Warum all deine Kollegen Elsevier hassen und wie du endlich mitreden kannst

Wer soll das bezahlen?

Elsevier ist ein Verlag für wissenschaftliche Zeitschriften und Fachbücher mit Sitz in Amsterdam. Elsevier wird daher auch nicht französisch ausgesprochen, sondern etwa so wie „elsewir“ mit Betonung auf der ersten Silbe. Insbesondere Wissenschaftlern aus naturwissenschaftlichen und medizinischen Bereichen ist Elsevier außerdem als alles-das-was-mit-der-Wissenschaft-nicht-stimmt und das-Böse-in-Verlagsform bekannt. Der Verlag veröffentlicht Forschungsergebnisse, die mit Steuergeldern bezahlt wurden, lässt diese Ergebnisse von Wissenschaftlern beurteilen, die zumeist mit öffentlichen Geldern bezahlt werden (peer-review) und nimmt dann horrende Summen von den Universitätsbibliotheken, um diese Ergebnisse zur Verfügung zur stellen. Dabei macht Elsevier Gewinne von deutlich über 30 % (siehe z.B.: hier, hier und hier).

Diese Margen können mit denen von Apple und Alphabet konkurrieren. Normale Magazine haben Gewinnmargen von 10-15 %, da sie in der Regel ihre Autoren bezahlen.

Hat Elsevier auch etwas Gutes?

Natürlich ist das Ganze nicht völlig schwarz-weiß. Anträge für Forschungsgelder beinhalten häufig kein Geld für Publikationen. Wenn die Arbeit dann publiziert werden soll, gibt es zwei Modelle. Bisher ist das Gängigere, dass Autoren kostenfrei veröffentlichen können, und dafür der Zugriff für die Bibliotheken (oder auch Privatleute) Geld kostet. Bei open access Veröffentlichungen hingegen zahlt der Autor für die Veröffentlichung und jedermann kann auf den Artikel zugreifen. Die Kosten für die Publikation werden zwischen 1500 und 3000 € beziffert. Das sind Kosten für professionelles Layout, Überprüfung auf Plagiate und Bereitstellung der Server und des Internetauftritts. Häufig werden auch die Editoren der Journale bezahlt. Einige Zeitschriften werden tatsächlich auch noch gedruckt. Da viele Universitäten kein Budget für open access Veröffentlichungen haben, müssen sie dann den Zugriff wieder einkaufen.

Dieser Artikel auf scholarlykitchen argumentiert, dass Elsevier eigentlich gut ist für die Bibliotheken. Elsevier verlegt etwa 2500 Zeitschriften, würden diese alle einzelnen verlegt werden, müssten die Bibliotheken wesentlich mehr Personal aufbringen, um diese Journale zu bewerten und einzelne Verträge auszuarbeiten. Im Artikel heißt es “This is the basic trade-off: libraries have won administrative efficiencies in exchange for the negotiating leverage of the largest publishers. It sounds crazy, but it’s a win-win situation.”

Und was hat das mit mir zu tun?

Auch Doktoranden, die sich nicht besonders für Wissenschaftspolitik interessieren ist Elsevier spätesten seit Juli 2018 ein Dorn im Auge. Der Verlag hat für über 200 Universitäten in Deutschland den Zugriff auf neue Paper (seit 2017) gesperrt. Diese Sperrung ist Elseviers Reaktionen auf die stockenden Verhandlungen mit dem DEAL Konsortium, die Erklärung vom Verlag kann man hier nachlesen.

Das DEAL Konsortium repräsentiert fast 700 akademischen Einrichtungen in Deutschland und verhandelt mit den drei größten Wissenschaftsverlage Elsevier, Wiley und Springer Nature neue Verträge für die Bereitstellung der wissenschaftlichen Zeitschriften. Ziel von DEAL ist es dabei, das publizieren als open access zum Standard zu machen.

DEAL und die Verhandlungen

Am 15. Januar 2019 wurde der erste Vertrag mit Wiley unterzeichnet. Der gilt für drei Jahre und ist ein sogenanntes publish and read Modell. Wissenschaftler zahlen 2750 € um ihre Artikel veröffentlichen zu dürfen, dafür ist der Zugriff für alle Vertragspartner frei. Die Autoren können open access veröffentlichen, sodass der Zugang für jedermann (auch ohne Unikennung) frei ist, müssen es aber nicht. Dabei sind die Zeitschriften rückwirkend bis 1987 frei geschaltet. Der volle Vertragstext soll ab ungefähr März verfügbar sein. Solange gibt es hier eine gute Zusammenfassung.

Die Onlinepräsenz von DEAL hält euch natürlich auch auf dem Laufenden. Auch mit Springer Nature gehen die Verhandlungen gut voran und Mitte 2019 soll ein Vertrag unterzeichnet werden.

Elsevier stellt sich jedoch als der schwierige Verlag heraus. Die Verhandlungen zwischen DEAL und Elsevier begannen 2016, ruhen jedoch seit Sommer letzten Jahres. Trotzdem zeigen sich sowohl DEAL als auch Elsevier in ihren offiziellen Statements weiter verhandlungsbereit.

Immer mal wieder wird auch zum Boykott gegen den Verlag aufgerufen. So sind schon einige Herausgebergruppen von Elsevier-Zeitschriften zurückgetreten, um eigene Journale zu gründen (z.B. Lingua oder Informetrics).  Auch im internationalen Raum gibt es Bemühungen günstigerer Verträge mit Elsevier auszuhandeln – nötigenfalls mit einigem Druck. In Schweden ist das Bibsam-Konsortium im Sommer letzten Jahres mit den Verhandlungen gescheitert und bezieht seitdem keine Zeitschriften mehr von Elsevier. Mit dem eingesparten Geld werden open access Publikationen unterstützt.

Obwohl die deutschen Unibibliotheken DEAL unterstützen gibt es auch vereinzelt Kritik daran. Das Börsenblatt schreibt zum Beispiel, dass solche Verträge mit den großen Verlagshäusern Elsevier, Wiley und Springer Nature kleineren deutschen Wissenschaftsverlagen den Zugang zum Markt unmöglich machen würde. Natürlich ist auch jetzt das Leben für kleinere Verlage schwer, da auch so die Kapazitäten der Bibliotheken im Wesentlichen auf die großen Verlage konzentriert sind. Treffen mit kleineren Verlagen sind aufwendig und teuer.

Zuletzt noch ein paar praktische Tipps. Artikel, die nicht mehr zugänglich sind, kann man häufig auf Researchgate bekommen. Elsevier strengt daher auch zwei Klagen (eine in Deutschland, eine in den USA) gegen Researchgate an (hier). Eine weitere Möglichkeit ist, die Autoren direkt anzuschreiben und um das Paper zu bitten. Gerade bei älteren Veröffentlichungen funktioniert das aber oft nicht so gut. Zuletzt kann man noch versuchen Kollegen an anderen Universitäten (vorzugsweise in Ländern wie den USA, Korea, Japan oder Australien) aufzutun, die weiterhin Zugriff auf Elsevier haben.

 

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