gegen Ende der Vorlesung die eurozentrische Brille des Dozenten bemängeln, beziehen sich Rückfragen der französischen Kommilitonen auf die großen Nummern: War Punkt X Teil des großen 2 oder Teil des großen 3? Große Frage.) Also: drei große weitere Weisheiten aus dem PhD. (Dass jeder große Punkt gleich lang sein muss und zudem entweder zwei oder drei Unterpunkte haben darf, werden wir im Folgenden ignorieren.)

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Was man in einer Promotion wirklich lernt – Teil 1

Diese Woche gibt es wieder einen Gastbeitrag von Christine Stedtnitz. Christine promoviert in Politikwissenschaft an der University of Essex in Colchester. Ihre Freizeit verbringt sie allerdings lieber in London, wo es den besseren Kaffee gibt. Sie hat für uns zusammengefasst, was man beim Promovieren wirklich lernt. Heute geht es los mit Teil 1: Akademische Weisheiten.

Ein Professor, das weiß jedes Kind, ist ein bärtiger älterer Herr,  der jeden Nachmittag bis in die frühen Abendstunden mit einer kubanischen Zigarre im linken Mundwinkel in einem Sessel vor seinem Kamin sitzt, und seinen Blick abwechselnd in ein dickes, ledergebundenes Buch und, nachdenklich, in das knisternde Feuer wirft. Er schläft jeden Morgen bis 8 Uhr, schlürft jeden Morgen um halb 9 seinen frisch gebrühten Filterkaffee, von dem jeden Morgen mindestens ein paar Tropfen seine FAZ schmücken, spaziert um Punkt 9:55 los zur 10 Uhr-Vorlesung, lässt pünktlich um viertel nach 10 seine Ledertasche auf das Pult plumpsen, betrachtet eingehend und leicht kurzsichtig sein mit Zunahme der Semesterwochenzahl schwindendes Publikum und ergreift nach einem kurzen Augenblick, so er denn Naturwissenschaftler ist, die weiße Kreide oder, so er denn Geisteswissenschaftler ist, die kubanische Zigarre und richtet sich, der Naturwissenschaftler vor der Tafel und der Geisteswissenschaftler auf dem hölzernen Stuhl, den seine Sekretärin nun wirklich doch einmal auswechseln sollte, ein. Und doziert. Ab 10.20 Uhr ist er so in seine Vorlesung vertieft, dass ihn weder das Mitschreiben der fleißigen Kommilitonen noch das beschauliche Schnarchen der letzten Reihen sonderlich beeindruckt; erst der Gong um 11.45 Uhr unterbricht – rüde! – seinen Gedankengang und somit seine Vorlesung. „Auf Wiedersehen“ sagt er bevor er den letzten Satz zu Ende sprechen konnte, erfreut sich der klopfenden Masse, und bewegt sich sogleich in die Mensa, wo er alltäglich um Punkt 12 seine Fachgenossen zum Feierabend trifft. (Denn an das Mensaessen hat er sich bereits vor 40 Jahren gewöhnt.) Nach der Kohlroulade macht er sich auf und spaziert nach Hause (das mit dem Laufen hat ihm sein Arzt verordnet und sein Haus befindet sich selbstverständlich in bester Wohnlage, fußläufig zur innerstädtischen Universität.) Dort legt er sich erst einmal auf einen 45-minütigen Mittagsschlaf je nach Saison in die Hängematte oder das Sofa. Dann, um Punkt 15 Uhr, ergreift er sein Buch, seine Zigarre, und sein abgewetztes Notizbuch und liest und schreibt, bis ihn seine Frau oder seine Haushälterin – rüde! – zum Abendessen beordert.

Was also lernt ein Doktorand oder eine Doktorandin? Einfach. So wie Prinz William sich auf das Königsein vorbereitet, bereitet sich der oder die Promovierende auf das Professorsein vor. Man liest, recherchiert, denkt, schreibt und trinkt ungemein viel Kaffee.

Das mit dem Kaffee sollte sich als wahr herausstellen.

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Wie ist es eigentlich… in einem Graduiertenkolleg zu promovieren?

Der heutige Beitrag stammt von unserer Gastautorin Johanna Spangenberg. Johanna promoviert seit April 2017 am Internationalen Doktorandenkolleg MIMESIS der LMU München und des Elitenetzwerk Bayerns. In ihrer Dissertation untersucht sie das intermediale Weiterdenken der Poetik Stéphane Mallarmés in den Schriften und Kompositionen Pierre Boulez’ und möchte in einem zweiten Schritt herausarbeiten, welche Konsequenzen für die Neue Musik und die Philosophie des 20. Jahrhunderts sich aus dieser ‘Transformation von Denkweisen’ ergeben.

Der traditionelle Weg einer geisteswissenschaftlichen Promotion in Deutschland, bei der der „wissenschaftliche Betreuer zugleich Mentor, Prüfer und Vorgesetzter nach dem Meister-Lehrlings-Verhältnis ist, steht in krassem Gegensatz zu strukturierten und zum Teil standardisierten Ausbildungsmodellen in anderen Ländern“.[1] Dieses Zitat stammt aus einem 2006 erschienenen Tagungsband zum Thema Promovieren in Europa, der einen eindeutigen Schwerpunkt auf die Vorteile legt, die sich das deutsche Promotionswesen von einer Strukturierung im Zuge des Bologna-Prozesses erhoffen könnte. Und tatsächlich fällt zwölf Jahre später auf, dass die Möglichkeit, eine geisteswissenschaftliche Promotion im festen und idealerweise gut finanzierten Rahmen eines Graduiertenkollegs zu absolvieren, auch an deutschen Unis immer weniger Seltenheitswert hat. Als Graduiertenkolleg wird, dem genannten Tagungsband folgend, „eine durch Zusammenschluss einer Anzahl von Hochschullehrern getragene Einrichtung“ verstanden, die das Ziel hat, „Promovierende zu betreuen, ihnen ein Studienprogramm zu geben und sinnvolle Arbeitsbedingungen zu schaffen“.[2] Christine Stedtnitz hat sich im ersten Gastbeitrag für diesen Blog bereits mit den Vor- und Nachteilen einer Kollegs- und Lehrstuhlpromotion auseinander gesetzt.

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Wie ist es eigentlich… in England zu promovieren?

Heute haben wir eine Gastautorin aus England eingeladen: Christine Stedtnitz promoviert in Politikwissenschaften an der University of Essex. In ihrer Dissertation untersucht sie das Wahlverhalten in polarisierten Wahlkämpfen, insbesondere den Umgang mit falschen Fakten und mit Fakten, die die eigene politische Meinung herausfordern.

Hier ihr Erfahrungsbericht über das Promovieren in Brexit-Land!

Keine Lust mehr auf miefende alte verkrustete deutsche Unigebäude? Wie wär’s mit miefenden alten verkrusteten britischen Unigebäuden? Der Gedanke plagte mich vor gut drei Jahren, erst der erste, dann der zweite, und so erwachte ich eines Tages in einer bezaubernden britischen Kleinstadt, römisch, die älteste römische Stadt Großbritanniens (!) die, wie so oft, unter lateinischem Namen bekannter ist als unter Deutschem (Colchester, oder, wie bei Asterix bei den Briten, Camulodunum), mit dem Zug eine Stunde nordöstlich von London, mit dem Fahrrad eine Stunde westlich vom Wasser. Die Uni Essex stand der Uni Konstanz, vor der ich kam, in ihrem brutalistischen Charme der sechziger Jahre in nichts nach und so fühlte ich mich sogleich zuhause. Nach zweieinhalb Jahren also ein kurzer Leitfaden für den potentiellen Großbritannienpromovenden zum Thema Deutschland gegen England. Wir behandeln zwei Themen: England und englische Unis.

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