Wann sollte man mit dem Schreiben der Diss anfangen?

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Ein Ratschlag, den bestimmt viele Promovierenden in den letzten Wochen gehört haben (Stichwort Corona-Krise), lautet: „Nutz doch die Zeit und fang schon mal mit dem Schreiben an“. Gut gemeint. Der Gedanke, in die Schreibphase der Dissertation einsteigen, löst jedoch bei vielen Promovierenden eine gewisse Panik aus.

Sobald die ersten Worte auf der Seite stehen, macht man sich angreifbar. Man bemerkt, was man alles noch nicht weiß, nicht erklären kann oder nicht zu Ende gedacht hat. Allein die Formulierungen zu finden wird zum Albtraum: Der Text wirkt viel zu platt – oder viel zu kompliziert. Irgendwie machte es im Kopf gerade noch Sinn, aber plötzlich versagen die Hände, den Gedanken genauso stringent hinzutippen. Kein Wunder, das manche Promovenden das Schreiben vor sich herschieben.

Allerdings: die gerade beschriebenen Schwierigkeiten können helfen, die Probleme der Dissertation aufzudecken. Wenn man etwas nicht aufschreiben kann, heißt das oft, dass man es selbst noch nicht verstanden hat – und genau das merkt man häufig eben erst, wenn man zu schreiben beginnt. Fakt ist, dass die Forschungsergebnisse an irgendeinem Punkt in Textform gegossen werden müssen. Insbesondere in den Geisteswissenschaften ist das Schreiben vielleicht sogar der wichtigste Teil der gesamten Promotion: ohne Daten oder Graphen, die die Ergebnisse zeigen können, muss man seine Erkenntnisse ganz besonders gut beschreiben, darstellen und erklären können. Oft hat man aber das Gefühl, man könne noch gar nicht anfangen, denn man weiß ja noch gar nicht genau, was später alles wichtig ist.

Kurz gesagt: Das Schreiben der Dissertation ist ein Paradoxon – eigentlich kann man keinen Teil schreiben, solange der andere noch nicht fertig ist. Man kann das Ganze nicht ohne seine Teile sehen, aber die Teile auch nicht ohne das Ganze.

Genau deshalb fragen sich viele Promovierende: wann sollte ich mit dem Schreiben anfangen?

Um diese Frage zu beantworten, lohnt es sich, sich mit verschiedenen Schreibtypen vertraut zu machen. Grob gesagt kann man zwei verschiedene Strategien des Schreibens unterscheiden: das Eichhörnchen und die Amsel.

Die Eichhörnchen-Strategie

Das typische Eichhörnchen sammelt und hortet Wissen und legt es ab. Typischerweise vergraben sich Promovenden, die mit der Eichhörnchen-Strategie arbeiten, monate- oder sogar jahrelang in Literaturrecherche, sammeln Daten und erheben. Im anschließenden „Winter“ werden diese Informationen wieder ausgegraben und – in der Theorie – in einem Rutsch heruntergeschrieben.

Wenn man das Eichhörnchen-Verfahren anwendet, muss man aushalten, dass man über Monate oder vielleicht Jahre extrem wenig sichtbaren Output hat. Das heißt natürlich nicht, dass man nichts erreicht ( zu Erfolgen abseits der getippten Seite hier). Meistens sagen Betreuer aber dann doch irgendwann mal sowas wie: „Schicken Sie mir doch mal ein Kapitel!“ oder fragen „Wie viele Seiten haben Sie denn schon geschriebenß“ Selbst wenn die Betreuung das nicht macht, wird man als Eichhörnchen vielleicht verunsichert, wenn Kolleginnen erzählen, sie hätten jetzt schon 150 Seiten.

Vorteil diese Methode ist allerdings, dass man vermutlich wenig Text schreibt, der nachher überhaupt nicht in der Dissertation landet (Natürlich müssen auch Eichhörnchen überarbeiten, aber meist ist die erste Version des Eichhörnchens deutlich näher am Endprodukt als die erste Version einer Amsel). Die große Gefahr der Eichhörnchen-Methode liegt darin, dass man immer mehr „Nüsse“ sammeln will und den Absprung verpasst, mit dem „Winter“ und somit der Schreibarbeit zu beginnen. Der Begriff „Winter“ passt hier ganz gut, denn diese Phase wird von vielen als wahnsinnig trist und grau beschrieben – die Gefahr der Frustration ist hier deutlich erhöht.

Die Amsel-Strategie

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Die Amsel verfolgt eine ganz andere Strategie. Amseln horten kein Wissen, sondern sie sind konstant damit beschäftigt, ihre Nester – sprich Texte – zu verbessern. Der Ornithologe weiß, dass Amseln aus dünnen Zweigen, Halmen und Moos die Nestbasis bauen, diese mit feuchter Erde verfestigen, anschießend mit Lehm verkleiden und nach Trockenpausen schließlich das Nest auskleiden und ihm so die endgültige Gestalt geben. Amseln bauen regelmäßig neue Nester, oder sie bessern bereits vorhandene Nester aus und verwenden diese wieder.

Promovierende, die diese Strategie verfolgen, fangen meist schon früh an zu schreiben, mit den Materialien die eben schon da sind. Im Lauf der Promotion werden diese Texte dann verstärkt, verbessert, verändert und manchmal eben auch verworfen.  Das bedeutet, dass dieser Typ Doktorandin zwar schon früh beginnt, Text zu produzieren, diese Texte aber natürlich noch nicht die Endversion darstellen. Ganz im Gegenteil: ein Großteil dieser Fragmente und Passagen werden vermutlich verworfen, komplett überarbeitet oder neu zusammengesetzt. Wenn man also das Amselverfahren anwendet, muss man damit umgehen können, unperfektes zu produzieren und von Zeit zu Zeit beherzt ganze Sätze, Passagen oder Kapitel über Bord zu werfen. Wem das wie die größte Zeitverschwendung überhaupt erscheint, der wird vermutlich mit der Amselmethode nicht glücklich.

Der große Vorteil der Amsel-Strategie ist, dass man sehr schnell sichtbaren Output generiert. Man hat innerhalb kürzester Zeit, „richtig“ an der Promotion zu arbeiten und voranzukommen. Außerdem kann man sich zu den Texten schon früh Feedback holen. Das hilft einerseits, der Dissertation schon früh den richtigen Kurs zu geben – die Kritik an ersten, unfertigen Gedanken kann aber auch niederschmetternd sein. Eine große Gefahr besteht darin, letztendlich mehrere unfertige „Nester“ zu haben, die nicht zueinander passen, statt irgendwann alle Vorarbeiten zu einem stringenten Textdokument zusammenzuführen und zu verdichten.

Amsel vs. Eichhörnchen

Man könnte sagen, das Eichhörnchen schreibt die Arbeit eher Top-Down, die Amsel eher Bottom-up (an dieser Stelle macht die Tiermetapher dann nur noch eingeschränkt Sinn). Eichhörnchen sammeln erst alle Informationen und Daten und entwickeln aus der Fülle des Materials die Diss. Sie kennen also alle Informationen und wissen, wie sie zusammenbauen wollen und welches Ergebnis sie letztendlich haben werden. Häufig empfinden diese Doktorandinnen es als unmöglich, etwas zu schreiben, wenn man noch nicht genau weiß, worauf man hinauswill. Deshalb ist diese Strategie auch in den Naturwissenschaften vorherrschend, denn ohne die Ergebnisse der Versuch zu kennen, ist es wahrlich schwer, schon viel Text zu produzieren. Aber auch in den Geisteswissenschaften gibt es Eichhörnchen. In diesem Fall ist ein gutes System zur Literaturverwaltung unerlässlich, denn sonst vergisst man buchstäblich, wo die Nüsse vergraben sind.

Amseln hingegen beginnen die Doktorarbeit zu schreiben, ohne im Detail zu wissen, wie das Ergebnis aussehen wird. Hier entwickelt sich das Gesamtbild aus dem Prozess des Schreibens heraus, sie schreiben sich quasi an das Ergebnis heran. Die Amselmethode bietet sich deshalb bei eher offenen, explorativen Projekten an, bei denen sich der Fokus erst im Verlauf des Projekts ergibt (z.B. nach der Auswertung des Interviews). Doktorandinnen, die die Amsel-Methode anwenden, brauchen häufig mehrere Fassungen, um ihre Theorien zu verdichten und die Argumente besser aufzubauen. Trotzdem bedeutet die Amsel-Strategie nicht, dass man vom ersten Tag in die Tasten hauen sollte. Die Amsel errichtet ihr Nest auf einer festen Unterlage und genauso sollte eine halbwegs solide Literaturbasis da sein, bevor Amsel-Strategen mit dem Schreiben beginnen.

Welche Strategie ist die bessere?

Welche Strategie die bessere ist, kann man pauschal nicht beantworten. Manch einer beginnt schon nach 2 Wochen mit dem Text, andere bringen in den ersten 2 Jahren kein einiziges Wort aufs Papier. Beides ist absolut legitim und beide Methoden haben ihre Vor- und Nachteile. Am Ende liegt es am eignen Arbeitsstil, am Projekt und an der Betreuung, welche Strategie am besten geeignet ist.

Wann man mit dem Schreiben anfangen soll, ist also eine individuelle Entscheidung. Es kann sein, dass für Teile der Diss die Amsel-Methode geeignet ist, für andere Kapitel aber die Eichhörnchen-Methode. Es lohnt sich, beide Systeme auszuprobieren und die Vor- und Nachteile abzuwägen. Denn eins ist klar: irgendwann muss die Diss in Text gegossen werden. Wenn man das aber nach der Methode macht, die zum eigenen Stil passt, muss diese Phase nicht unbedingt mit Panik verbunden sein.

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