“Non-Page-Victories” oder: Erfolge jenseits der getippten Seite

Photo by Doran Erickson on Unsplash

Im letzten Beitrag hat Franziska A. darüber gesprochen, wie man seine Erfolge feiern kann (und sollte!). Vielleicht hat die eine oder der andere beim Lesen freudlos gelacht und gesagt: „Würde ich ja tun! Wenn ich denn mal Erfolge hätte! Ich habe noch keine Seite geschrieben!“

Eine Doktorarbeit ist – besonders in den Geisteswissenschaften – auf den ersten Blick vor allem ein großes Textdokument (In den Naturwissenschaften oder bei empirischen Arbeiten ist das etwas anders, siehe hier und hier.) Daher scheint es logisch, die Fortschritte an der Doktorarbeit in geschriebenen Kapiteln oder Seiten zu rechnen. Klingt ja logisch: Je mehr ich geschrieben habe, desto näher bin ich dem Ziel der Abgabe. Leider ist es nicht ganz so einfach.

Komme ich überhaupt voran?

Ich denke, die meisten Doktoranden kennen das frustrierende Gefühl, nicht voran zu kommen. Am schlimmsten ist es, wenn man auf Weihnachtsfeiern, WG-Parties oder beim Familienbesuch arglos nach dem Stand der Doktorarbeit gefragt wird: “Und, wie viele Seiten hast du schon so geschrieben?” (Diese Frage kommt eindeutig direkt aus der Hölle! Schlimmer ist nur – je nach Beziehungsstatus: „Warum bist du Single/Wann heiratest du endlich/ Wann bekommst du endlich (noch) ein Kind?“). Nicht selten musste ich auf diese Fage ein verlegenes Grinsen entgegnen und verschämt “Hm, naja ich schreibe noch nicht/ Noch nicht so viele/So ca. 20/ So ca. 22/ So ca. 26” murmeln. Selbst wenn der Gegenüber verständnisvoll lächelt und sowas sagt wie “Naja, du hast ja noch viel Zeit!” macht es das meist nicht besser.

Wenn man am Ende des Tages, der Woche oder des Monats feststellt, dass man nichts geschrieben hat, kann das ziemlich an den Nerven zehren. Ohne den messbaren Erfolg, dass das Worddokument stetig wächst, stellt sich schnell das Gefühl ein, auf der Stelle zu treten. Die ganzen Stunden an Arbeit scheinen sich überhaupt nicht in Fortschritten niederzuschlagen. Dieses Ausbleiben von Erfolgserlebnissen kann ziemlich an der Motivation nagen.

Die vielbeschworene Meilenstein-Liste

Deshalb ist es sehr wichtig, seine Fortschritte und Erfolge regelmäßig zu reflektieren, um dem Gefühl „Ich komme überhaupt nicht voran!“ gar keine Chance zu lassen. Jeder Ratgeber zum Verfassen einer Doktorarbeit empfiehlt deshalb, die Diss in kleinere Aufgabenpakete zu zerteilen und sich „Meilensteine“ oder „Etappenziele“ zu setzen. Das ist auf jeden Fall sinnvoll und wichtig, aber es gibt da ein Problem: die meisten von uns denken diese Meilensteine in Absätzen, Seiten oder Kapiteln. Auf Meilenstein-Listen, die ich bei Kolleginnen und Kollegen an der Pinnwand hängen sehen, stehen häufig Etappenziele wie „Kapitel 2“ oder „Forschungsstand schreiben“.

Während das zweifelsohne wichtige Meilensteine sind, verläuft das Schreiben einer (geisteswissenschaftlichen) Doktorarbeit leider nicht linear. So kann es vorkommen, dass man über Wochen, Monate oder vielleicht sogar ein ganzes Jahr lang keine neuen Seiten oder Kapitel zum Worddokument hinzufügt. Dann kommt schnell Frust auf und man fragt sich vielleicht selber immer häufiger: „Komme ich überhaupt voran?“

Ich plädiere für eine radikal andere Sichtweise auf das Thema: geschriebene Seiten sind nicht unbedingt gleichbedeutend mit Fortschritt und Erfolg, und genauso kann man Fortschritt und Erfolg haben, ohne dass man auch nur eine Seite getippt hat.

Eine wirklich hilfreiche Sportmetapher

Um dieses scheinbare Paradox zu erklären, greife ich auf ein Konzept aus der Sport- und Fitnesswelt zurück. Die allgemeine Ratgeberliteratur, diverse Foren, Blogs und Coachingprogramme bemühen für Durchhalteparolen für Doktoranden immer wieder Analogien aus dem Sport. Die Klassiker sind wohl: „ Die Diss ist ein Marathon“, „Show up everyday“,  „Selbstdisziplin/das Schreiben/insert random virtue here/ ist wie ein Muskel, den man trainieren kann“. Während man die Sinnhaftigkeit dieser Analogien durchaus in Frage stellen kann, habe ich heute eine Metapher im petto, die ich tatsächlich sehr hilfreich finde.

Im Sport- und Fitnessbereich streben viele Leute Ziele an, die im weitesten Sinne mit dem Gewicht zu tun haben: entweder wollen sie Fett verlieren oder Muskeln aufbauen. Deshalb scheint die Waage auf den ersten Blick das geeignete Instrument zu sein, um Fortschritte zu überprüfen. Die Fitnesswelt weiß jedoch schon lange, dass das Quatsch ist und man sich nicht auf die Waage fixiere sollte, um die eigenen Fortschritte zu tracken. Stattdessen sind Non-Scale-Victories (NSV), die „Nicht-Waagen-Erfolge“ die eigentlich wichtigen Anzeichen, dass es voran geht. Non-Scale-Victories sind Sport- und Fitness-Erfolgserlebnisse, die sich außerhalb der Waage zeigen: z.B. dass man eine größere oder kleinere Kleidergröße kaufen muss, dass man einen Klimmzug schafft, dass man beim Aufstieg in den vierten Stock nicht mehr schnaufen muss usw. Viele Fitnessgurus sind sich einig, dass die Non-Scale-Victories die wirklich wichtigen Erfolge sind, denn das sportliche Ziel ist ja nicht wirklich eine bestimmte Kilozahl auf die Waage zu bringen, sondern fitter/stärker/muskulöser/gesünder zu werden.

Non-Page-Victories

In Analogie zu den Non-Scale-Victories sollte man für die Diss vielleicht über seine Non-Page-Victories nachdenken – also über die Erfolge, die sich nicht in geschriebenen Seiten messen lassen. Denn letztendlich ist eine Doktorarbeit natürlich kein riesiges Word-Dokument, sondern eine wissenschaftliche Arbeit, die Hypothesen testet, Argumente entwickelt, Fragen beantwortet und Konzepte vorschlägt. Der Fortschritt dieser Aspekte lässt sich nicht daran messen, wie viele Seiten man schon geschrieben hat: Die Tatsache, dass man ein Schaubild auf der Pinnwand erstellt hat, zeigt eventuell besser, dass man die Logik der Argumentation ausgetüftelt hat, als 1000 Zeichen Text. Dass man einen „Schlachtplan“ für die nächste Phase der Diss entwickelt hat, lässt sich vielleicht besser an einem ordentlichen Zeitplan erkennen, als in 3 Seiten Arial.

Andersrum ist es auch per se noch kein Fortschritt, irgendwas getippt zu haben, denn man kann auch seitenweisen Schmu produzieren. Wenn man zwar viel Text hat, aber dieser weder zur Argumentation beiträgt, noch zielführend für die Arbeit ist – hat man dann etwas erreicht? (Ich will hier übrigens in keinster Weise den Wert von Skizzen, drafts und ersten Entwürfen schmälern. Das sind sehr wichtige Fortschritte und meiner Meinung nach unabdingbar für den Forschungsprozess. Aus eigener Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass so manches doch nicht in der Diss landet. Deshalb ist es per se noch kein Erfolg, 20 Seiten geschrieben zu haben.). Wordseiten sind einfach nicht das einzige Instrument, um den Fortschritt einer Doktorarbeit zu messen, Wenn man aus dieser Perspektive auf die Arbeit der letzten Monate und Wochen der Doktorarbeit schaut, dann erkennt man vermutlich einige Non-Page-Victories.

Eine persönliche Sammlung von Non-Page-Victories

Mein wichtigster Non-Page Victory im ausklingenden Jahr 2019 war ein Gespräch mit einer Expertin zu meinem Thema. Ich hatte ihr vorab ein Mini-Exposé mit einer sehr verkürzten Literaturliste geschickt. Während unseres Gesprächs gab sie mir dann Lektürehinweise und empfahl mir einige Publikationen, die für mich relevant sein könnten – und ich kannte sie alle schon. In diesem Moment fühlte ich mich zum ersten Mal seit dem Beginn der Diss nicht mehr, als würde ich in Literatur ertrinken. Ich hatte das Gefühl, „einmal rum zu sein“ und die erste Runde geschafft zu haben, um wieder eine Sport-Metapher zu bemühen. Auch wenn sich dieser Moment in keinster Weise in getippten Seiten widergespiegelt hat, hatte ich endlich einen Überblick über die relevante Forschungsliteratur (da mein Thema sehr interdisziplinär ist, war das für mich eine große Sache – in anderen Disziplinen ist das vielleicht eher ein kleiner Non-Page-Victory).

Dieser Moment hat mir zum ersten Mal die bahnbrechende Bedeutung von Non-Page-Victories verständlich gemacht, und seitdem fallen sie mir häufiger auf:

  • Ich kann endlich das Thema meiner Diss in einem Satz zusammenfassen
  • Ich habe eine Gliederung, mit der ich erstmal gut arbeiten kann
  • Ich wurde zum ersten Mal als Expertin für ein Thema angesprochen
  • Bei Kolloquien konnte ich zu jeder Kritik an meinem Vorgehen ein gutes Gegenargument liefern oder sagen „Diesem Umstand bin ich mir bewusst, das werde ich so und so berücksichtigen”, weil ich die ganzen Krtikpunkte schon einmal gehört hatte

Falls ihr jetzt trotzdem noch das Gefühl habt, nicht voranzukommen und nichts zu erreichen, lautet mein Tipp: lest ein altes Exposé (da werdet ihr vermutlich sehen, wie sehr sich das Projekt entwickelt hat) oder sprecht mit einer Kollegin, einem Freund oder dem Partner. Manchmal merken Außenstehende viel eher, wenn der Knoten geplatzt ist oder man einen riesigen Sprung geschafft hat. Wenn man also ganz konkret fragt: „Was glaubst du habe ich im vergangenen Jahr doktorarbeits-technisch erreicht?“, bekommt man oft aufschlussreiche Antworten, z.B.: „Naja, du jammerst nicht mehr immer darüber, dass du das Thema nicht eingrenzen kannst/Du stöhnst seltener darüber, dass du Foucault nicht verstehst/Du scheinst inzwischen einen roten Faden gefunden zu haben.“ Da ist es ähnlich wie in der Fitness-Welt, wo auch die anderen meist schneller bemerken, dass man etwas geschafft hat („Gehst du trainieren?“) Es kann sich auch lohnen, eine Liste der Non-Scale-Victories anzulegen und sie neben die viel beschworene Meilenstein-Liste zu hängen. Immer wenn man das Gefühl hat, viel zu selten einen Meilenstein abhaken zu können, fällt der Blick auf die Non-Scale-Victories daneben. Hoffentlich stellt sich dann das Gefühl ein “Na, ich komme doch ein bisschen voran!”

Das könnte dich auch interessieren:

Leave a Reply

Your email address will not be published.