Die Disputation – Zwischen „Reine Formsache“ und „Panikattacke“

Photo by DDP on Unsplash. Ist einfach weglaufen auch eine Alternative bei der Disputation? Leider nein.

Nach Abgabe der Dissertation sehen deutsche Promotionsprüfungsordnungen die Verteidigung der Arbeit als nächsten Schritt vor. Ich habe meine Disputation im Dezember letzten Jahres gut überstanden und euch hier fünf Dinge aufgeschrieben, die ich gerne vorher gewusst hätte.

Ich habe in der experimentellen Physik promoviert. In unserem Fachbereich ist der Ablauf folgendermaßen: Nach Abgabe der Arbeit geht diese an zwei Gutachter, die angehalten sind innerhalb von vier Wochen ihre Gutachten zu verfassen (Ich weiß, ich weiß – Geisteswissenschaftler fallen jetzt gerade lachend oder weinend vom Stuhl. Meine Arbeit hatte hundert Seiten, mit Bildern, das kann man schon mal in vier Wochen lesen.). Wenn beide Gutachten positiv sind, liegt die Arbeit im Fachbereich aus, sodass jede Professorin und jeder Professor die Chance hat, sie zu lesen und eventuell zu widersprechen. Das passiert natürlich nie. Nach Ablauf dieser Frist kann dann die Disputation abgelegt werden. Einsicht in die Gutachten gibt es bei uns nur auf Antrag nach der Disputation.

Die Disputation selbst besteht dann aus einem dreißigminütigen Vortrag, der öffentlich ist, und aus einem sechzigminütigen Prüfungsgespräch, das für den Fachbereich öffentlich ist. Das wird aber in der Regel nicht so streng gehandhabt. Während meines Vortrags und des Prüfungsgesprächs waren also ein Großteil meiner Kollegen anwesend, einige Freunde und mein Mann.

Meine Gutachter waren nicht der böse Reviewer 2

Ich hatte vor der Disputation keinen Einblick in die Gutachten, was mich schon nervös gemacht hat. Den Zweitgutachter kannte ich kaum, und ich habe mir sehr lebhaft und detailreich ausgemalt, wie er meine Arbeit zerreißen könnte. Also so im Sinne von „Was ist denn die Relevanz ihrer Arbeit?“, „Das ist doch nichts Neues!“ oder „Ich zweifele die Validität ihrer Daten an.“. Tatsächlich hat dieser Gutachter mir einfach interessierte Fragen gestellt. Es war mehr ein interessiertes Gespräch als eine Verteidigung und bestimmt keine Abfrage-Prüfung.

Im Nachhinein ist mir auch klar, dass dieser Gutachter meine Arbeit gar nicht hätte zerreißen können. Er kannte sich in dem Gebiet ja gar nicht aus. Wie hätte er bewerten sollen ob meine Arbeit neu und originell ist, wenn er doch nichts von der bestehenden Literatur kennt. Diese Urteile hätte nur mein Erstgutachter fällen können aber mit dem habe ich die Arbeit vorher schon vielfach besprochen und er hatte sie ja auch angenommen.

Es war schön Freunde und Kollegen dabei zu haben

Zunächst fand ich den Gedanken die Disputation auch noch vor meinen Kollegen absolvieren zu müssen sehr abschreckend. Dann habe ich aber immer mehr darüber nachgedacht, dass meine Kollegen und Freunde ja völlig auf meiner Seite stehen und es auch ein bisschen das Prüfungsgefühl mindert, wenn man Publikum hat. Vor, während und nach der Disputation fand ich es dann sehr schön so viele Menschen dabei zu haben. Tipp: Sagt zumindest euren Freunden, dass sie während des Vortrags freundlich schauen sollen (nicken und lächeln!); der konzentrierte Gesichtsausdruck sieht bei sehr vielen Menschen ablehnend aus, wie ich auf Konferenzen immer wieder feststellen musste.

Ich war die Expertin

Wie oben schon angedeutet: Die Gutachter haben weniger Ahnung vom Thema als du. Ja, auch dein Chef. Niemand kennt deine Daten und Argumente so gut wie du. Es ist völlig normal daran zu zweifeln, gerade vor der Verteidigung. Man denkt über die Schwachstellen der eigenen Arbeit nach, über all die Fragen die man nicht klären konnte und all die Aussagen, die man schwammig formuliert hat. Ich weiß ihr werdet mir nicht glauben, ich habe das vor meiner Disputation auch niemandem geglaubt, aber: Nur du siehst deine Arbeit so kritisch. Die Gutachter werden diese „Schwachstellen“ größtenteils übersehen. Und sie werden ganz sicher keine Lücken finden, die du nicht schon längst kennst.

Es ist nicht schlimm einige Fragen nicht beantworten zu können

Mein dritter Prüfer kam aus der theoretischen Quantenmechanik und hat mir tatsächlich ein paar Fragen aus dem Grundstudium gestellt. Das war vorher eine meiner größten Ängste aber dann gar nicht so schlimm. Zum einen war dreiviertel der Prüfungszeit schon rum und ich hatte das Gefühl, dass es bis dahin gut gelaufen war. Zum anderen hat dieser Prüfer seine Fragen mit „Ich weiß, dass ist weit weg für Sie aber wissen Sie denn …“ eingeleitet. Die erste seiner Fragen konnte ich noch sicher beantworten, danach wusste ich einige Sachen so halb, habe einmal einfach geraten (daneben) und dann auch mal gesagt, dass ich das nicht wüsste. Gut war, dass ich bei einigen Themen das Prinzip kannte aber nicht die genaue Antwort. Also zum Beispiel warum sich Teilchen A und B unterschiedlich verhalten aber nicht wie sie sich genau verhalten.

Ich habe gemerkt, dass es nicht schlimm ist ein paar Fragen nicht beantworten zu können. Den Prüfern war natürlich auch bewusst, dass ich Expertin für mein Thema bin aber sicher nicht für alle Themen der Physik, ja nicht einmal für alle Themen der MRT-Physik (Magnetresonanztomographie).

Der wichtigste Teil der Vorbereitung war mich nicht verrückt zu machen

Das gemeine an der Disputation ist meiner Meinung nach, dass sie von außen so sehr als reine Formsache wahrgenommen wird. Wenn man sie (auch sehr gut) besteht, erfüllt das also gerade mal die Erwartungen. Natürlich wird jemand, dessen Doktorarbeit angenommen wurde, in aller Regel auch die Disputation überstehen. Ein Kollege von mir, der seit ungefähr dreißig Jahren im Unibetrieb arbeitet, wusste von einer einzigen Disputation, die nicht bestanden wurde. Und auch da hat im zweiten Anlauf alles geklappt. Trotzdem ist man eben furchtbar nervös. Eine Stunde lang vor drei Professorinnen zu stehen und keine guten Antworten zu wissen ist sicher sehr, sehr unangenehm.

Die Chance, dass einem gute Antworten einfallen steigt aber, wenn man nicht wahnsinnig nervös ist. Daher sollte man in der Vorbereitungsphase darauf achten, sich nicht verrückt zu machen. Das heißt zum Beispiel nicht mit dem Kollegen, der immer alles besser weiß, Mittag essen gehen. Außerdem finde ich es hilfreich die Dinge, die man kontrollieren kann, sehr gut vorzubereiten. Das heißt zum Beispiel den Vortrag mehrfach vor Publikum vorzutragen. Besonders hilfreich sind da natürlich Kollegen aber auch Mitbewohner, Freunde oder Geschwister sorgen dafür, dass man sich an die Nervosität vor Publikum gewöhnt.

In diesem Sinne, lasst euch nicht von der Disputation verrückt machen und wenn ihr demnächst in einer mit drin sitzt: immer schön Lächeln und Nicken!

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