Jobsuche nach der Promotion für Naturwissenschaftler*innen

Schon einen Job gefunden? Photo by Pawel Janiak on Unsplash

Disclaimer: Ich arbeite inzwischen als Senior Customer Success Engineer bei MathWorks. Dieser Text gibt meine eigene Meinung wieder. Falls ihr euch für einen Job im Gebiet Customer Success interessiert, hier ist mein LinkedIn Profil. Schreibt mir einfach mit Bezug auf diesen Blog und ich erzähle euch gerne mehr.

Nachdem die Dissertation abgegeben, die Diputation bestanden und diese Errungenschaften auch gefeiert wurden, steht der Einstieg in einen neuen oder nicht so neuen Job an.

Im Idealfall sollte man sich schon ein bisschen vor der Abgabe der Diss Gedanken über den zukünftigen Karriereweg machen. Aber dafür hat man zwischen Korrekturlesen, letzten unüberlegten Änderungen des Layouts und Vorbereitung der Disputation dann doch meistens keine Zeit. Als kleine Hilfestellung, habe ich hier einige typische Arbeitsfelder und Einstiegsstellen für promovierte Naturwissenschaftler*innen, Informatiker*innen und Mathematiker*innen aufgelistet. Einige dieser Felder sind aber auch für Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen typisch.

Der Klassiker: Ein Postdoc

Die vielleicht offensichtlichste Wahl ist für alle Fächer einen Postdoc an die Promotion anzuschließen, daher gehe ich zuerst mal auf diese Möglichkeit ein. Wenn man eine Universitätskarriere anstrebt, ist das natürlich der richtige Weg. Wenn man keine Universitätskarriere anstrebt, gibt es ein paar Punkte, die man bedenken sollte:

  • Flexibilität (Bin ich bereit und lässt mein Privatleben es zu in ein anderes Land zu ziehen oder viele Überstunden zu machen? Kann ich auf die Sicherheit einer unbefristeten Stelle verzichten?)
  • Verdrängungsverhalten (Mache ich den Postdoc nur, um mich nicht der Frage stellen zu müssen was danach kommt? Falls ja, wie kann ich daraufhin arbeiten nach diesem Postdoc besser informiert zu sein?)
  • Familienplanung (Befristete Arbeitsverträge und Stipendien bieten weniger Sicherheit was Elternzeit und Teilzeit angeht.

Finanziell ist ein Postdoc je nach Fach relativ lohnend. In Deutschland werden Postdocs zu Beginn ihrer Karriere in der Regel nach der Eingruppierungsstufe 13 des Tarifvertrags der Länder (TV-L 13) bezahlt. Die Stufe E13 ist wiederum in fünf Stufen unterteilt, in denen man je nach Arbeitsdauer eingruppiert wird. Wer schon auf E13 promoviert hat, landet vermutlich in Stufe 3, das sind dann ungefähr 57 000 € Brutto im Jahr. Im europäischen Ausland und bei Stipendien kann die Bezahlung anders sein, in der Regel ist sie etwas niedriger. Das Median-Gehalt in Europa liegt bei 32 000 € und in den USA bei 42 000 € (Zahlen für Europa von 2017, für USA aus 2016, siehe hier und hier).

Neben dem Postdoc gibt es aber auch viele weitere Möglichkeiten in der Industrie oder dem öffentlichen Dienst zu arbeiten. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit sich selbstständig zu machen oder ein Unternehmen zu gründen – in diesen Bereichen kenne ich mich aber gar nicht aus, daher lasse ich sie weg.

Ein bisschen Ordnung im Job-Dschungel

Was ich zu Beginn meiner Jobsuche schwierig fand war zu verstehen, in welchen Bereichen ich überhaupt arbeiten könnte oder möchte. Sehr hilfreich fand ich dazu ein Webinar von Cheeky Scientist. Cheeky Scientist ist eine Firma, die ihr Geld damit verdient Doktoranden zu Jobs außerhalb der Uni zu verhelfen. Ich habe mich für keines der Programme angemeldet, daher kann ich dazu nicht viel sagen. Es gibt auch einige interessante Webinare. Gut fand ich jedenfalls die Aufteilung von möglichen Karrierewegen nach den Aufgaben, die einem schon während des PhDs Spaß gemacht haben.

Was hat dir während deines PhDs gefallen?

  • Forschungsprojekte entwickeln, planen und durchführen
  • Datenanalyse und Darstellung der Daten
  • Recherchieren, lesen
  • Neues lernen
  • Schreiben
  • Im Team und in Kollaborationen arbeiten
  • Freiheit darüber wie du deine Zeit einteilst und wie du arbeitest
  • Deine Forschung präsentieren.

Die fünf Karrierefelder von Cheeky Scientist sind:

  • Information, Aggregation and Patents
  • Sales and Marketing
  • Forschung und Entwicklung
  • Clinical and Medical Affairs
  • Business, Finance and Policy.

Im Folgenden habe ich die fünf Karrierefelder etwas genauer beschrieben und jeweils ein oder zwei Jobbeispiele rausgesucht. Hier findet ihr ein kurzes YouTube Video, in dem die Bereiche vorgestellt werden.

Information, Aggregation and Patents

Was du mögen solltest: Informationen/ Daten sammeln, aufbereiten, kommunizieren und schützen, schreiben und lesen

Dieses Feld teilt sich in drei Unterkategorien:

  1. Patente
  2. Schreiben und Editing
  3. Information & Data Management

Data Scientist

Der Job als Data Scientist wird nach wie vor gehypt und es werden unzählige Stellen für Data Scientists (oder auch XYZ Analyst) ausgeschrieben. Wenn du es liebst Daten zu analysieren, darzustellen und zu präsentieren, dann ist diese Position vielleicht genau richtig für dich.

Wie du dich für diese Position vorbereiten kannst: Programmierkenntnisse auffrischen oder aneignen, insbesondere Python und R sind beliebt.

Patentanwalt

Die Ausbildung zum Patentanwalt ist streng geregelt. Nach der Promotion begibst du dich in eine dreijährige berufsbegleitende Ausbildung in der du die juristische Feinheiten lernst (hier findest du die Infos vom Deutschen Patent- und Markenamt, kurz DPMA). Voraussetzung für die Ausbildung ist ein naturwissenschaftliches oder technisches Studium und mindestens ein Jahr Berufserfahrung in einem technischen Bereich, es ist aber nicht unüblich die Berufserfahrung durch eine Promotion abzudecken. Wenn du dir vorstellen kannst juristisch zu arbeiten und auch gerne liest und schreibst, ist der Patentanwalt vielleicht das richtige für dich.

Wie du dich für diese Position vorbereiten kannst: Da die Ausbildung streng geregelt ist gibt es auch Bewerbungsfristen, die man einhalten muss. Erkundige dich. Außerdem kannst du dich erst bewerben, wenn du einen Patenanwalt gefunden hast, der dich ausbildet.

Weitere Jobs in diesem Bereich:

  • Medical Writer / Technical Writing
  • Versicherungsmathematiker*in
  • Wissenschaftsjournalist*in

Sales und Marketing

Was du mögen solltest: Produktinformationen kommunizieren, Beziehungen aufbauen, Kundenkontakt, im Team Arbeiten

Application Scientist/ Application Engineer

Diese Position ist wohl eine der beliebtesten Stellen für Dokotranden, die eine experimentelle Arbeit verfassen. Als Application Scientist unterstützt man Nutzer eines Produktes (z.B. eines MRT Geräts, eines Mikroskops oder auch einer Software) bei dessen Nutzung. Application Scientists haben viel Kundenkontakt und befinden sich eher in einer Marketingrolle als in einer Forschungsrolle. Kontakt zur Forschung und Entwicklung gibt es normalerweise trotzdem reichlich, damit Feedback der Kunden auch in der Entwicklung einbezogen werden kann. Oft ist Reisebereitschaft nötig.

Wie du dich für diese Position vorbereiten kannst: Auf Konferenzen kann man die Industrieausstellung gut nutzen, um sich bei den Unternehmen, deren Produkte du auch nutzt nach Möglichkeiten zu erkundigen und ein bisschen Networking zu betreiben.

Customer Success

Diese Stellen heißen zum Beispiel Customer Success Manager, manchmal aber auch nur „Application engineer for Industry XY“. Customer Success ist ein relativ neuer Arbeitsbereich in der Software Branche. Heute wird Software immer häufiger verliehen anstatt verkauft. So wie du vermutlich Microsoft Office 365 auf deinem PC hast, das du für ein Jahr bekommst und nicht eine bestimmte Version von Office, die du ewig behältst. Dieses System nennt sich auch Software as a Service. Wenn man seine Software in so einem Abosystem anbietet, ist es natürlich wichtig, dass die Kunden ihr Abo auch immer wieder verlängern. Hier kommen die Customer Success Manager ins Spiel. Ihre Aufgabe ist es nicht Software zu verkaufen, sondern die Kunden in der Nutzung der Software zu unterstützen und den Kunden zu helfen ihre Ziele zu erreichen. Wie der Name schon suggeriert arbeitet man eng mit Kunden zusammen. Je nach Unternehmen braucht man mehr oder weniger tiefes Produktwissen. Ich belege im Einarbeitungsprozess zum Beispiel auch sehr technische Kurse, um zu lernen was man mit unseren Softwareprodukten alles machen kann.

Wie du dich für diese Position vorbereiten kannst: Ähnlich wie für die Position als Application Engineer.

Weitere Jobs in diesem Bereich:

  • Technical Sales

Forschung und Entwicklung

Was du mögen solltest: Forschungsprojekte planen und durchführen, Konzepte/ Produkte/ Behandlungen/ Systeme entwickeln, im Team Arbeiten

Scientist/ Researcher

Natürlich gibt es auch in der Industrie ganz klassische Wissenschaftler*innen. Oft sind F&E Abteilungen ähnlich wie Fachbereiche an Universitäten in Arbeitsgruppen aufgeteilt.

Wie du dich für diese Position vorbereiten kannst: Für Stellen als Scientist/ Researcher laufen die Bewerbungsprozesse oft etwas anders ab als für z.B. Sales und Marketing stellen. Du wirst mit großer Sicherheit aufgefordert werden, deine Dissertation ausführlich zu präsentieren. Außerdem sind Arbeitgeber hier an deinen konkreten Research skills interessiert also z.B. mit welchen Geräten oder Softwarepaketen du umgehen kannst oder welche Techniken (z.B. einen Western Blot anfertigen oder eine PCR durchführen) du beherrschst.

Weitere Jobs in diesem Bereich:

  • Quality Assurance
  • User Experience Researcher
  • Projektmanagement F&E

Clinical and Medical Affairs (Klinische Auftragsforschung, Pharmaforschung, klinische Studien)

Was du mögen solltest: Mit medizinischem Personal zusammenarbeiten, Regulation und Entwicklung medizinischer Produkte unterstützen

Clinical Research Associate/ Klinischer Monitor

Als klinischer Monitor überwachst und managst du klinische Studien. Du besuchts die Krankenhäuser und Praxen in denen die Studien durchgeführt werden und kommunizierst mit dem Arzneimittelhersteller (oder Medizinprodukthersteller). In dieser Position brauchst du Projektmanagement-Fähigkeiten, Kommunikation, Reisebereitschaft und eine gewissen Stressresistenz.

Wie du dich auf diese Position vorbereiten kannst: Die Berufsbezeichung „klinischer Monitor“ ist in Deutschland nicht geschützt. Dennoch gibt es eine ganze Reihe von Weiterbildungen in dem Bereich. Das Arbeitsamt Münster z.B. bezahlt die auch häufig für promovierte Naturwissenschaftler.

Weitere Jobs in diesem Bereich:

  • Clinical Trial manager
  • Medical Science Liaison
  • Regulatory Affairs Manager

Business, Finance and Policy

Was du mögen solltest: klassische Businessprobleme lösen, mit Zahlen arbeiten, Wissenschafts- und Businessstrategien entwickeln

Unternehmensberatung/ Management Consultant

Unternehmensberatungen beraten in den Bereichen Unternehmensorganisation, Leadership, Fragen der Logistik und des Supply Chain Managements, Marketing oder auch Öffentlichkeitsarbeit. Bekannt sind for allem die Big Three: McKinsey & Company, Boston Consulting Group und Bain & Company. Wer bei diesen Firmen einsteigen möchte, muss einen sehr beeindruckenden Lebenslauf mitbringen und sich extrem gut auf das Vorstellungsgespräch vorbereiten.

Daneben gibt es aber auch eine Reihe weiterer, kleinerer Unterbehmensberatungen. Auch interessant sein können Beratungsfirmen mit Technologiebezug, die zum Beispiel in den Bereichen Data Analytics, Big Data oder auch IT Sicherheit beraten. Als Consultant muss man sich auf einen gewissen Lebensstil einlassen (zumindest war das vor Corona so): man ist vier Tage in der Woche beim Kunden und im Hotel und nur am Freitag am Heimatstandort.

Wie du dich auf diese Position vorbereiten kannst: Viele Unternehmenberatungen haben regelmäßig Events oder Workshops für PhDs, um sich auf die Bewerbung vorzubereiten, danach sollte man sich frühzeitig erkundigen. Der Bewerbungsprozess ist sehr umfassend und enthält immer eine Case Study. Auf diese muss man sich (so wie ich das verstehe, ich habe nie selbst daran teilgenommen) sehr gut vorbereiten. Eine Case Study ist eine Aufgabe wie „Eine Airline ist mit steigenden Kerosinkosten konfrontiert. Wie kann sie trotzdem erfolgreich sein?“. Ihr müsst diese im Gespräch mit einem Interviewer lösen. Es gibt YouTube Videos, Artikel und Bücher zu dem Thema. In diesem Blogbeitrag könnt ihr den Bewerbungsprozess bei den Big Three einer Doktorandin nachlesen.

Weitere Jobs in diesem Bereich:

  • Wissenschaftsmanagement (vor allem öffentlicher Dienst, aber auch Stiftungen)
  • Risikoanalyse für Banken/ Fondsgesellschaften
  • Business Analyst
  • Quantitative Analyst

Ich hoffe diese Übersicht ist eine kleine Hilfestellung, um eure Diss-Abschlussphase leichter zu machen. Wichtig bei der ganzen Jobsuche: Der erste Job kann, muss aber nicht der Traumjob sein. Ich fand es hilfreich nach „gut genug“ zu suchen. Wirklich einschätzen kann man den Job sowieso erst, wenn man eine Weile drinsteckt.


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