Wie veröffentliche ich meine Dissertation in den USA?

Ich habe zu einem Thema in der amerikanischen Geschichte promoviert, das bei den meisten Deutschen eher Kopfkratzen auslöst (Amerikaner finden es hingegen meistens sehr interessant). Schon relativ zu Beginn meiner Promotion war mir daher klar, dass ich versuchen wollte, das Buch auf dem amerikanischen Markt zu veröffentlichen. Mein innerer Nerd fand die Aussicht, eines Tages ein “richtiges” Buch mit meinem Namen drauf im Schrank stehen zu haben, extrem motivierend (deutsche wissenschaftliche Bücher sehen meiner subjektiven Meinung nach häufig todlangweilig aus und zählen daher nicht als “richtige” Bücher).

Abgesehen von dem persönlichen Triumphmoment gab es aber auch handfeste Gründe, die dafür sprachen, das Buch in den USA zu veröffentlichen: a) Wenn es je jemand lesen sollte, dann würde das bestimmt nicht in Deutschland passieren und b) es kostet nichts – im großen Gegensatz zu deutschen Verlagen verlangen US-Verlage keine Beteiligung an den Druckkosten.

Amerikanische wissenschaftliche Verlage unterscheiden sich aber auch in anderer Hinsicht von deutschen: Während deutsche Verlage teilweise davon leben, Dissertationen zu publizieren, sind Doktorarbeiten bei US-Verlagen eher ungern gesehen. Auf keinen Fall darf dein Buch aussehen wie eine Doktorarbeit (komplexes Inhaltsverzeichnis, Theorieteil, etc.). Im Gegensatz zu deutschen Verlagen reichst du auch nicht das ganze Manuskript ein, wenn du den Verlag kontaktierst, sondern ein Exposé (Book Proposal). Verlage mögen es nicht, wenn du dein Exposé gleichzeitig auch noch bei Konkurrenten einreichst – das ist zwar zulässig, wird aber äußerst ungern gesehen und muss auch transparent gemacht werden. Und schließlich: In den USA gehen auch wissenschaftliche Bücher vor der Veröffentlichung ins peer review-Verfahren. 

Aber wie geht das eigentlich? Wie veröffentlichst du dein Buch in den USA? Um es vorweg zu sagen: Die Dissertation in den USA zu publizieren ist wesentlich aufwendiger, als sie in Deutschland zu publizieren. Du brauchst viel Zeit, gute Nerven und vor allem ein unausschöpfliches Reservoir an Motivation. Hier will ich einige Anregungen weitergeben, die ich auf dem Weg gesammelt habe – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber mit Verweisen auf die Ressourcen, die mir sehr haben.

Während der Dissertationsphase: Recherchieren

Ich habe schon während des Schreibprozesses mir Gedanken darüber gemacht, welche Verlage in Frage kommen könnten. Ein Blick in dein Bücherregal (oder dein Literaturverzeichnis) genügt, um dir zu sagen, welche Verlage aktuell in deinem spezifischen Thema am besten aufgestellt sind. Vermutlich weißt du das ohnehin. Auf den Websites der Verlage findest du Informationen darüber, was die Verlage von ihren Autoren sehen wollen, bevor sie entscheiden, ob sie das Manuskript anfordern. Wenn du mal ganz unmotiviert bist, lege dir doch einfach ein Word-Dokument an, in dem die Namen der Verlage und der Lektorinnen und Lektoren sammelst und wo du dir notierst, was bei diesen Verlagen zum “prospectus” oder “submission package” gehört.

Um die richtigen Ansprechpartnern unter den Lektoren zu finden, kannst du dich entweder durch die Websites klicken oder in den Danksagungen der Bücher, die du viel zitiert hast, schauen. Dort werden in der Regel die Lektoren genannt, die die Bücher betreut haben.

Nach Abgabe: Pausieren und Lesen

Jetzt heißt es: Eine Pause machen. Ich habe nach Abgabe der Diss einige Monate Zeit gehabt bis zur Verteidigung und habe zwei, drei Monate lang erst einmal die Diss nicht mehr angerührt. Der Kopf braucht eine Pause. Ich habe aber angefangen, Blogbeiträge und Bücher zu lesendarüber, wie man seine Dissertation für die Publikation in den USA überarbeitet. Eine Linksammlung findet ihr unten. Besonders hilfreich fand ich folgende Bücher:

Rabiner, Susan und Alfred Fortunato, Thinking Like Your Editor. How to Write Great Serious Nonfiction — and Get it Published. New York/London: Norton, 2002.

Germano, William, From Dissertation to Book, Second Edition. Chicago: The University of  Chicago Press, 2013.

Germanos Buch ist der Klassiker zu dem Thema. Als Hintergrund fand ich aber Rabiner und Fortunato für jemand komplett Ahnungslosen noch hilfreicher. Germano empfiehlt übrigens, noch viel länger Pause zu machen (also einige Jahre), was ich aber für unrealistisch halte.

Sword, Helen, Stylish Academic Writing. Cambridge: Harvard University Press, 2012.

Dieses Buch habe ich schon öfter (hier, hier und hier) zitiert und fand es extrem hilfreich, um meinen Text zu überarbeiten.

Das Book Proposal

Wenn du nun dir einen einigermaßen klaren Kopf verschafft hast und beim Lesen anderer Bücher nicht mehr jeden Kommafehler bemerkst, bist du bereit, mit der wahren Arbeit anzufangen. US-Verlage wollen in der Regel immerein book proposal sehen, bevor sie entscheiden, ob sie dein Manuskript lesen wollen oder nicht. 

Aber noch bevor du mit deinem book proposal beginnst, solltest du dir einige grundsätzliche Gedanken machen. William Germano sagt: “Revision becomes rethinking, which becomes rewriting.” (Germano, S. 12). Der erste Schritt ist also, deine Dissertation neu zu denken. Deine Dissertation ist gewissermaßen das Rohmaterial, aus dem du jetzt das Buch schaffst. Dazu ist es hilfreich, sich einige Fragen zu stellen – und diese Fragen bilden wiederum die Grundlage für dein Proposal (die Fragen sind Rabiner und Fortunatos Thinking Like Your Editor entnommen, siehe S. 67-95.)

  • Worum geht es in dem Buch?

Was hat dich an dem Thema begeistert? Begeistere deine Leserschaft!

  • Was ist die These des Buchs?

Was ist neu an deinem Buch? Welchen Platz nimmt es in der Forschungsdebatte ein und welchen Beitrag leistet es genau dazu? Wie (d.h., mit welchen Methoden/Daten/Quellenmaterial) unterstützt du deine These?

Die Antworten auf diese Fragen haben sich für mich einerseits im Gespräch mit geduldigen Freundinnen ergeben. Ich habe mich aber auch mit einem leeren Stift und Papier hingesetzt und Gedanken gesammelt und geordnet. Um noch einmal William Germano zu zitieren: “Revision offers a kind of freedom. Try to have some fun with it.” (S. 9). Du hast die Freiheit, neue Akzente in deiner Dissertation zu setzen, Ballast abzuwerfen und die Fragen in den Vordergrund zu stellen, die dich wirklich interessieren (und nicht die Vorgaben deiner Gutachter/innen). Wenn du die Frage nach der These deines Buches und dem Forschungsbeitrag in zwei bis drei Sätzen beantworten kannst, bist du bereit, dich an dein Exposé zu setzen.

Dazu wollen Lektoren noch weitere Dinge von dir wissen:

  • Warum bist du der oder die Richtige, um dieses Buch zu schreiben?

Hier bringst du Forschung und Lehre unter, die du zu dem Thema betrieben hast, ebenso wie vergangene Publikationen. Die Lektoren wollen wissen, dass du vernetzt bist und dein Thema schon besetzt hast in der wissenschaftlichen Debatte. (Was bei mir nur begrenzt der Fall war.) Hier bringst du Sätze unter wie “I spent two years doing archival research in five different countries …”.

  • Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um das Buch zu veröffentlichen?

Hier denkst du an den gesamtgesellschaftlichen Bogen, den du mit deinem Thema ziehst. Versuche, es mit aktuellen politischen oder gesellschaftlichen Fragen zu verbinden (ohne den Zusammenhang zu sehr zu konstruieren). Das ist nicht einfach, aber nicht unmöglich.

  • Wer ist dein Publikum?

Diese Frage ist zentral im Exposé. “Audience, Audience, Audience” nennen Rabiner und Fortunato das Mantra der Lektoren (ähnlich wie “Location, Location, Location”bei Immobilienmaklern). Hier kommt auch ein weiterer großer Unterschied zwischen deutschen und US-Verlagen ins Spiel: US-Verlage müssen mit deinem Buch Geld verdienen. (Deutsche Verlage holen sich das Geld bei den Autorinnen und Autoren). Deshalb wollen sie sicherstellen, dass sich das Buch verkaufen wird. Idealerweise kannst du dein Buch so präsentieren, dass amerikanische College-Professoren das Buch in ihren Kursen zur Pflichtlektüre machen (die armen amerikanischen Studenten müssen ihre Bücher ja alle kaufen, das ist ein großer Absatzmarkt). Wenn es nicht auf College-Niveau in Kursen benutzt wird, dann vielleicht ja für Promotionsprogramme. Und natürlich sollten sich auch allgemein interessierte Leserinnen und Leser für das Buch interessieren (ich habe mir immer einen New York Times-Leser als potentiellen Leser für mein Buch vorgestellt). Du musst also glaubhaft begründen, warum sich also noch mehr Menschen als nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für dein Buch interessieren sollten.

Der Aufbau des Book Proposals

Ich hatte das große Glück, dass mehrere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nett genug waren, mir ihre Book Proposals zu schicken. So konnte ich mir eine Vorstellung von der Struktur machen, die Verlage erwarten. Mein Propsal sah folgendermaßen aus:

Summary

  • eine halbe bis dreiviertel Seite (einfacher Zeilenabstand), die das Thema, die übergeordnete Fragestellung, meine These sowie den Beitrag zur Forschung umreißt.

Introduction

  • 1.5 Seiten, die das Thema mit einer interessanten Anekdote eröffnen und den Bezug zu aktuellen politischen Diskursen herstellt (das war bei mir zum Glück einfach).
  • eine kurze Zusammenfassung des Inhalts, hinführend auf die Fragestellung und These (die ich hier noch nicht erwähne, aber ich bereite die Leser darauf vor).

Questions & Arguments

  • Das könnte in zwei separaten Abschnitten geschehen, übersichtlicher finde ich es aber zusammen. Insgesamt habe ich hier auch 1.5 Seiten.
  • Die Fragestellung steht ganz am Anfang.
  • Meine Hauptfragen habe ich, zwecks Lesbarkeit, in Punkten aufgeführt (ähnlich wie hier).
  • Jetzt führe ich meine Thesen auf. Teile davon habe ich aus dem Schlussteil meiner Dissertation abgewandelt.

Significance

  • 1 Seite. Hier etabliere ich, was das Buch einzigartig macht (“This book for the first time tells the story of…”), was es von anderen Büchern auf dem Markt unterscheidet, auf die es aufbaut und wo es an die aktuelle Debatte in der Forschung anschließt. 
  • Hier habe ich teilweise Elemente aus der Diss gezogen, die die Relevanz der Arbeit aufgezeigt haben.

Book Overview

  • 1.5 Seiten. Das ist eine Art annotiertes Inhaltsverzeichnis. Jedes Kapitel wird mit Titel genannt, der Inhalt jedes Kapitels kurz erläutert (1-2 Sätze) und die Quellen, auf die das Kapitel aufbaut, aufgeführt.
  • Hier habe ich versucht zu zeigen, wie die Kapitel logisch aufeinander aufbauen und eins zum nächsten führt.

Audience

  • ¾ Seite. Einer der wichtigsten Teile des Exposés. Hier bringe ich Sätze unter wie “I expect this book to find multiple audiences…” 
  • Ich habe recherchiert, ob vergleichbare Bücher in College-Kursen genutzt wurden und das genannt (“Similar to Henry Ford’s book on the history of the car in the twentieth century, which is required reading for engineering classes across the United States, this book has the potential to bla bla bla”).
  • Hier habe ich auch erklärt, dass das Buch auf einer Dissertation aufbaut und wo diese entstanden ist (und Mentoren in den USA gelistet), meine Archivrecherche genannt und andere Daten, auf denen das Buch aufbaut, und betont, dass das Buch “differs in substantial ways from the dissertation.”

Insgesamt hatte mein Proposal also etwa 7 Seiten. Wem es helfen würde, eins zu sehen, kann sich gerne per Mail (siehe Über Uns) melden.

Weitere Unterlagen: Das Submission Package

Zu dem „Submission Package“ gehören in der Regel außerdem:

  • ein separates Anschreiben (Cover letter), indem du dich und dein Buch kurz vorstellst. Hierzu empfiehlt es sich, den Briefkopf deiner Institution zu verwenden, wenn du dazu noch Zugang hast. Hier sagst du auch, wann du erwartest, dein Manuskript vorlegen zu können.
  • ein Lebenslauf inklusive Publikationsliste
  • ggf. ein separates Inhaltsverzeichnis
  • ggf. ein Probekapitel (sample chapter)

Die nächsten Schritte: Warten und Arbeiten

Wenn du dein Exposé zusammen mit den anderen Unterlagen beim Verlag deiner Wahl eingereicht hast, heißt es zunächst: Warten. Lektorinnen und Lektoren sind chronisch überlastet und es können gut einige Wochen bis Monate ins Land gehen, ehe sie Zeit haben, dein Exposé anzuschauen. (Wenn du Glück hast, bekommst du eine Bestätigungsmail, dass die das Exposé erhalten haben und es sich anschauen werden. Das ist aber nicht der Regelfall). In dieser Zeit überarbeitest du dein Manuskript so grundlegend, wie du es versprochen hast! Bei mir hat das acht Monate in Vollzeitarbeit gedauert, inklusive einer sprachlichen Überarbeitung durch eine externe (von mir engagierte) Lektorin.

Jetzt bekommst du entweder eine Absage (nicht schlimm! Beim nächsten Verlag versuchen!) oder dein Lektor fordert dein Manuskript an. Dazu wird er dich auch bitten, dir Namen von Professorinnen und Professoren in deinem Feld zu nennen, die ein qualifiziertes Urteil über das Manuskript abgeben können. Wenn du es eingereicht hast  schickt dein Lektor bzw. deine Lektorin das Manuskript in der Regel drei anonymen Gutachtern. Diese Gutachter sind Professoren mit einer entsprechenden Arbeitsbelastung. Es können also weitere Monate (selbst ein Jahr ist nicht außergewöhnlich) vergehen, ehe alle Gutachten eingetroffen sind.

Wenn die Gutachten vorliegen, wird der Lektor oder die Lektorin dich wieder kontaktieren. Jetzt gibt es eine Absage, eine Zusage oder die Bitte, zu den Gutachten Stellung zu nehmen, wenn die Gutachten nicht einheitlich sind in ihrer Publikationsempfehlung. In deiner Stellungnahme fasst du die Kritik der Gutachterinnen und Gutachter zusammen und beantwortest die einzelnen Punkte – versprichst, Material zu ergänzen, umzustrukturieren, etc. Es ist auch gerechtfertigt, zu sagen, wenn du  mit der Kritik nicht übereinstimmst, wenn du es gut begründest. Nach Eingang der Stellungnahme gibt es dann die endgültige Entscheidung, ob der Verlag dein Manuskript nimmt oder nicht.

Wenn ja: Herzlichen Glückwunsch! Es wartet noch mehr Arbeit auf dich (mehr dazu bei Katelyn Knox in Schritten 5–7).

Wenn nicht: Macht nichts. Weiter versuchen, eventuell bei einem kleineren Verlag.

Zeitliche Faktoren

Und wie lange dauert es insgesamt, bis dein Buch auf dem Markt ist? Im Vergleich zu deutschen Verlagen: Lange. Du solltest mindestens ungefähr 1,5 Jahre rechnen vom Erstellen des Proposals bis zur Zusage und mindestens weitere 1,5 Jahre von der Abgabe deines fertigen Manuskripts bis zur Publikation des Buches. Da du ja auch noch Zeit brauchst, das Manuskript nach den Anforderungen des Verlags zu überarbeiten, rechne hierfür auch noch einige Monate ein. Dann kommst auf mindestens 3,5 Jahre, wenn alles gut läuft.

Und was ist mit der Publikationspflicht?

Da du so lange wohl kaum Zeit hast, um deiner Publikationspflicht nachzukommen, empfehle ich die Microfiche- oder Copyshop-Publikation (deine Prüfungsordnung verrät dir, ob das eine zulässige Möglichkeit ist). Auf keinen Fall das Exemplar online publizieren, das sehen Verlage verständlicherweise nicht gern. Ich habe vorher aber bei meinem Verlag nachgehakt, ob eine Microfiche-Publikation ein Problem wäre (war es nicht). Jetzt ruht meine Diss auf Microfiches in der Deutschen Nationalbibliothek und 94 weiteren Bibliotheken und wird hoffentlich nie von jemandem eingesehen! (Wer je Microfiche bedient hat, weiß, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist).

Für alle, die sich jetzt noch nicht endgültig haben abschrecken lassen: Good luck!!!

Hilfreiche Links:

Über das Book Proposal:

The Professor is In: How to Write a Book Proposal 

The Professor is In: Should I Send Out a Book Proposal before the Manuscript is Completely Finished?

Katelyn Knox: What to Do Before Writing an Academic Book Proposal

(und Fortunato/Rabiner: Thinking LIke Your Editor)

Zum ganzen Prozess:

Katelyn Knox: The Seven Stages of Publishing Your First Academic Book

Phillip Magnes beim American Institute for Economic Research: The Astonishing Mess of Academic Publishing

Zur Sprachlichen Überarbeitung des Manuskripts:

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