Die Doktorarbeit als 40-Stunden-Woche

Wir haben es ja schon anklingen lassen: Es gibt Neuigkeiten im Café cum laude! Ab sofort ist Franziska Englert mit im Boot der regelmäßigen Autorinnen. Franziska E. promoviert seit April 2018 in Köln im Fach Regionalstudien Lateinamerika über Versöhnungstelenovelas. Ihr Doktorandenalltag pendelt zwischen zwei Extremen: Telenovelas-Schauen und der Versuch, diese Telenovelas mit juristischen Konzepten und dem kolumbianischen Friedensprozess zu verbinden. Abseits von der Diss schlägt ihr Herz für Kochen (und Backen und Fermentieren), Sport, Flohmärkte und Kino. Wir freuen uns sehr, dass Franziska mit im Team ist und freuen uns, bald noch mehr von ihr zu lesen!

Ich finanziere meine Diss über ein Vollzeitstipendium. Das bedeutet, ich habe keinen Nebenjob in der Gastro, und auch keine Verwaltungsaufgaben am Lehrstuhl, keine Lehrveranstaltungen zu planen oder zu halten und keine Klausuren zu korrigieren – ich habe (im Prinzip) den lieben langen Tag Zeit für die Diss.

Was für manche wie ein Traum klingt, kann sich schnell zum Albtraum entwickeln.

40-Stunden Woche – Illusion und Realität

Man sollte meinen, wer keine anderen Verpflichten neben der Doktorarbeit hat, sollte deutlich schneller vorankommen als Doktorandinnen, die nebenbei eine halbe (oder sogar ganze) Stelle haben. Ich kann bestätigen, dass das nicht unbedingt der Fall ist: Mehr Zeit bedeutet nicht automatisch mehr Arbeit.

Es ist natürlich eine Illusion, NUR NOCH an der Diss zu arbeiten, denn in der Praxis besteht das Leben auch noch aus anderen Verpflichtungen, Sozialleben, Partnerschaft, Haushalt, Hobbies (und in vielen Fällen Kinder, was bei mir jedoch aktuell nicht der Fall ist). Damit reduziert sich die tatsächlich verfügbare Zeit schon mal drastisch. Viel gravierender jedoch: Keinerlei andere Verpflichtungen heißt auch keinerlei Struktur – niemand merkt, wie lange/ob ich arbeite und da man ja prinzipiell nichts anderes machen muss, tut man 1000 andere Sachen, als an der Diss zu arbeiten.

Tatsächlich wage ich auf Grundlage absolut nicht repräsentativer privater Erfahrungen und Beobachtungen im Freundes- und Kollegenkreis zu behaupten, dass man effizienter arbeitet, wenn man nur eingeschränkte Zeitfenster zur Verfügung hat. Absolute Abwesenheit von Struktur und die überhaupt nicht greifbare Aussicht, 3 Jahre Zeit nur für die Diss zu haben, verführt eher dazu, Zeit zu vertrödeln, nicht zu priorisieren, oder schlicht und einfach jeden Tag viel zu lange zu schlafen.

Ein Job wie viele andere?

Franziska E. ist seit August 2019 mit dabei!

Auf einer Summer School habe ich den Tipp bekommen, meine Diss – trotz Stipendium, trotz der besonderen Situation Forschung – wie einen ganz normalen Job zu behandeln. Das bezog sich einerseits auf die Arbeitszeiten, aber auch auf das Selbstverständnis. Unter anderem sagte der Trainer dort zu uns: „Ein Koch sagt morgens auch nicht: ich fühle mich heute nicht inspiriert, ich koche heute nichts. Er geht zur Arbeit und macht seinen Job. Euer Job ist Wissenschaft. Geht jeden Tag hin und macht ihn.“

Ich habe mir diesen Ratschlag sehr zu Herzen genommen und versuche seit über einem Jahr, meine Diss wie einen stinknormalen 40h-Job zu behandeln. Spoiler Alert: Das klappt nicht immer und ich glaube, es ist auch nicht immer sinnvoll. Es ist aber – vor allem für Doktorandinnen, die sich mit einem Stipendium oder über pribate Rücklagen finanzieren – ein guter Ansatzpunkt, um das ganz eigene System zu finden.

Struktur und Abgrenzung

Ich bemühe mich, jeden Tag zwischen 8.00 und 8.30 Uhr am Schreibtisch zu sitzen. Bis zur Mittagspause arbeite ich also 4 Stunden, und sitze dann meistens um 13.00 Uhr wieder am Schreibtisch. Um auf eine 40h-Woche zu kommen, müsste ich dann bis 17.00 Uhr bleiben (auch das klappt in der Praxis dann doch nicht immer).

Die Arbeit an der Diss als ganz normalen 40h-Job zu sehen, hat für mich „nach innen“ und „nach außen“ einen disziplinierenden und abgrenzenden Effekt: Durch meine selbstauferlegten, festen Arbeitszeiten gerate ich weniger in Versuchung, um 11 immer noch im Schlafanzug am Küchentisch zu sitzen und ständig spontan einen Tag am See einzulegen. Ich versuche auch, im Büro nach Möglichkeit keine privaten Mails und Anrufe abzuarbeiten, sondern da wirklich nur zu arbeiten. Auch nach außen hilft es mir, dass meine Arbeit an der Diss ernst genommen wird.

Da ich ja „prinzipiell“ so wahnsinnig flexibel bin und keinen “richtigen” Job habe, passiert es nämlich immer wieder, dass Andere über meine Zeit verfügen wollen. Durch meine Arbeitszeiten fällt es mir viel leichter, dem Druck zu wiederstehen, Besorgungen und Aufgaben für Freunde zu übernehmen oder Treffen während der Arbeitszeit auszumachen (Die Klassiker: „Du kannst doch morgen das Geschenk für XY besorgen/Wir können uns doch zu Frühstücken treffen/Kannst du bitte die Hotels für den Urlaub recherchieren“.) Für die Abgrenzung und Anerkennung der Diss finde ich es wahnsinnig befreiend, wenn ich sagen kann: „Tut mir leid, morgen früh bin ich im Büro und arbeite.“ Natürlich erlaube ich mir auch mal, einen Arzttermin in meine selbstauferlegten Kernarbeitszeiten zu legen oder eine Freundin schon um 11 Uhr vom Bahnhof abzuholen und bin wahnsinnig dankbar für dieses Privileg.

Einerseits zwinge ich mich durch meine 40h-Woche, in dieser Zeit auch wirklich zu arbeiten. Anderseits begrenze ich damit auch die Arbeitszeit. Wissenschaft hat die Tendenz, sich auszudehnen. Wenn man seine Wochenarbeitszeit nicht künstlich begrenzt, breitet sich Diss ins Privatleben aus und beginnt, Feierabende, Wochenenden und Ferien zu okkupieren. Durch die 40h-Woche wird diese Gefahr deutlich eingedämmt: von ca. 8 bis ca. 17 Uhr arbeite ich (hoffentlich), darüber hinaus nicht (Es gibt natürlich Zeiten, in denen das nicht klappt. Wenn eine Konferenz ansteht, ich ein Kapitel verschicken wollte, abstracts oder Stipendienanträge abgegeben werden müssen, sitze ich auch manchmal am Wochenende vor dem PC. Ich versuche aber, dass diese „Überstunden“ die absolute Ausnahme bleiben).

Zwei wichtige Erkenntnisse

Ich will jedoch ehrlich sein: mein Problem ist weniger, dass ich die 40h-Woche überschreite. Ich neige eher dazu, nicht von 8.00 bis 17.00 Uhr am PC zu sitzen. Gerade am Anfang hatte ich oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich das Privileg der vielen Zeit nicht genutzt habe und nicht 40h in der Woche an der Diss gesessen habe.

Inzwischen hat sich das gelegt, weil ich zwei wichtige Erkenntnisse gewonnen habe.

Erstens: Das Gehirn kann nicht 8h am Tag Höchstleistung bringen.

Um sich das vor Augen zu führen, hilft es, sich an Praktika oder Jobs zurückzuerinnern oder mit Freundinnen und Familienmitgliedern zu sprechen, die einen klassischen 9-to-5-Job haben. Wenn man ganz ehrlich ist, gibt es in diesen Jobs Zeiten am Tag, in der Woche oder im Monat, in denen etwas Flaute herrscht. Da gibt es dann vielleicht einen Plausch mit Kollegen, verlängerte Kaffeepausen oder der eine oder die andere surft schlicht ein wenig im Internet. Ich wage zu behaupten, dass die wenigsten Leute, die einem Bürojob nachgehen, 40 Stunden die Woche vollkonzentriert arbeiten. Und selbst wenn jetzt jemand behauptet, er würde niemals im Büro Zeit vertödeln: fast jeder Job enthält ab und an Routineaufgaben, die zwar erledigt werden müssen, den Kopf aber nicht sonderlich fordern – zum Beispiel das Sortieren und Abheften von Dokumenten, die Aktualisierung von Excel-Tabellen, das „Schönmachen“ von Präsentationen usw.

Deshalb hat Forschung mit einem normalen Bürojob auch nicht viel gemeinsam. Nichts fasst dieses Problem besser zusammen als eine Szene in „The Big Bang Theory“, in der Raj und Sheldon ein Forschungsproblem lösen wollen: die beiden starren auf ein Whiteboard mit Formeln und denken angestrengt nach, während „Eye of the Tiger“ ertönt. Zum großen Teil ist meine Forschung genau das: angestrengtes Nachdenken. In der aktuellen Phase habe ich keinerlei Routineaufgaben, bei dem ich dem Hirn eine kurze Auszeit gönnen könnte. Das führt dazu, dass manchmal nach 4 Stunden oder nach 6 Stunden oder an manchen Tagen auch nach 2,5 Stunden Schluss ist, weil mir einfach nichts mehr einfällt, die Konzentration weg ist oder ich feststecke. Das ist aber bei weitem nicht so dramatisch, wie ich anfangs dachte.

Zweitens:  Ich arbeite nicht nur an der Diss, wenn ich am Schreibtisch sitze und manche Ideen müssen reifen.

In regelmäßigen Abständen gibt es Phasen, in denen ich irgndwie auf dem richtigen Weg bin, aber ich kann die Idee noch nicht wirklich fassen. Diese Phasen sind ahnsinnig frustrierend und manchmal habe ich das Gefühl, je mehr ich arbeite, desto weniger komme ich der Sache auf die Spur.

Oft kommt mir die zündende Idee dann an der Supermarktkasse oder beim Gemüseschälen. In solchen Fällen nutze ich dann die Diktierfunktion im Handy, um den Geistesblitz direkt festzuhalten (was an der Supermarktkasse manchmal für Verwirrung sorgt, wenn ich plötzlich panisch mein Handy rauskrame und hinschreie “Paratexte!! Ich muss die Paratexte miteineinbeziehen!!”) In solchen Momenten merke ich, dass sich mein Gehirn weiter mit der Diss auseinandersetzt und im Hintergrund arbeitet, während ich scheinbar nur Kartoffelsuppe koche oder Quark kaufe. Inzwischen setze ich die Aktivitäten, die besonders helfen – zu Fuß gehen und duschen – bewusst ein, wenn ich feststecke (Das Duschen lässt sich natürlich nur im Homeoffice umsetzen). Manchmal brauche ich auch Abstand, um zu erkennen, ob meine neueste Idee wirklich ein großer Geistesblitz war. Da nützt es mir dann nichts, 3 Stunden auf den Bildschirm zu starren, sondern es ist oft hilfreicher, Feierabend zu machen und am nächsten Tag mit frischem Blick zu entscheiden, ob der Ansatz noch genauso überzeugend wirkt.

Das große Privileg der (nicht) 40h- Woche

Abschließend würde ich sagen: es ist ein Privileg, 40 Stunden in der Woche Zeit zu haben, um an der Diss zu arbeiten. Dass man automatisch doppelt so schnell vorankommt wie andere ist genauso illusorisch, wie die Vorstellung, eine 40-h Woche dauerhaft umsetzen zu wollen.

Obwohl ich recht viel Sympathie für die Idee habe, meine Diss zu behandeln wie ein Koch seinen Job, muss ich hier und da einschränken. Ich kann nicht kochen, wenn ich nicht weiß, was (Phasen der akuten Planlosigkeit), wenn mir die Zutaten fehlen (Phasen, in denen Daten, Ideen, Verbindungen fehlen), während meine Zutaten marinieren müssen oder schlicht der Strom (die Konzentration) weg ist.

Ich habe aber im Gegensatz zu anderen Doktorandinnen das große Privileg, die Zeit, in der das Gehirn nichts mehr hergibt, für Sport, Sozialleben oder das Kochen nutzen.

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