[Interview-Reihe:] Nachgefragt bei … Julia Simoleit

Heute starten wir mit einer (losen) Interview-Reihe. Die Idee: Wir fragen  Menschen, die auf irgendeine Art und Weise Promovenden betreuen oder beraten, welche Einsichten, Tipps und Tricks sie uns weitergeben können.

Foto: Martin Zaune

Dr. Julia Simoleit ist Koordinatorin der Graduiertenschule und des Habilitandenkollegs im Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaft in Münster und Bordeaux ist Julia das Projekt Promotion (Thema: Europäisierung der Universität) in Teilzeit angegangen, das sie 2013 erfolgreich abgeschlossen hat. In fast zehn Jahren am Exzellenzcluster hat sie über hundert Promovenden beraten. Wir freuen uns sehr, dass sie ihre Einsichten mit uns teilt!

Welche Fragen werden dir am häufigsten gestellt? (Und wie beantwortest du sie?)

Interessanterweise kommen die Leute am ehesten mit administrativen Fragen. Fragen zur Dissertation, zum Arbeitsablauf, wie es mit dem Betreuer läuft, kommen eigentlich nicht. Ich glaube, es wäre den meisten Leuten unangenehm, direkt mit solchen Fragen aufzuschlagen. Das machen sie nur, wenn schon einiges im Argen liegt – wenn das Betreuungsverhältnis überhaupt nicht läuft und es dem Promovenden langsam klar wird, dass irgendeine Lösung gefunden werden muss. Das Gute ist aber, dass man, wenn man die Promovenden über die administrativen Fragen erst einmal im Büro hat, ja nachfragen kann.

Das mache ich ganz stumpf und auch ziemlich direkt. Ich weiß ja auch, wie blöd es manchmal laufen kann, da braucht man kein Geheimnis draus zu machen. Also fange ich immer mit den „Horrorfragen“ an, die man auf  keinen Fall hören will: „Wie viele Seiten hast Du denn?,“ und so weiter. Und dann kommt meistens schon mehr. Dann höre ich nach, wie sich der Promovend im Arbeitsprozess fühlt, wie gut er oder sie sich im Betreuungsverhältnis aufgehoben fühlt, wie es mit der zeitlichen Perspektive und der Finanzierung läuft. Da kann man dann die Probleme herausfiltern, über die man dann sprechen kann.

Worauf sollte ein angehende/r Doktorand/in deiner Meinung nach achten bei der Wahl seiner Stelle oder seines Stipendiums?

Im Prinzip halte ich es für eine Überforderung, alle Faktoren, die mit dieser Frage einhergehen, schon am Anfang eines Dissertationsprojektes zu überschauen. Das meiste lernt man eigentlich erst im Verlauf der Zeit durch Erfahrungen. Trotzdem finde ich es wichtig zu wissen, was für ein Arbeitstyp man ist: Brauche ich eine regelmäßige Anbindung an einen Lehrstuhl und Kollegen? Brauche ich ein Büro, um mich zu strukturieren und im Kommunikationsprozess zu bleiben? Oder kann ich auch alleine am Schreibtisch arbeiten und schaffe mir meine Kontakte einfach so, knüpfe Kontakte zu Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die in einem ähnlichen Bereich arbeiten und organisiere mir so meine Einladungen zu Konferenzen? Möchte das vielleicht auch gar nicht und mache es in erster Linie für den Titel?

Bei einem Stipendium hat man natürlich mehr Freiheit – kann leben, wo man will, sich seinen Tag gestalten, wie man möchte, man ist gern gesehener Gast in Kolloquien. Professoren freuen sich, weil sie einen als zusätzlichen qualifizierten und durch eine externe Institution ausgewählten und ausgezeichneten Doktoranden betreuen können. Gleichzeitig beansprucht man aber keine Stelle. Das ist eine ganz schöne, frei schwebende Position, aus der man gute Kommunikationssituationen erreichen kann. Man  kommtsozusagen als „Bonbon“ dazu, wenn man auf Professoren zugeht mit Ideen für Workshops oder Seminare. Viele schätzen auch den inhaltlichen Austausch mit den Mitstipendiaten und die weiteren Angebote der Stiftungen.

Meine persönliche Einschätzung ist aber, das es sinnvoller wäre, weniger Stipendien und mehr Stellen zu haben – oder eben weniger Doktoranden insgesamt, sodass jeder, der möchte, auch auf einer Stelle promovieren kann. Denn die Tatsache, dass man einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsvertrag hat, hilft einem dabei, die eigene Arbeit auch als tatsächliche Arbeit wahrzunehmen und nicht als Freizeitvergnügen, für das man ein bisschen Geld bekommt. Dadurch fällt es leichter, sich etwas davon zu distanzieren und nicht nachts weiterzupromovieren. Das ist für die Selbstwahrnehmung und für die eigene berufsbiographische Entwicklung schöner.

Du hast viele Promovenden erfolgreich ihre Diss. verteidigen sehen. Was haben die richtig gemacht?

Ich finde, man sollte versuchen, sich selbst nicht zu vergessen. Man braucht Abstand zu dem Dissertationsprojekt. Irgendwann – um es mal emotional zu formulieren – fängt man an, das Projekt zu „hassen“. Irgendwann will man einfach nur noch fertig werden, das Projekt geht einem tierisch auf die Nerven, man merkt, dass es einem nicht mehr gut tut, das man sich gewissermaßen davon „trennen“ möchte. Nüchterner formuliert tritt man einen Schritt zurück und betrachtet das Projekt nicht mehr als das Riesending, das die Welt und die Wissenschaft revolutionieren soll, sondern macht das, was man kann, und das macht man zu Ende. Dann ist es auch nicht mehr so wichtig, dass es perfekt wird. Das ist ja auch gar nicht möglich. Es gibt nun einmal Probleme, für die ein Promovend nichts kann – wenn sie in der Fragestellung oder im Material liegen oder in der Tatsache, dass menschliches Wissen und Erkenntnis begrenzt ist.

Da ist es wichtig, das Ganze pragmatisch zu sehen, sich Deadlines zu setzen, um sich selbst zu schützen und sich nicht weiter am Projekt aufzureiben, sondern es in den Rahmen zurückzuschieben, den es haben sollte. Das können auch äußere Deadlines sein – zum Beispiel durch ein Stipendium, dessen Finanzierung begrenzt ist. Häufig aber scheuen sich Doktorväter und –mütter vor solchen „Zwangsinstrumenten“. Wenn man diesen Druck dann nicht von außen bekommt, muss man ihn sich selbst aufbauen – da helfen auch biographische Anreize, wie „Bis da und dahin muss ich fertig sein, um endlich mal anständiges Geld zu verdienen, ich will in eine neue Wohnung ziehen, etc.“

Wenn ich dann das Projekt in kleine Schritte unterteile, bin ich auf einem guten Weg. Viele haben dann Angst, dass die Diss. dann schlecht wird, weil sie nicht mehr so brillant oder engagiert arbeiten wie am Anfang der Dissertation. Aber ehrlich gesagt: Unfertig wird die Diss. nie gut sein. Man muss das Ganze am Ende in irgendeine Form bringen, und das macht man, so gut man kann. Und ob es am Ende für magna, summa, oder was auch immer befunden wird, hat man ja sowieso nur teilweise in der Hand. Vielen Leuten ist die Note am Ende vielleicht nicht egal, aber auch nicht mehr so wichtig wie am Anfang. Auch mit einem cum laude kann das Leben gut weitergehen.

Vielen Dank, Julia! Nächste Woche folgt Teil 2 des Interviews.

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