Während der Promotion ein Kind bekommen? Ein paar Entscheidungshilfen

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Es gibt Nachwuchs im Café cum Laude! Ich habe in der finalen Phase meiner Diss mein erstes Kind bekommen und dieser Entscheidung sind einige Überlegungen vorausgegangen. Besonders Doktorandinnen hadern immer wieder, ob und wie sie Familienplanung und Doktorarbeit unter einen Hut bekommen können. Deshalb will ich heute ein paar Entscheidungshilfen teilen, die mir geholfen haben. Meine Erfahrungen beziehen sich primär auf promovierende Frauen, die ihr erstes Kind planen. Wenn der Promovend der Vater ist, oder man bereits Kinder hat, stellen sich vermutlich andere Fragen, die ich nicht auf dem Schirm hatte.

Meine Oma sagt immer: Den perfekten Zeitpunkt für Kinder gibt es nicht. Davon bin ich ebenfalls überzeugt und dementsprechend spricht grundlegend nichts dagegen, während der Promotion das erste Kind zu bekommen. Wenn einen die Schwangerschaft aber nicht gerade überrascht (das passiert auch und ist manchmal das schönste Wunder, weil man sich die Grübelei spart), stellt man sich trotzdem vorher die Frage, ob und wie das alles gehen soll.  Die folgenden 5 Fragen können bei der Entscheidung helfen, ob man während der Promotion schwanger werden sollte.

  1. Wie gut kannst du mit Kontrollverlust umgehen?

Die meisten Promovierenden kennen ihre eigene Arbeitsweise spätestens in der Promotion sehr genau. Sie wissen, wie viel sie in welcher Zeit schaffen können und arbeiten mit Zeitplänen, Deadlines und To-Do-Listen. Eine Schwangerschaft kann dieses ganze System ziemlich ins Wanken bringen – ein Faktor den man insbesondere beim ersten Kind gern mal unterschätzt. Jeder Körper reagiert auf eine Schwangerschaft anders. Manche Frauen sind topfit, haben keine Beschwerden können bis kurz vor der Geburt am Schreibtisch sitzen. Andere liegen die ersten drei Monate mit Übelkeit flach, sind ständig erschöpft und haben Kreislaufprobleme, können auf Grund der Rückenschmerzen kaum sitzen oder müssen auf ärztliche Anordnung sogar eine gewisse Zeit lang liegen. Die meisten Frauen bewegen sich irgendwo in der Mitte. Wie genau es dir in der Schwangerschaft gehen wird, kann man vorher leider nicht vorhersehen. Das kann bedeuten, dass alle Zeitpläne, mögen sie noch so realistisch gewesen sein, hinfällig sind. Oft wird schlau daher gesagt: „Du bist nicht krank, sondern schwanger!“ Während das natürlich richtig ist, fühlt sich die Schwangerschaft bei manchen Frauen aber zwischendurch wie eine Krankheit an. Es ist gar nicht so einfach, zu akzeptieren, dass man nicht mehr so viel schafft wie vorher. Deshalb sollte man vorher überlegen, wie man mit unvorhergesehenen körperlichen Veränderungen, die sich auf die Leistungsfähigkeit auswirken werden, umgeht.

2. Was musst du noch machen?

Eine Frage ist sicher das Timing einer Schwangerschaft. Je nachdem, in welcher Disziplin man verortet ist und wie das Projekt geartet ist, kann ein Babybauch eine ziemliche Verzögerung bedeuten. Es gibt einige Laborarbeiten, die Schwangere nicht mehr ausgeführt werden dürfen, z.B. wenn bestimmte Stoffe im Spiel sind. Wenn dir noch jede Menge solcher Versuche fehlen, sollte man das bei der Babyplanung bedenken

In manchen Kontexten kann ein Babybauch hinderlich sein. Die könnte zum Beispiel in sehr männlich geprägten Branchen der Fall sein, etwa wenn deine Feldforschung mit Soldaten zu tun hat. In so einem Kontext könnte der dicke Bauch dazu führen, dass du nicht alles mitmachen kannst oder dass du vielleicht nicht erst genommen wirst. In anderen Bereichen kann der Bauch helfen, z.B., wenn du junge Väter befragst.

3. Wie sieht die Finanzierung aus?

Es macht Sinn, sich schon frühzeitig zu informieren, wie sich eine Schwangerschaft, Mutterschutz und Elterngeld finanziell organisieren lassen. Das ist in jedem Fall ganz unterschiedlich und abhängig davon, ob man an der Uni angestellt ist oder auf einer Drittmittelstelle sitzt, ob man ein Stipendium bezieht oder der Vertrag befristet ist. Deshalb sollte man schon früh klären, ob es Anspruch auf Elternzeit und Verlängerungen gibt und durchrechnen, wie viel Elterngeld tatsächlich am Ende übrigbleibt. In diesem Zusammenhang lohnt es sich auch, sich zu informieren, ob man ggf. andere Zuschüsse beantragen kann, wie bsp. Wohngeld. Natürlich sollte der finanzielle Aspekt nicht ausschlaggebende Grund für oder gegen ein Baby sein. Am Anfang brauchen Kinder noch nicht viel, eine Erstausstattung kann man auch Second Hand besorgen und man muss nicht zwangsläufig sofort in eine größere Wohnung umziehen. Trotzdem sollte man das Thema Geld nicht komplett vergessen, denn finanzielle Sorgen können sehr belastend sein und sind leider immer noch oft der Grund, warum eine Diss abgebrochen wird.

4. Wie soll die Betreuung organisiert sein?

Schon lange bevor das Baby auf der Welt ist, sollte man sich Gedanken machen, wie die Betreuung organisiert werden soll. Planst du eine richtig lange Mama-Pause zu machen oder willst du schnell wie an der Diss arbeiten? Dabei gibt es kein richtig oder falsch, es ist eine vollkommen persönliche Entscheidung! Für letzteren Fall wirst du vermutlich irgendeine Art der Betreuung brauchen. Denn ich wage zu behaupten, dass man neben der Vollzeitbetreuung eines Kindes nicht noch nebenbei die Diss wuppen kann. Deshalb sollte man früh überlegen, ab wann und wie das Kind betreut werden soll. Gibt es eine Kita an der Uni? Ab welchem Alter kann man seine Kinder dort betreuen lassen? Hast du Familie und Freunde in der Gegend wohnen, die regelmäßige Betreuung übernehmen können oder dir tageweise Zeit verschaffen? Wie arbeitet der Papa/die Partnerin und in wie weit können sie die Betreuung übernehmen? Macht es vielleicht Sinn, dass er die Elternzeit nimmt? All diese Fragen (die übrigens mit der Frage der Finanzierung zusammenhängen) sollte man im Hinterkopf haben, wenn man sich überlegt, während der Diss ein Baby zu bekommen.

5. Wie perfektionistisch bist du?

Vermutlich hat jede Promovendin einen gewissen Grad an Perfektionismus in sich – sonst hätte man es ja nicht so weit geschafft. Diesen Perfektionismus muss man mit einer Schwangerschaft ablegen, bzw. es geht eigentlich ganz von allein. Man verplempert weniger Zeit mit unwichtigem und hat ein ganz klares Ziel vor Augen: Die Arbeit muss fertig werden! Die Wochen bis zur Geburt verstreichen immer schneller und auch die Zeiten, die man effektiv an der Diss arbeiten kann, werden immer kürzer. Je weiter die Schwangerschaft voranschreitet, desto mehr Termine stehen an: Arztbesuche, Hebammentermine, Schwangerschaftsyoga, den Kinderwagen aussuchen, die Wickelkommode aufbauen, Kreißsaal besichtigen… Dazu kommt, dass man auf Grund der Beschwerden vermutlich eh selten 8 Stunden am Stück arbeiten kann. Das bedeutet, dass man lernt, das Maximum aus kurzen Arbeitsphasen rauszuholen. Mit einer Schwangerschaft, oder spätestens mit der Geburt des Kindes wird man automatisch pragmatischer. Während man früher ganze Tage vor sich hin geschaftlhubert hat, ohne abends genau zu wissen, was man eigentlich gemacht hat, wird man plötzlich zum Effizienz-Experten. Dieser Literaturstrang, der irgendwie auch noch mit dem Thema zu tun hat? Interessant, aber nicht für meine Diss! Ständig Social Media checken? Kann ich auch noch nachher im Wartezimmer machen! Auf diesen Call for Papers bewerben? Toll für den Lebenslauf, aber gerade nicht drin! Vier Stunden einen Aspekt recherchieren, der eigentlich noch nicht mal für die Fußnote wichtig ist? Vergiss es! Damit will ich natürlich nicht sagen, dass die Doktorarbeiten von Mamis weniger gut werden. Ganz im Gegenteil – eine Abkehr vom Perfektionismus tut so mancher Doktorarbeit richtig gut! Wenn man aber schon vorher befürchtet, dass man sich zu diesem Pragmatismus nicht durchringen kann oder dich jedes Komma, dass nicht perfekt ist, bis in den Schlaf verfolgt, sollte man das unbedingt bedenken.

Ob es eine gute Entscheidung ist, während der Promotion das erste Kind zu bekommen, ist eine individuelle Frage. Neben diesen Denkanstößen gibt es natürlich noch jede Menge persönliche Gründe, warum gerade jetzt ein guter oder weniger guter Zeitpunkt für ein Baby wäre. Außerdem kann der Austausch mit anderen Promovenden, die bereits Eltern sind, helfen. Auch da gilt es jedoch zu bedenken, dass jede Doktorarbeit, jede Familie und jedes Baby anders sind und sich die Erfahrungen nur bedingt übertragen lassen.

Tatsächlich sollte man schlussendlich auch noch bedenken, dass man ein Kind nicht einfach bestellen kann. Es ist keine Seltenheit, dass es erstmal ein paar Monate dauert, bis es klappt. Dementsprechend macht es vielleicht Sinn, sich einen „ab dann“ Zeitpunkt zu setzen und sich nicht auf ein geplantes Geburtsdatum zu versteifen.

Mit diesem Post will ich Mut machen, das Thema Familienplanung nicht per se auf die lange Bank zu schieben, nur weil man promoviert. Vielleicht helfen die Gedankenanstöße ja, sich in der Partnerschaft darüber zu unterhalten, ob Diss und Kind vereinbar sind?

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