Was man in einer Promotion wirklich lernt – Teil 1

Diese Woche gibt es wieder einen Gastbeitrag von Christine Stedtnitz. Christine promoviert in Politikwissenschaft an der University of Essex in Colchester. Ihre Freizeit verbringt sie allerdings lieber in London, wo es den besseren Kaffee gibt. Sie hat für uns zusammengefasst, was man beim Promovieren wirklich lernt. Heute geht es los mit Teil 1: Akademische Weisheiten.

Ein Professor, das weiß jedes Kind, ist ein bärtiger älterer Herr,  der jeden Nachmittag bis in die frühen Abendstunden mit einer kubanischen Zigarre im linken Mundwinkel in einem Sessel vor seinem Kamin sitzt, und seinen Blick abwechselnd in ein dickes, ledergebundenes Buch und, nachdenklich, in das knisternde Feuer wirft. Er schläft jeden Morgen bis 8 Uhr, schlürft jeden Morgen um halb 9 seinen frisch gebrühten Filterkaffee, von dem jeden Morgen mindestens ein paar Tropfen seine FAZ schmücken, spaziert um Punkt 9:55 los zur 10 Uhr-Vorlesung, lässt pünktlich um viertel nach 10 seine Ledertasche auf das Pult plumpsen, betrachtet eingehend und leicht kurzsichtig sein mit Zunahme der Semesterwochenzahl schwindendes Publikum und ergreift nach einem kurzen Augenblick, so er denn Naturwissenschaftler ist, die weiße Kreide oder, so er denn Geisteswissenschaftler ist, die kubanische Zigarre und richtet sich, der Naturwissenschaftler vor der Tafel und der Geisteswissenschaftler auf dem hölzernen Stuhl, den seine Sekretärin nun wirklich doch einmal auswechseln sollte, ein. Und doziert. Ab 10.20 Uhr ist er so in seine Vorlesung vertieft, dass ihn weder das Mitschreiben der fleißigen Kommilitonen noch das beschauliche Schnarchen der letzten Reihen sonderlich beeindruckt; erst der Gong um 11.45 Uhr unterbricht – rüde! – seinen Gedankengang und somit seine Vorlesung. „Auf Wiedersehen“ sagt er bevor er den letzten Satz zu Ende sprechen konnte, erfreut sich der klopfenden Masse, und bewegt sich sogleich in die Mensa, wo er alltäglich um Punkt 12 seine Fachgenossen zum Feierabend trifft. (Denn an das Mensaessen hat er sich bereits vor 40 Jahren gewöhnt.) Nach der Kohlroulade macht er sich auf und spaziert nach Hause (das mit dem Laufen hat ihm sein Arzt verordnet und sein Haus befindet sich selbstverständlich in bester Wohnlage, fußläufig zur innerstädtischen Universität.) Dort legt er sich erst einmal auf einen 45-minütigen Mittagsschlaf je nach Saison in die Hängematte oder das Sofa. Dann, um Punkt 15 Uhr, ergreift er sein Buch, seine Zigarre, und sein abgewetztes Notizbuch und liest und schreibt, bis ihn seine Frau oder seine Haushälterin – rüde! – zum Abendessen beordert.

Was also lernt ein Doktorand oder eine Doktorandin? Einfach. So wie Prinz William sich auf das Königsein vorbereitet, bereitet sich der oder die Promovierende auf das Professorsein vor. Man liest, recherchiert, denkt, schreibt und trinkt ungemein viel Kaffee.

Das mit dem Kaffee sollte sich als wahr herausstellen.

Wobei, so ganz naiv war mein Bild des angehenden Professortums nicht. Dank meiner HiWi-Erfahrung war mir bereits klar, dass Doktoranden erstens die besten Seminare halten (motiviert und voll in ihrem Thema) und zweitens den Lehrstuhl schmeißen. Herr Professor braucht einen Raum? Herr Professor will die Hintergrundfarbe seiner Powerpointpräsentation von weiß zu schwarz ändern? Wo der moderne Mensch Google hat, hat der Professor einen Doktoranden. Herr Professor muss Frau Bachelorstudentin eine Referenz schreiben, Frau Sekretärin hat ihn bereits dreimal erinnert und fällig ist die Referenz morgen? Herr Professor will Herrn Freund Professor aus Amerika zu einer Konferenz nach Deutschland laden? Es leben die Doktoranden. (Ebenso lebe die Sekretärin, denn wenn die Doktoranden den Lehrstuhl schmeißen, dann bewahrt die Sekretärin—oder in seltenen Fällen der Sekretär—ihn vor dem Untergang.) Mir war also klar: Doktoranden sind per definitionem Organisationstalente, und wenn nicht, bilden sie sich dahingehend aus. Mir war ebenso klar: Mit Übernahme einer Professur verflüchtigt sich dieses Talent über Nacht.

Nach gut zweieinhalb Jahren Promotion hier mein Fazit. Was man in einer Promotion wirklich lernt. Ich habe mich mal umgehört. Nach Meinung Nr. 1 aus meinem Büro („Nichts, wir verschwenden unsere Zeit.“) habe ich die Umfrage eingestellt und teile stattdessen meine eigene Weisheit. Da die Fülle meiner Weisheit einen Blogpost überschreitet teile ich sie auf in Teil 1: Akademische Weisheiten (heute) und Teil 2: Persönliche Weisheiten (nächste Woche).

Teil 1: Akademische Weisheiten

Fachwissen

Offensichtlich, aber du eignest dir ein Fachwissen in deinem Gebiet an. (Bester Beweis für fortgeschrittene Promovierende: lest euch nochmal das Exposé durch, mit dem ihr euch beworben habt. Alle Nicht-Einsteins kratzen in ihrer Promotion lediglich an der Oberfläche eines Eisberges, aber wir kratzen!

Handwerkszeug

Du erkennst, was dir an Wissen fehlt, recherchierst, wo du dieses Wissen herbekommen könnte, und eignest es dir an. In den quantitativen Sozialwissenschaften sind fehlende Kenntnisse oft methodische oder Programmierkenntnisse. Quellen der Erkenntnis sind Bücher, Sommerschulen oder, in 95% der Fälle, das Internet. Schwer zu empfehlen ist coursera: kostenlose Onlinekurse verschiedener Unis (kostenlos kann man die Kurse hören („audit“), wenn man Tests schreiben und Credits sammeln möchte, zahlt man). Die ‚Python for Everybody’ Kurse der Uni Michigan retten gerade meine Experimente, die ich vor 2 Monaten beschlossen habe in Python zu programmieren, ohne einen blassen Schimmer von Python zu haben.

Schreiben

Je mehr du liest, desto besser schreibst du. Das fällt z.B. auf, wenn du deine ersten Hausarbeiten aus dem Studium noch einmal liest. Du lernst den Slang deiner Disziplin, lernst, in deiner Einleitung eine Geschichte zu erzählen, deine Graphiken für sich selbst sprechen zu lassen und den Schluss so zu gestalten, dass sich der Sinn und Nutzen des Papers auch ohne die allzu umständliche Lektüre ergibt. Du lernst, in Drittmittelanträgen die richtigen Stichworte zu verwenden und deine Fragestellung jedem Deppen schmackhaft zu machen (in der Chemie z.B. ‚Krebsforschung’, keine ‚Grundlagenforschung’!).

Fokussiertes Arbeiten

Nach einer Weile ungebündelter akademischer Neugierde sollte dir auffallen, dass eine Weile vergangen ist. Das ist so ungefähr der Zeitpunkt, zu dem du lernst, fokussiert zu arbeiten. (z.B. also in 30 Minuten einen Forschungsüberblick zu schreiben) Er mag mit einem kurzen Panikanfall einhergehen.

Sauber arbeiten

Du bist fast gezwungen zu lernen, sauber zu arbeiten. Du lernst z.B.

  • Notizen zu organisieren. Ich habe irgendwann mal lange Word-Docs angefangen – ein paar Word-Dokumente für Notizen zu Artikeln zu einem Thema, eins für Feedback, eins für Ideen zu Sachen, die ich irgendwann mal machen will. Andere Leute benutzen Notizbücher oder annotieren Artikel in ihrem Literaturverwaltungsprogramm. All das lernst du in der Regel, indem du unsauber an Projekt 1 arbeitest, dann zu Projekt 2 übergehst und nach ein paar Wochen oder Monaten wieder einmal in Projekt 1 hereinschaust und keine Ahnung hast, was du da gemacht hast.
  • Ein Literaturverwaltungsprogramm zu benutzen. Ich benutze Mendeley, hauptsächlich weil es mit Latex (eine Alternative zu Word) kompatibel ist, weit verbreitet ist auch Endnote, Citavi oder Zotero.
  • Daten zu speichern. Irgendwann mal Daten verloren zu haben ist integraler Bestandteil jedes Studiums. Solltest du das im Studium verpasst haben, kommt es in der Promotion. Nach Tag X habe ich mir folgendes zugelegt:
    • a) eine externe Festplatte, auf der ich regelmäßig Backups erstelle
    • b) ein Dropbox Plus Account. Deutsche Unis haben in der Regel Server, auf denen du deine Daten sicher speichern kannst. Ich bin in Großbritannien, wo das mit dem Datenschutz nicht so ein Ding ist; selbst die Profs hier haben ihr Leben auf Dropbox. When in Rome, do as the Romans, ergo: ich zahle 80 EUR pro Jahr um es ihnen gleichzutun. (Die kostenlosen 2 GB sind ziemlich schnell ziemlich voll.) Wenn also mein Computer das nächste Mal den Geist aufgibt, werde ich auf einen anderen Computer zugreifen und genau da weitermachen, wo ich aufgehört habe.

Präsentieren

Du lernst, vor allem auf Konferenzen, deine Forschung einem Publikum zu präsentieren und souverän mit Fragen und Kritik umzugehen. (Das mit den Fragen und der Kritik kommt auch beim Unterrichten.)

Gut präsentieren lernt man am besten von schlechten Präsentationen. Je genervter du bist von brillanten Akademikern, die auf den besten Konferenzen ihre A* Artikel präsentieren, mit dem Rücken zu ihrem Publikum und dem Blick auf ihre vollkommen überladenen Folien, in Schriftgröße 8, 80% des Textes in schrillem Rot hervorgehoben, weil besonders relevant, übertönt nur durch das auf jeder Folie erscheinenden Logo ihrer Universität, das hier und da den Text zur Seite drängt, wenn du nach der 10-minütigen Einleitung des 15-minütigen Vortrags noch immer auf die Fragestellung wartest, und dich zu weit weg von der Tür gesetzt hast um unauffällig das Lokal verlassen zu können (Dilettantenfehler!), lernst du wie nirgends besser, zu präsentieren.

Feedback geben

Üblicherweise folgt einem Vortrag eine Q&A Session. Auch hier findet sich reichlich Gelegenheit zu lernen, wie man es nicht tut. Minutenlange Fragen, im Rahmen derer die Forschung des Fragestellers skizziert wird, reichlich Namen fallen gelassen werden, und an deren Ende entweder das Fundament des gesamten Forschungsprojekts in Frage gestellt wird, irgendeine Belanglosigkeit kritisiert wird, oder, falls der Fragesteller vergaß, sich eine Frage auszudenken, nach „any thoughts“ gefragt wird, sind zwar nervig, aber bildungstechnisch aufschlussreich. Als unspezifischer Leitfaden eignet sich zum Beispiel: ‚Habe ich eine Frage?’ Wenn ja: ‚Ist mein Kommentar relevant und hilfreich?’ Wenn ja: Man schreibe sich seine Frage auf und stelle sie.

Mit Feedback umgehen

Anfangs war meine intuitive Reaktion auf so ungefähr jeden Kommentar des Typs ‚Interessante Frage. Noch interessanter wäre Frage X’: ‚Oh ja, am besten schmeiße ich mein gesamtes Projekt um’. Nur kommt man so nicht besonders weit. Es entwickelt sich also ganz von alleine ein Feedback-Filter:

  • Ist die Kritik gerechtfertigt?
  • Verbessert der Vorschlag mein Vorhaben?
  • Hat die Person Ahnung, oder zumindest Interesse an dem Thema oder an mir oder hört sie sich vor allem gerne reden?
  • Gibt es Gründe dagegen, den Vorschlag anzunehmen? Geht die Kosten (Proxy: Zeit)-Nutzen-Rechnung auf?
  • Bin ich mindestens genauso begeistert von dem Vorschlag wie von meinem eigenen?

Wenn ja, denk drüber nach (und bitte am besten Andere um Feedback zu deinem Feedback), wenn nein, bedanke dich freundlich und vergiss es.

Nächste Woche geht es weiter mit: Was man sonst so lernt. Soft skills, sozusagen, oder transferrable skills.

Welche Weisheiten nimmst du aus deiner Promotion mit?

One thought on “Was man in einer Promotion wirklich lernt – Teil 1”

Leave a Reply

Your email address will not be published.